Verano (4)

4.

Nachdem Paul mich nach draußen gebracht hatte, saß ich eine Weile vorm Eingang und schleckte mir das Fell. Ich bin nicht eitel und mir geht nichts über ein ordentliches Staubbad auf dem nahen Parkplatz, um mir das Ungeziefer vom Leib zu halten, aber ein bisschen Fellpflege ist auch fürs Gemüt gut und vertreibt die Langeweile, wenn es nichts zu jagen gibt.
Am Himmel zeigte sich in der Ferne, ein Band dunkler Wolken, welches den nächsten Regen ankündigte.
Ich dachte, an die Worte der Frau auf dem Bildschirm und wusste, dass sie recht hatte. In den letzten Jahren, war es von Sommer zu Sommer immer drückender und heißer geworden. Ich bin da nicht zimperlich und werfe so viel Fell ab, dass mir gar nicht warm genug werden kann, solange ich ein feuchtes Blumenbeet in der Nähe habe, um mir darin den Bauch zu kühlen. Aber die Sommer waren so heiß geworden, dass es keine feuchten Beete mehr gab und man nach Wochen, wenn zum ersten Mal wieder Wolken am Himmel auftauchten, gar nicht glauben konnte, dass es sie gab.
Seitdem die Autos nicht mehr fuhren, seitdem Paul dauernd zu Hause war und ihn niemand mehr besuchte und das ging schon ein paar Wochen, schien sich die Welt beruhigt zu haben. Sonderbar beruhigt zu haben.
Ich erinnerte mich, an die Idee Paul zu unterstützen, in dem ich mich ein wenig im Wald umhörte. Ich rieb mir, mit der Pfote, noch einmal über die Schnauzhaare und machte mich auf den Weg.
Die Menschen tun mir ja furchtbar leid, weil sie sich ständig einsam fühlen und nichts hören, von den Unterhaltungen, die überall um sie herum stattfinden. Sie verstehen nicht, was die Bäume berichten, haben keine Ahnung von den Geschichten, die sich die Vögel am Abend erzählen, ahnen nicht was das Gras den Krähen flüstert und dass die Fische das Wasser, wie eine Musik hören. Alles ist in einem gewaltigen Dialog und der Mensch steht taub daneben und versteht nichts. Er hat sein Bewusstsein an Worte und Begriffe gebunden, die verhindern das er hört, versteht und sich als Teil von allem empfindet.
Paul gab sich Mühe, zumindest mich zu verstehen, ohne das Worte nötig waren. Ich hatte ihn trainiert zu wissen, wann ich Hunger hatte, wann ich spielen wollte und wann mir nach kuscheln war. Ich fand ihn überraschend gelehrig und so schien es mir, im Rahmen eines fairen Miteinander, dass ich dem Tauben zu vermitteln versuchte, was er nicht hören konnte.
Auf dem Weg zum Wald traf ich Veilchen. Eine ältere Katze, die seit einem Autounfall humpelte und deren Fell matt und fleckig wurde. Früher, als ich noch ein kleiner Kater war und sie eine Katze in den besten Jahren, hat sie mich manchmal durch den gesamten Garten gejagt und mir Benehmen beigebracht. Aber sie wurde alt und schwach und ich wurde stark und verwegen. So verschob sich das Machtverhältnis, ohne dass ich mich für die erlittenen Demütigungen rächte. Im Gegenteil! Ich machte ihr, an manchen Tagen, Komplimente und gab ihr das Gefühl, eine Katze in den besten Jahren zu sein, auf die ich durchaus noch ein Auge werfen könnte. Das vertrug sie nicht immer. Manchmal fauchte sie mich zum Teufel und dann hielt ich einige Tage respektvoll Abstand und sah zu, dass ich ihr aus dem Weg ging.
Heute schien es ihr nicht zu gut zu gehen. Vermutlich hatte sie Schmerzen. Unter uns Katzen ist es ein Tabu, Schmerz zu zeigen. Aber man erkennt es daran, dass wir nur schlafen, nichts essen und nicht spielen wollen. So wirkte Veilchen an dem Tag.
Deshalb nahm ich eine Abkürzung über die Wiese, lief über den Kiesweg, den meinen Pfoten, nicht sonderlich liebten und dann vor zum Parkplatz, von dem aus es einen schönen, schmalen Pfad in den Wald gibt.
Über mir kreiste eine Familie Rotmilane, die in einer hohen Buche im Wald lebten. Ich sah zu ihnen hinauf und fand, dass auch sie irritiert wirkten, als wäre die Luft zu klar und die Welt zu still, für ihre Schreie.
In den Bäumen spielte der Wind.
Ich war gespannt, ob ich im Wald etwas Neues hören würde.

06/20 PGF

Ein Kommentar

  1. Ich lese dies und betrete eine eigene Welt dabei. Bin stiller und unsichtbarer, aber umso mehr interessierter Zeuge. Bin hautnah dabei, aber doch nicht Teil davon. Sehr schön 👌
    Bin gespannt – wie meist bei deinen Geschichten – wie es weiter geht 🤗

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