Frankfurt 95 (21)

21.

Bis zum Samstag war ich so weit, dass Lena bereit war mich mitzunehmen.
Wir hatten die Adressen der Bank und des Juweliers herausgesucht. Ich hatte den Koffer von Muschgl. Außerdem war ich für ein Abendstudium zur Hochschulreife angemeldet.
Man kann es den Schmerzen, den Schmerzmitteln, der Sehnsucht nach Liebe oder männlicher Unselbstständigkeit zuordnen: ich setzte mich nicht zur Wehr. In den meisten Fällen verteidigen wir ja, mit Fäusten und Zähnen, dass was wir für unseren Charakter halten, egal, ob uns der schadet oder nicht. So säuft der Säufer weiter, ruiniert der Broker weiter Menschenleben oder wirft sich die unsichere Schönheit, aus Sucht nach Bestätigung, dick geschminkt jedem Trottel an die Brust der es versteht, gute Komplimente zu machen. In allen Fällen geht es darum, zu bleiben wer man ist und später zu klagen, was einem der Alkohol, die Karriere, der Ex-Mann alles kaputt gemacht hat.
Auch in mir tobte dieser Machtkampf, das Hoheitsrecht über meine Identität zu wahren. Aber, wie eine gütige Mutter oder ein nachsichtiger Vater, das Kind vom Boden der Spielzeugabteilung hochnimmt – sanft aber bestimmt – und ihm klar macht, dass man nicht alles haben kann, so nahm mich Lena einfach in die Richtung mit, in der sie mich wollte.
Lenas Mama mochte mich nicht. Es kostete keine drei Minuten, das zu spüren. Sie war darauf bedacht, dass ein potentieller Schwiegersohn, den Besitz mehrte und nichts kostete.
Aber, da sie selbst, außer dieser Einstellung nichts beitrug und ohne ihren Mann nicht mehr als eine Arztsekretärin mit bescheidenem Gehalt geworden wäre, konnte sie sich gegen Lenas Zuneigung und die Güte ihres Ehemanns nicht durchsetzen. Sie beschränkte sich darauf, herablassend zu mir herüber zu sehen.
Lenas Vater mochte mich, aus einem Grund den ich nur ahnen konnte: ich hatte etwas gelebt, was er sich in gewissen Stunden zu leben gewünscht hatte. Wenn man so wollte, sah er ein alternatives Ich in mir.
Da ich endlich auch einer der Guten sein wollte, tat ich was ich tun konnte, um die Gunst meiner Schwiegermama zu gewinnen. Ich lobte den Schmorbraten, was nicht schwer war, weil er köstlich schmeckte. Ich trat bescheiden zurück, wenn Lena sprach und ließ zu jedem Zeitpunkt sehen, dass mir aufrichtig an ihr lag.
Das löste die Stimmung und der Wein, der das Essen begleitete, löste die Zungen.
Bis sie so lose waren, dass die falsche Frage fiel: „Was machen eigentlich deine Eltern?“
Lenas Mama genoss die Stille die entstand. Wie eine Bogenschützin hatte sie lange den schwarzen Fleck im Auge behalten und ihren Pfeil dann abgefeuert, als alle dachten: Jetzt geht es nur noch aufwärts.
Ich antwortete, wie ich mich vor langer Zeit entschieden hatte, immer zu antworten – wenn ich nicht vor einem Richter stand – ehrlich.
„Meine Mutter ist tot. Meinen Vater habe ich seit mehr als zehn Jahren nicht gesehen.“
Stille!
Ich spürte die Blicke die auf mir ruhten. Ich kannte ihren Text: Das erklärt es!
Aber es erklärte eigentlich gar nichts. Es löste nur ein blindes Mitleid aus: „Der Arme – och!“
Aber den Weg, wie ein Mensch hart wird, um all die Ängste zu bewältigen, die er während der Kindheit durchleidet, diesen höchst diffizilen Prozess, der nie positiv endet, wenn nicht einer irgendwann erklärt, dass es neben dem hart und kalt werden, andere Wege gibt, das Leben zu bestehen, dies beinhaltet dieser Blick nicht. Er ist, wie die Freude, über den possierlichen Welpen, während man das blutige Kalbsteak isst.
„Was macht die Wunde?“
Fragte Lenas Papa in die entstandene Stille.
Ich nickte und sah meine Gastgeber reihum an, auch Lena. Camus „Der Fremde“ fiel mir ein. Da ist ein Abgrund zwischen Ich und Ich, aber ein tieferer zwischen mir und euch, dachte ich wehmütig.
„Die ist okay. Wurde von einem guten Arzt versorgt.“
Ich bemühte mich um ein Lächeln, welches er erwiderte.
Lena stand auf.
„Ich geh den Nachtisch holen.“
„Ja, das mach, mein Schatz“ flötete Lenas Mama, sehr zufrieden, mit der Wirkung ihrer Frage.

06/20 PGF

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