Verano (2)

2.

Mit Paul, so nannte ich meinen Menschen, war es ein angenehmes Leben. Er hieß zwar nicht Paul, sondern Steve, aber ich hieß auch nicht Verano und trotzdem nannte er mich so. Jedenfalls hatten wir es, bis auf das Namensbabel, gut miteinander. Paul saß viel an einem Gegenstand den er, im Gespräch mit anderen Menschen, Computer nannte. Manchmal setzte ich mich zu ihm und sah zu, wie er sich mit dem Gerät beschäftigte. Er wirkte dabei sehr konzentriert, so wie ich, wenn ich vor dem Bau einer Maus saß und darauf wartete, ob sie herauskommt. Ähnlich, wie ich, wenn die Maus klüger war als ich, mich von dem Loch, indem sie sich versteckte abwandte, so wandte sich auch Paul manchmal von seinem Computer ab: als wäre die Jagd vergeblich gewesen.
Paul folgte mir, wie vorgesehen, in die Küche, wo ich, wie er selbst, mein Essen erhielt. Es standen dort vier Schalen für mich: Trockenfutter, Feuchtfutter, Leckerli, Flüssigkeit, wahlweise Milch, Sahne oder Wasser.
Heute war noch nichts vorbereitet, außer dem Trockenfutter. Das stand aber immer bereit, für meinen größten Hunger und so, als würde ich Paul anfallen, wenn sich gar nichts zu Essen für mich fand.
Er bückte sich, um mein Feuchtfutter aufzufüllen. Ich spürte, dass es ihm nicht gut ging. Ich strich um seine Beine, wobei es mir weniger um meinen Hunger, als um das Gefühl von Nähe und Verbundenheit ging, von dem ich wusste, dass es ihm wohltat. Er beugte sich zu mir, tätschelte meine Flanke und machte sich daran, meinen Napf zu füllen.
Das Essen? Na ja! Es geht nichts über die warmen Innereien einer Maus, obwohl ich einen frisch gerupften Vogel auch nicht unschmackhafte finde. Aber Mäuse sind schon besonders lecker. Das Fell kitzelt auch nicht, wie es die Daunen mitunter tun.
Aus einer Tüte drückte Paul mir Feuchtfutter in den Napf. Ich machte mich schmatzend darüber her, weil ich wusste, dass er sich jedes Mal freute, wenn mir das Essen, welches er mir anbot, schmeckte. Menschen sind sehr leicht zu lenken. Ihnen liegt unglaublich viel an Zuneigung, wenn sie nicht seelisch verwahrlost sind.
Während ich fraß, stand Paul auf und ließ mir etwas Platz. Er wusste, dass ich nur zu Anfang etwas Nähe mochte, wenn mich erst der Hunger packte, war es besser, mich nicht zu stören.
Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie mein Mensch zum Fenster ging und hinaussah. Ganz so, als würde ihn ebenfalls, diese ungewohnte Stille irritieren, wie sie mir seit einigen Tagen auffiel.
Was ist nur los in der Menschenwelt, dachte ich beim Fressen. Nicht, dass es wichtig gewesen wäre. Wie auch die anderen Haustiere, sah ich die Menschen, als eine vorübergehende Erscheinung an. Sie hatten, vom Baum herabgestiegen, sich einigermaßen schnell, die Erde nach ihren Bedürfnissen geformt und es hatte sein Angenehmes davon etwas zu profitieren. Solange jedenfalls, wie ich nachts nach draußen konnte, um durch den Wald zu streifen, durch die Obstbäume und um den Weiher, um mir mein eigenes Essen zu verdienen.
Als der Napf halb leer war, hörte ich auf zu Essen. Eine Reserve zur Not war immer gut. Ich setzte mich auf die Hinterbeine, schleckte mir die Brust und sah zu Paul herüber. Er merkte es.
„Na, Verano? Schon wieder satt? Da ist aber noch etwas im Napf.“
Das ist Absicht, dachte ich und bedauerte, diesem ständig zweifelnden, ständig von der Schöpfung abgetrennten Geschöpf, meine Beweggründe nicht erklären zu können.
Ich wandte mich ab, um ein Schlafplätzchen zu suchen. Später würde ich noch mal nach Paul sehen. Er machte mir Sorgen.

06/20 PGF

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