Verano (7)

7.

Nachdem Gespräch mit Berta, machte ich mich auf den Heimweg. Die Schatten der Bäume fielen bereits schräg und es war Zeit, es mir in Pauls Wohnung, in irgendeinem schattigen Raum bequem zu machen.
Ich trottete die Straße entlang, die sonst wenig befahren, wie ausgestorben war und hielt mich trotzdem an ihrem Rand, um im Fall einer Gefahr rasch im angrenzenden Maisfeld abtauchen zu können.
Ich mag diesen stillen Trab durch die Welt, weil ich mich dabei frei und meine Seele unglaublich weit fühle. Irgendwann würde mein Bewusstsein auch in einem menschlichen Leib landen und sich, um die Erfahrungen eines Zweibeiners, erweitern, aber dazwischen mochten noch einige andere Metamorphosen liegen, die ich ahnen aber nicht exakt bestimmen konnte. Leib und Leben eines Katers jedenfalls behagten mir ungemein und Neugier trieb mich eigentlich nur in Richtung der Milane, die laut schreiend über mir kreisten. Das musste ein genialer Moment Existenz sein: Weit über den Dingen schwebend, zwischen einem fliegenden, kreisenden Planten und der Unendlichkeit des Alls, alles zu überblicken.
Als ich der Siedlung, in der ich mit Paul lebte, näherkam, entdeckte ich Marvin. Einen Rotschopf, der erst kürzlich in die Gegend gezogen war. Ein wirklich bedauernswertes Geschöpf, der mit seinen Menschen in der Stadt gelebt hatte – ich wusste davon nur, was er mir erzählt hatte und es klang grausam – und dadurch die meiste Zeit, in einer engen Wohnung mit vier Zimmern verbracht hatte. Marvin war dick, ängstlich, langsam und hatte keine, wirklich keine Ahnung vom Jagen.
Nachdem es mir gelungen war, ihn an mich zu gewöhnen, er hatte anfänglich immer versucht, mit mir zu kämpfen, um sein Revier zu behaupten und kläglich verloren, war ich zu seinem freundschaftlichen Mentor geworden. Ich brachte ihm bei, was er hier draußen wissen musste und manchmal legte ich, eine geköpfte Maus vor die Wohnungstür seiner Besitzer, damit die verstanden, was Marvin eigentlich essen sollte. Er erhielt nämlich nicht nur Fertigfutter, wie ich es von Paul erhielt, er erhielt Futter mit wenig Fleischanteil aber dafür Getreide, Möhren und Erbsen. Um abzunehmen, wie er mir erklärt.
Beweg dich und iss Frischfleisch, dachte ich mir, aber ich sagte es nicht.
Marvin begrüßte mich, mit dem gleichen unsicher-misstrauischen Ausdruck, mit dem er mir immer begegnete und den er erst ablegte, wenn wir uns ein wenig beschnuppert und gerieben hatten.
„Warst du beim Bauern?“ Fragte er, mit einer, für einen Kater viel zu hellen Stimme.
„Ja, ja. Ich habe ein paar Informationen gebraucht und da die Vögel partout nicht mit mir reden, habe ich die Kühe gefragt.“
„Das könnte daherkommen, dass du die Vögel frisst.“
Du bist ein helles Köpfchen Marvin, dachte ich.
„Vermutlich.“ Erwiderte ich lakonisch.
„Und was waren das für Infos?“
„Ach, wegen diesen Viren, die dafür sorgen, dass hier alles scheinbar einschläft.“
„Und dazu wissen die Kühe etwas?“ Staunte Marvin.
Ich schleckte mir die Pfoten während ich sprach.
„Klar, von den Fledermäusen. Irgendein großes Ding: Evolutionsbooster oder Bioterrorismus-Anschlag. Ich denk darüber nach, wenn ich etwas geschlafen habe.“
„Das klingt aber nicht gut.“ Bemerkte Marvin und wirkte dabei sehr ängstlich. „Ich habe mich schon gewundert, warum meine Besitzer die ganze Zeit zu Hause sind.“
„Du sollst nicht deine „Besitzer“ sagen.“ Schimpfte ich. „Sie sind Versorgungspersonal. Wir müssen morgen unbedingt wieder mal jagen, damit du ein bisschen sattelfester wirst.“
Marvin nickte zaghaft. Es war schwer einen Kater zum Jagen zu überreden, der sich vor Blut ekelte. Aber ich war fest entschlossen, aus ihm wieder ein vernünftiges Lebewesen zu machen.
„Ja, wenn es sein muss.“
„Es muss!“ Legte ich fest. „Man sieht sich Marvin. Mir tun die Pfoten weh. Ich brauch ein Schläfchen.“
Marvin gähnte zustimmend und ich trabte davon.

06/20 PGF

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