Verano (5)

5.

Beliebt bin ich nicht, im Wald. Die Vögel mögen mich nicht, außer den Milanen, den ich egal bin. Mit den Füchsen und den Rehen pflege ich keinen besonderen Umgang, wir sehen uns und gehen uns aus dem Weg und die Eichhörnchen fliehen vor mir, obwohl ich noch nie – und ich könnte es belegen – noch nie ein Eichhörnchen getötet habe. Der einzige, der sich hin und wieder, zu einem Gespräch mit mir einlässt ist, ist ein Dachs. Vermutlich, weil er von den anderen genauso gemieden wird, wie ich und es nur noch wenige von seiner Art gibt, die sich einen Lebensraum behaupten können.
Ich habe ihm schon einige Male erklärt, es solle sich den Menschen gegenüber etwas umgänglicher verhalten, aber dann verweist er mich auf die Kühe, die Schweine und Hühner und beharrt darauf nicht in einem Schlachthaus enden zu wollen.
Der Dachs bewohnt im Wald einen Bau, nahe den Buchen, in denen auch die Milane lebten. Seinen Bau betreten durfte ich nicht, aber er ließ sich rauslocken, wenn ich mich draußen bemerkbar machte.
Das funktionierte auch heute.
Missmutige streckte er seine gestreifte Schnauze aus dem Höhleneingang und schielte mit lichtscheuen Augen nach mir.
„Was willst du?“ Knurrte er.
Ich sah mich um.
„Merkst du es nicht auch?“
„Was?“
„Die Stille. Dass sich, die letzten Wochen, irgendetwas verändert hat?“
„Und deshalb weckst du mich auf?“
„Ja, ich frage mich, was da los ist? Und da außer dir niemand mit mir reden will, dachte ich, ich schau mal vorbei. Also! Ist das nicht komisch?“
Er nickte nachdenklich.
„Hast schon recht. An manchen Tagen hat man das Gefühl, dass die Menschen von der Erde verschwunden sind. Aber sie haben sich nur versteckt. Es heißt, eine Krankheit würde sich rasch unter ihnen verbreiten und deshalb gehen sie sich aus dem Weg?“
Das erschreckte mich. Der Gedanke Paul könnte sterben, gefiel mir nicht. Also, ich würde auch ohne ihn etwas zu fressen finden. Aber im Winter war es schön, mit ihm beim Ofen zu sitzen und mir das Fell kraulen zu lassen.
„Wer sagt das?“
„Ich habe es, von einem der Füchse gehört. Aber du kannst mal bei den Kühen vorbeischauen, die wissen wohl mehr, weil es die Mutter des Bauern erwischt hat. Es gibt Gerüchte von Viren.“
„Von Viren?“ Mir entwich ein knappes Fauchen.
Von allen lebenden Organismen, waren die Viren, die sonderbarsten Geschöpfe. Wenn sich meine Beliebtheit in Grenzen hielt, dann war ich, mit den Viren verglichen, der Liebling aller Mäuse. Viren waren verdammt unberechenbare, kleine Dinger, die sich verflucht gut organisierten und jeden noch so gut entwickelten Körper übernehmen und für die eigene Ausbreitung nutzen konnten.
Die Menschen schienen mir bislang entweder vollkommen ahnungslos oder ganz gut damit zurecht gekommen zu sein, was die Viren anging.
Der Dachs sah mich groß an.
„Da musst du nicht gleich fauchen. Betrifft nur die Menschen und ganz ehrlich, mir fehlen sie nicht.“
Eine unter Tieren verbreitete Einstellung.
„Aber, wenn du mehr wissen willst. Geh zu den Kühen im Stall. Einer ihrer Mitbewohner weiß mehr darüber.“
„Ich hoffe, nicht der Hofhund.“
„Nein, der nicht. Keine Ahnung. Frag sie halt. Mir ist es zu hell. Ich gehe wieder rein.“
Damit wandte mir der Dachs sein dickes Hinterteil entgegen und verschwand nach Innen.
Nachdenklich sah ich ihm nach und setzte mich auf die Hinterbeine.
Ich spitzte die Ohren, keine Autos waren von der Straße zu hören, nur das Zwitschern der Vögel über mir in den Baumkronen. Ich reckte die Nase. Die Luft roch wundervoll, rein und frisch nach Waldboden, Dachsbau und Holunderblüten.
Viren? Langsam fing die Sache an, interessant zu werden.

06/20 PGF

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