Frankfurt 95 (23)

23.

Draußen startete ein Rasenmäher und schluckte erstmal einen Ast. Geräuschvoll knackte das Holz im Messerwerk und weckte die letzten Schlafenden in der Wetteraustraße. Dann war es wieder still.
Still?
Nicht ganz. Einige Amseln im Günthersburgpark begannen wieder zu zwitschern und das Rühren des Löffels in deinem Kaffee, wob einen monotonen Hintergrund, für unser vertrautes Zusammensein.
Das Licht fiel mild und weiß in die Küche. Aber du merktest es nicht. Du starrtest auf dein Smartphone. Und ich? Ich starrte auf mein Tablet und den Deutschlandteil der Frankfurter Allgemeinen.
Ich las einen Artikel über einen Waffenschieber, der hartnäckig gegen seine Abschiebung aus Kanada gekämpft hatte, nach Deutschland abgeschoben worden war und verurteilt. Und jetzt, ein Jahr später, vom Bundesgerichtshof, die Mittel erhalten hatte, gegen das Urteil Revision einzulegen. Zwölf Jahre nach der Schwarzgeldaffäre von Kohl, war somit der nächste im Licht der Öffentlichkeit, dem ich während meiner Frankfurter Zeit, in den 90ern, unerwartet nahegekommen war.
Nicht viele hatten sich, aus der Ära Kohl, in die nächste politische Epoche gerettet. Eine allerdings hatte den ganz großen Sprung geschafft, von der blassen Atomkraftbefürworterin zur beliebten Kanzlerin: Mädchen unter Kohl, Mutti, als Kanzlerin Merkel. Klug hatte sie sich, von den Schwarzgeldkonten Kohls abgesetzt und in Opposition zu ihrem politischen Ziehvater ihren Weg beschritten.
Für mich war es eine schamhafte und trotzdem heimlich stolze Erinnerung. Ich hatte meine Hand am Köfferchen der Macht gehabt. Dank Lena hatte ich meine Finger rechtzeitig zurückgezogen. Mit ihrer Hilfe schlug ich einen anderen Weg ein: Ich holte, in Abendkursen mein Abitur nach und während ich Sonderpädagogik studierte, bekam sie 97 Tom und 99 Isabella, die wir aber alle nur Bella nannte, weil sie so wunderhübsch war.
2002 schloss ich mein Studium ab. Trat eine Stelle als Sonderpädagoge an und übernahm fünf Jahre später die Schulleitung.
Mein altes Leben rückte in Schatten. Nachdem ich anonym, zumindest meine finanzielle Schuld beglichen hatte, richtete ich mein Leben nach vorne aus.
Aber beim Blick, auf das Bild des Waffenhändlers aus Kanada, erinnerte ich mich plötzlich an jene abenteuerliche Nacht auf dem Parkplatz der Raststätte, als ich im grünen Licht des Nachtsichtgerätes, dieses runde, etwas feiste Gesicht zum ersten Mal erblickt hatte. Zum Glück, dachte ich, hat er dich damals getroffen. Kein Schuss, kein Treffer, keine Flucht zu Lena, keine Kinder, kein Glück, sondern ein Leben auf der Flucht.
Schritte aus der oberen Etage weckten mich aus der Erinnerung. Ich sah hoch. Bella tapste verschlafen, die Treppen herab und rief noch auf halber Strecke: „Macht mir jemand einen Kakao. Ich bin im Bad.“
Sie schlurfte an uns vorüber.
Lena stand auf und ging zum Kühlschrank, um die Milch zu holen.
„Willst du auch einen Kakao?“ Fragte sie mich.
„Nein, ich habe noch Kaffee. Schläft Tom noch?“
„Ja, tief und fest.“
Ich schloss die Augen.
Hatte ich das verdient? Ein schönes Einfamilienhaus im Nordend-Ost von Frankfurt, zwei zauberhafte Pubertierende und eine Frau, die mich nie im Stich gelassen hatte.
Schwer zu sagen! Das konnte auch ein verflucht langweiliges Leben sein, ein glattes Leben ohne Höhen und Tiefen. Aber für mich war es das nicht.
Nicht, weil es darauf ankam, dass ich es bis zum Schulleiter geschafft hatte. Nicht, weil es darauf ankam, dass nach dem Tod meines Schwiegervaters im letzten Jahr, auf unserem Konto ein hoher sechsstelliger Betrag geparkt war. Das waren die netten aber unwichtigen Dinge. Worauf es ankam war, dass ich damit begonnen hatte, ein aufrichtiges Leben zu führen. Aufrichtig, beim abendlichen Blick in den Spiegel.
Bella kam aus dem Bad.
Sie drängte sich auf meinen Schoss und schob das Tablet aus meinen Händen in ihre.
„Was liest du da?“
„Nachrichten?“
„Wer ist der Mann? Kennst du den?“
Ich dachte kurz: Nein, zu sagen.
„Ich bin ihm vor langer Zeit einmal begegnet.“
„Aber er ist doch ein Verbrecher.“
„Ja, Bella, das wird man schnell, wenn man nicht aufpasst.“
„Aber du bist kein Verbrecher.“
„Nein, meine Süße. Ich versuche mein Bestes. Aber dumm war ich auch schon.“
„Was hast du gemacht?“
„Das erzähle ich dir, wenn du noch etwas älter bist. Vielleicht.“
Lena brachte den Kakao.
„Du, lass Papa zu Ende lesen.“
Bella rutsche von meinem Schoss.
„Okay.“
Lena warf mir einen verschwörerischen Blick zu.
„Es ist nicht leicht, immer die Wahrheit zu sagen.“
Ich schüttelte den Kopf und dachte an Frankfurt 95.

Ende

06/20 PGF

11 Kommentare

  1. …und irgendwie – sind sie ja doch zu Bonny und Clyde geworden. Vertraute – wenn auch nur im Geiste, aber…! 🙂
    Sehr schöne Geschichte, die ich gerne gelesen habe. Danke fürs Teilen! LG Bea 🙂

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  2. Hallo Peter, ich habe eine Idee, die ich gerne mit Dir teilen würde:
    Und zwar hast Du mir ja Dein Buch zugeschickt…(an dieser Stelle nochmal herzlichen Dank dafür!!!)
    Was würdest Du davon halten:
    Wenn ich das Buch zuende gelesen habe (Schande über mein Haupt, aber das ist noch nicht der Fall, denn ich bin momentan jobtechnisch so extrem wie nie eingespannt und falle jeden Abend wie tot ins Bett…),
    dass ich es dann mit einer auf einem Zettel notierten Widmung (welche Lob, Kritik, Anregungen, …) versehe, und an einen meiner (sicher interessierten) Follower weiter verschicke? Dieser würde dann ebenso agieren und es wiederum weiterschicken,………. so lange, bis ein Zeitraum X erreicht ist und der, der das Buch dann hat, es wieder an Dich zurück schickt?
    Zum Einen hättest Du dann sicher ein einmaliges und sehr persönliches Feedback und zum Anderen kommt das Buch so vielleicht an Leser heran, die es ansonsten nicht erreicht hätte(n).
    Sag mal was dazu……. liebe Grüße Bea 🙂

    Gefällt 1 Person

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