Frankfurt 95 (22)

22.

Ich bin nicht sicher, wie es um die Ehe von Lenas Eltern stand, in jedem Fall schien es ihrem Papa eine willkommene Angelegenheit, mich nach dem Essen zu einem Glas Whiskey, in sein Büro einzuladen.
Ich stimmte zu, obwohl ich Whiskey nicht mochte und folgte ihm in einen einladenden Raum, der eher einem Wintergarten, als einem Büro glich.
Ich setzte mich in einen bequemen Sessel, meine Wunde ließ das tiefe Sitzen mittlerweile zu und wartete auf meinen Drink.
Lenas Papa, nahm eine halb gefüllte Karaffe von einer Anrichte und füllte uns zwei Gläser.
„Keine Sorge, nichts Schottisches, ich verstehe nicht, wie man diesen Torfgeschmack mögen kann. Ist ein japanischer Whiskey, die sind noch nicht sehr bekannt.“
Er kam mit den beiden Gläsern zu mir herüber, reichte mir meines und warf mir, während er es mir übergab, einen prüfenden Blick zu.
„Du musst dich von meiner Frau nicht verunsichern lassen. Sie – ist konservativ, rechnet immer nur mit schwarz und weiß, nicht weil sie es böse meint, sondern, weil sie, wie die meisten Menschen zu denkfaul ist, die Dinge tiefer zu betrachten.“
„Und Sie?“
„Ich? Ich sehe berufsbedingt, viele Menschen, viele Schicksale. Irgendeinen Schmutz gibt es immer: Steuerbetrug, Nazi-Vermögen, Vorteilsnahme, Immobilienwucher – oder es waren raffgierig Vorfahren, die für einen Wohlstand sorgen, mit dem man ein integres Leben führt. Der ganze Adel beruht nur darauf, dass sich irgendjemand, zu irgendeinem Zeitpunkt, mit Gewalt Land angeeignet hat und das Recht dazu es ist zu besitzen. Es ist immer auf Blut begründete.“
„Und Sie?“
„Ich habe Schopenhauer gelesen. Sie kennen ihn?“
„Nur per Erwähnung.“
„In den „Aphorismen der Lebensweisheit“ legt er gut dar, worauf es ankommt. Ich fasse es, in einen Satz zusammen: Sich am Abend, im Spiegel, ohne Widerwille betrachten zu können. Mehr ist es nicht.“
Er trank einen Schluck.
„Aber frag mich nicht – wollen wir Du sagen?“
„Gerne.“
„Frag mich nicht, ob meine Eltern oder Großeltern nicht auf eine unredliche Art zu Vermögen gekommen sind, durch das, mir mein Medizinstudium finanziert werden konnte.
Bestechung begegnet mir überall: jede Pharmafirma will mir etwas Gutes tun, wenn ich ihre Medikamente verordne. Im Stadtrat kann ich mich vor Geschenken nicht retten, damit ich Bauanträge befürworte. Und das Kabinett Kohl: irgendwann wird sich herausstellen, dass sie alle Dreck am Stecken hatten, vom Kanzler bis zur Umweltministerin.
Werden sie zur Rechenschaft gezogen werden? Nein. Es wird eine hässliche, mediale Kampagne geben. Sie ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück. Damit ist das Thema erledigt.“
Er sah mich nachdenklich an.
„Ginge es nur nach dem Geld, dann wären deine Taten Peanuts, gegen das was läuft. So hat es doch Kopper letztes Jahr genannt, als es um 50 Millionen DM nicht bezahlter Handwerkrechnungen ging. Du hast nur ein Problem: Deine Taten sind rein privates Interesse, dort geht es um das öffentliche Interesse.“
Er trank seinen Whiskey in einem Zug.
„Also keine Sorge: Ich urteile nicht über dich. Das habe ich mir, als Arzt lange abgewöhnt. Ich entscheide nicht über Tod und Leben. Wenn jemand blutet, versorge ich ihn. Ich versorge die Frau, die von ihrem Ehemann verprügelt wurde und ich versorge den Ehemann, wenn die Frau irgendwann auf ihn schießt. Und soll ich dir was sagen?“
Ich nickte. Ich hörte fasziniert zu, als spräche ich direkt mit Nietzsche.
„Am Ende richtet sie alle das Leben. Was denkst du wie viele neureiche Ehefrauen ich mit Psychopharmaka versorge, weil sie funktionieren wollen. Wie viele impotente Männer sich bei mir ausheulen und ihr Machogehabe mit einem Benz und dem Golfclub aufrechterhalten. Weil ich Arzt bin, rate ich, den einen zu Psychotherapie und Trennung und den anderen, zu Philosophie und einer Veränderung des Lebenswandels. Was sie tun, ist ihre Verantwortung. Wie der Lungenkrebs des Rauchers, der Diabetes der Fettsüchtigen, das zerfressene Gehirn der Säufer. Was du dir überlegen musst, um Lena zu verdienen: Willst du abends in den Spiegel sehen?“
Ich nippte an meinem Glas. Der Whiskey war nicht ganz so beißend und rauchig, wie ich ihn normalerweise kannte.
„Ja, wenn Sie – wenn du mich fragst: ich will es so nicht mehr haben. Ich habe so nicht gelebt, weil es mir Spaß macht, ich sehnte mich nach Sicherheit und war zu faul, sie auf einem anderen Weg zu suchen.“
„Dir zu erarbeiten.“
„Ja. So muss man es wohl sagen.“
„Und das wärst du jetzt?“
„Lena will, dass ich den ganzen Schaden zurückzahle.“
„Da hat sie recht.“
„Und noch Schulden mache.“
„Der Weg zurück geht immer nur mit Buße, auch, wenn man kein Christ ist. Die Menschen, die du überfallen hast, werden sich nie von dem Schock erholen. Das Geld ist nur die eine Seite.“
Ich nippte noch mal.
Lenas Papa stand auf und ging zu einem Bücherregal. Er holte einen kleinen, gelben Reclamband heraus.
Als er mir das Buch gab, konnte ich den Titel lesen „Aphorismen zur Lebensweisheit“.
„Ich habe das Buch zweimal.“
„Danke.“
„Keine Ursache.“
Er setzte sich wieder.
„1945 sind viele Männer, weltweit, aus dem Krieg zurückgekommen und haben ein bürgerliches Leben begonnen. Wer weiß, was sie zuvor alles getan haben. Du wirst deine Vergangenheit nicht mehr los. Aber deine Zukunft, die hast du in der Hand.“
Ich schlug das Buch kurz auf und las: „Von dem was einer ist.“
Lena klopfte und trat in das Büro ihres Vaters.
Sie lächelte. Ich spürte, wie sich mein Herzschlag veränderte und die Flugzeuge in meinem Bauch zum Start ansetzten.
„Seid ihr so weit?“

06/20 PGF

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