Verano (6)

6.

Die Kühe mögen mich. Das mag daran liegen, dass ich ihnen die Mäuse aus dem Stall halte, deren kleine, quirlige Körper sie beunruhigen oder, weil sie meine Vorliebe für ihre Milch kennen, die ich ihren Kälbern nicht wegsaufe, sondern nur in Form von ein, zwei Zungenschlägen genieße.
Von den Kühen im Stall des Bauern, war es vor allem die alte Berta die sich freute, wenn ich bei ihnen vorbeikam.
Sie war es auch, die mich tröstete, als ich, einmal im Winter, vom Bauern, versehentlich im Stall mit eingesperrt wurde. Ich hatte den Tag schon dort zugebracht und wollte mich, ziemlich hungrig, auf den Weg zu Paul machen, als ich merkte, dass mein üblicher Ein- und Ausgang verschlossen war und es nirgends eine Ritze gab, durch die ich mich nach außen quetschen konnte. Ich hatte Sorge wegen Paul, der sich Sorgen machte, wenn ich nicht nach Hause kam. Und ich hatte Hunger. Das ist etwas was ich gar nicht vertrage. Zu meiner Verteidigung sei gesagt, dass es in der Natur von Raubtieren liegt, ihren Hunger nicht kontrollieren zu können. Es ist, wie bei der Gier bei Menschen, die dazu führt, dass sie rücksichtslos für andere, alles verschlingen wollen.
Berta hatte mich, in dieser Nacht, wenn mein Hunger zu groß wurde, an ihrer Zitze schlecken lassen und so hatte ich durchgehalten und war nicht an dem Gefühl verzweifelt, zu verhungern.
„Hallo Verano“, begrüßte sie mich, als ich ihre Box im Stall erreichte.
Da Muhisch und Miauisch, speziell was die Namen angeht, sehr unterschiedlich sind, sprechen wir uns mit den Namen an, die wir von den Menschen erhalten haben.
„Liebste Berta, was bin ich froh zu sehen, dass es dir gut geht.“
Sie gab ein kurzes „Muh!“ von sich und schüttelte den Kopf.
„Und was führt dich zu mir?“
„Die Mutter des Bauern ist gestorben?“
„Ja. Das stimmt. Woher weißt du das?“
„Ach – ich war oben beim Dachs, weil ich mich frage, was in der Menschenwelt gerade los ist.“
Ich ging ein wenig näher zu Bertas Euter, deren Duft ich liebe.
„Er meinte, ihr würdet vielleicht etwas mehr wissen. Wegen euren Mitbewohnern.“
„Du meinst die Fledermäuse?“
Verblüfft ließ ich mich auf die Seite fallen und reckte den Kopf. Darauf wäre ich nie gekommen. Aber klar, oben im Dach des Stalls, lebte eine Kolonie, der kleinen Ledervögel, die mir eher unangenehm waren.
„Kann sein. Was erzählen sie?“
Berta schwang gemütlich den Kopf hin und her. Das machte sie immer, wenn sie lange in ihrer Box stand und nicht hinaus auf die Weide konnte.
„Sie sagen, dass ein Teil ihrer Verwandten unter Verdacht stünde, die Menschen mit einem Virus infiziert zu haben.“
So weit war ich schon, dachte ich ungeduldig.
„Und?“
„Aber das stimmt nicht. Die Fledermäuse sind unschuldig. Sie werden nur benutzt.“
„Von wem?“
„Das wissen sie selbst nicht. Weil die Fledermäuse, die den Virus in sich trugen, tot sind.“
„Keine Ideen?“
Berta sah mich düster an und ich konnte mich nicht erinnern, diese gütigen Augen, je so betrübt gesehen zu haben.
„Da gibt es nur zwei Möglichkeiten. Die Menschen waren es selbst oder die Natur war es und rottet den haarlosen Affen aus. Sieh dir an, wie ich leben muss!“
Da gab es nichts zu widersprechen. Die Kühe hatten es wirklich nicht leicht. Ich hatte zartes Fell, es war schön mit mir zu kuscheln und ich verstand mich darauf, zu bekommen was ich will. Aber wer wollte schon eine Kuh neben sich auf dem Sofa sitzen haben, um ihr den Euter zu streicheln? Vermutlich niemand, außer mir.

06/20 PGF

2 Kommentare

  1. Ja, das ist sehr feinfühlig und detailliert geschrieben, ich lebe beim Lesen mit und fast alles erscheint mir äußerst plausibel bzw. reizt mich zum Schmunzeln (die gegenseitige Namensgebung, hihi).

    Gute Nacht Peter, komm gut ins Wochenende!

    Gefällt 1 Person

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