Frankfurt 95 (19)

19.

Lenas Papa war die Ruhe in Person. Ich war auf der Fahrt zu seiner Praxis von einer unerquicklichen Szene ausgegangen.
Lena die ihrem Vater aufgewühlt erklärt, warum sie diesen Kerl da (also mich) liebt. Ihr Vater der droht sie zu enterben und seine eigene Pistole aus dem Wandschrank holt, um mich zu erschießen. Ein minutenlanges Wortgefecht, während dem ich verblute.
Aber ihr Papa sah mir die Schmerzen an. Warf Lena einen flüchtigen Blick zu und fragte dann: „Wer ist das?“
„Die Art Mann vor der du mich immer gewarnt hast.“
Darauf schmunzelte er vergnügt, wie ein Mensch der kein größeres Vergnügen kennt, als recht zu haben und schob mich in Richtung einer Behandlungsliege.
Ich musste mich auf die Seite legen und während er sich Platz machte, um meine Wunde zu begutachten, fragte er fröhlich, als sei ich gar nicht bei Bewusstsein: „Soll ich ihn leiden lassen?“
Worauf Lena nüchtern erwiderte: „Nicht zu arg.“
Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie Lenas Vater verschiedene Materialien auf einem Metalltablett neben sich anrichtete.
„Aber du hast nicht auf ihn geschossen?“
„Guter Gedanke, Papa. Aber ich habe ihn schon so gefunden.“
„So! Sie müssen jetzt stillhalten. Ich betäube das Gebiet um die Wunde, das wird nicht angenehm. Aber den Rest halten sie aus. Ich muss die Wunde säubern, eventuell auch etwas Gewebe entfernen. Aber nicht so viel, dass man Haut transplantieren muss. Zwei, drei Stiche dürften genügen. Dann verpacken wir alles und den Rest machen Sie mit meiner Tochter aus.“
Ich brachte: „Danke!“ hervor und sah zu, wie eine Spritze mit langer Nadel, mit einem Analgetikum gefüllt wurde, dass er mir anschließend, in die Wunde spritzte.
Ich schloss die Augen.
Nachdem meine Flanke betäubt war, war es fast ein Spaziergang. Einmal rieb das Skalpell hart über den Knochen meines Beckenkamms, so dass mir von der Vorstellung schwindlig wurde, aber das Reinigen und Verbinden fühlte sich ähnlich angenehm an, wie vermutlich für den Säugling, das Trockengelegt werden.
Als mein Arzt fertig war, meinte er: „Bleiben Sie noch einen Moment liegen! Lena pass auf ihn auf.“ Ich merkte, wie er auf mich herabsah. „Lena überleg dir gut was du aus deinem Leben machst. Es kann aus jedem etwas werden. Aber du bist eigentlich zu schade, um deine Zeit mit einem Taugenichts zu verschwenden.“
„Ich habe es gehört, Papa. Danke, dass du ihm geholfen hast.“
„Hat er etwas angestellt, wegen dem ich befragt werden könnte?“
„Ich habe“, ich entschloss mich, selbst zu antworten, „einem Waffenhändler Geld abgenommen mit dem er einen hessischen Politiker bestechen wollte. Auf einer Raststätte südlich von Frankfurt.“
Lenas Papa stellte sich so, dass sich unsere Augen treffen konnten.
„Was Sie nicht sagen. Welche Partei?“
„Ich glaube CDU.“
Er lächelte, das gleiche spitzbübische Lächeln, mit dem er es genoss, dass seine Tochter ihm gestehen musste, sich den falschen Mann herausgesucht zu haben.
„Haben Sie Namen gehört?“
„Einer hieß Leisler. Der Waffenhändler mit Vornamen Karlheinz.“
„Warum fragst du Papa?“
„Du weißt doch, dass ich einen Sitz im Stadtrat habe. Es gibt immer wieder Gerüchte von Lobbyisten, die, mit hohen Geldbeträgen, Einfluss zu nehmen versuchen.“
Er sah wieder nach mir.
„Dann sind Sie ja fast ein kleiner Robin Hood.“
Das Schmerzmittel ließ nach und meine Wunde begann zu ziehen.
„Das“, ich stöhnte kurz“, „ist zu viel der Ehre.“
„Wie Sie meinen. Gib ihm noch was gegen die Schmerzen, Lena. Wenn er stehen kann, solltet ihr gehen. Kommst du am Wochenende zum Essen. Mama wollte Schmorbraten machen.“
„Ich weiß noch nicht, Papa. Danke dass du uns geholfen hast.“
Mir wurde das Herz schwer. Sie hatte „uns“ gesagt. Ich fühlte eine Zuneigung, die ich nicht verdiente.

06/20 PGF

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