Frankfurt 95 (20)

20.

Lena brachte mich in ihre Wohnung. Sie schwieg beharrlich. Da ich genug mit meinen Schmerzen zu tun hatte, konnte ich es gut aushalten.
Sie bewohnte eine nette, kleine Zwei-Zimmer-Wohnung, der man ansah, dass sie von ihren Eltern, während dem Studium gefördert wurde, aber nicht um der Bequemlichkeit willen, sondern, um vernünftig zu studieren und anschließend, der Gesellschaft zu dienen.
Es war alles vorhanden, was in einer Wohnung nötig war, vom Toaster bis zum Fernseher, aber das meiste sah gebraucht aus und trug keinen Markennamen.
„Setz dich, wenn du Schmerzen hast.“ Gestand sie mir zu.
Ich nahm das Angebot gerne an, denn ich hatte Schmerzen.
Ich setzte mich auf einen Stuhl, der vor einem kleinen Schreibtisch stand, auf dem sich Bücher stapelten. Das war mir lieber, als das Sofa, bei dem ich Sorge hatte, mit Schmerzen zu büßen, was ich beim tief hinsetzen an Bequemlichkeit gewinnen würde.
Lena blieb stehen.
„Wie viel Geld ist es?“
Ich rieb mir mit der Hand über die Stirn, als müsste ich erst irgendwelche Gedanken wegräumen, ehe ich den Betrag sehen konnte.
„400000.“
Sie machte kein Geräusch, aber ich hörte ihre Bestürzung.
„Arbeitest du auch oder bist du nur ein Dieb?“
„Gelegenheitstäter.“
„Und was arbeitetest du?“
„Ich muss nicht arbeiten, weil ich von der Beute nichts unnötig ausgebe. Von den 400000 kann ich 10 Jahre leben.“
Ich sah sie an und ich merkte, dass sie das aus dem Konzept brachte. Sie nahm mich aus der Schublade „Rücksichtloser Lebemann“ wieder heraus und hielt mich unentschlossen in der Hand.
„Was hast du schon gestohlen?“
„Immer nur Geld.“
„Wem?“
Ich schnaufte.
„Einem Juwelier. Einem Zuhälter. Einer Bank.“
„Wie viel?“
Ich war versucht zu fragen, warum willst du das wissen. Aber man fragte den lieben Gott, während dem jüngsten Gericht nicht, weshalb er das wissen will. Man beichtet.
„Dem Juwelier 114000. Dem Zuhälter 75000. Der Bank 300000.“
Lena fing an zu rechnen. Ich sah es ihr an.
„Also fehlen dir 14000.“
Ich verstand nicht.
„Nein, ich habe 400000.“
„Eben, um deine Taten wieder gut zu machen, fehlen dir 14000. Der Zuhälter ist nicht relevant, dem schadet das verlorene Geld nicht. Aber der Juwelier und die Bank, denen kannst du das Geld zurückzahlen.“
Ich meinte mich verhört zu haben.
„Aber ich habe gar nicht vor-“.
„Doch, das hast du. Bei deinen Taten musst du auf Verjährung nicht hoffen. Bei Raub kann die Spanne bis zu 20 Jahre betragen. Aber du kannst anonym eine Rückzahlung organisieren und dich um eine Entschuldigung kümmern. Dann gebe ich dir eine Chance.“
„Du gibst mir was?“
„Eine Chance. Ach ja, du musst einen Abschluss nachholen und studieren.“
Ihr Gesicht signalisierte mir, dass sie es absolut ernst meinte.
„Das solltest du nicht tun.“
„Was?“
„Du solltest dir keine Gedanken machen, was aus mir wird. Dein Papa hat recht, du hast etwas Besseres verdient.“
„Und weshalb hast du mich angerufen?“
Ich zuckte mit den Achseln.
Lena antwortete für mich: „Weil du niemand hast. Weil du wie ein Streuner bist. Die zu niemand gehören und das in Ordnung finden, bis sie alt und gebrechlich werden.“
„Hör mal! Ich bin kein Streuner.“
„Warum hast du mich angerufen?“
Wider Willen musste ich lächeln.
„Weil ich wusste, dass du die einzige bist, die „diese Sache“ in Ordnung bringen kann. Aber es war falsch, weil, weißt du: Menschen hören nur deshalb nicht auf, jemand zu lieben, weil sie dann merken würden, dass sie gar nicht wissen was Liebe ist. Ob ich es weiß, will ich nicht behaupten. Aber ich habe mir eine Idee davon geschaffen. Wenn man liebt, dann will man, dass es dem anderen gut geht. Und ich will, dass es dir gut geht und das geht besser ohne mich.“
Sie sah mich mit ihren großen, blauen Augen an, als habe ich ein wunderschönes Gedicht aufgesagt. Mit einem kleinen Fehler in der Metrik.
„Glaubst du ans Schicksal?“
„Ja, irgendwie.“
„Gut, dann gehen wir am Wochenende zu meinen Eltern zum Essen.“
„Hast du mir nicht zugehört?“
„Doch, aber, wenn du ans Schicksal glaubst, dann glaubst du auch daran, dass es einen Grund gibt, weshalb wir uns getroffen haben. Nur denkst du viel zu weit. Du denkst schon daran, dass du mir schadest, wenn wir heiraten. Aber daran denke ich gar nicht. Ich mag dich. Jetzt! Und, wenn du machst was ich will: dann magst du, in diesem speziellen Fall, mich auch. Normalerweise hat Liebe nichts, mit solchen Forderungen zu tun!
Wenn du das Essen mit meiner Mama überlebst, dann sehen wir weiter. Wir sind alle seelenverwandt, deshalb muss man nicht gleich, ein komplettes gemeinsames Leben durchdeklinieren.“
Sie bedachte mich, mit einem strengen Blick.
„Jetzt leg dich erstmal hin. Du siehst elend aus.“

06/20 PGF

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