Verano (8)

8.

Die Tür war nicht offen, als ich heimkam. Also legte ich mich unter einen Ginsterbusch, unter dem ich öfter ein Schläfchen halte.
Ich rollte mich ein, legte den Kopf auf die Pfoten und schloss die Augen.
Vielleicht wegen der Hitze, vielleicht wegen den überraschenden Neuigkeiten schlief ich so tief ein, dass ich träumte.
Im Traum lief ich durch eine trockene, staubige Ebene, in der kaum etwas wuchs. Es war Nacht, über mir leuchtete ein voller Mond und die Sterne funkelten, als würden sie sich Signale senden. Ich wusste nicht, wohin ich lief, aber meine Pfoten gehorchten mir nicht und ich lief vorwärts, als wäre mein Ziel klar. Ich sah mir die Umgebung genauer an und erkannte an den Feldlinien, dass ich niemals zuvor hier war. Dass der Ort weit entfernt von dem liegen musste, an dem ich mit Paul lebte.
Mein Weg führte mich zu einem breiten Fluss. Ein gewaltiges Gewässer, wie ich es nie zuvor gesehen hatte. Ich sah Menschen die am Fluss zu baden oder ihre Kleidung darin zu reinigen schienen. Da ich nicht wusste, was von ihnen zu halten war, hielt ich mich von ihnen fern.
Dann tauchte vor mir ein Licht auf. Ein langsam pulsierendes, sehr warmes Licht, das – und es schien sich zu ordnen, je näher ich kam – sich in die Gestalt einer Katze verwandelte.
Mein Mund wurde trocken, vor mir leuchtete Bastet.
Ich näherte mich ehrfürchtig.
„Hallo Verano“, begrüßte sie mich, während wir uns in jenem Bewusstsein miteinander verbanden, welches keiner Worte bedarf und im Einssein mündet.
„Hallo Bastet“, erwiderte ich bemüht lässig. Sie war eine bildhübsche Katze – und Göttin hin und her: wenn da was zu machen war, wollte ich, als der geheimnisvolle Jäger und furchtlose Entdecker erscheinen, der ich, zumindest in Pauls Umgebung war. „Was machst du hier? Ich dachte, du wärst in Ägypten.“
„Ich bin in Ägypten.“ Schnurrte sie und kam näher, um sich von mir beschnuppern zu lassen.
Cool bleiben, Verano, sagte ich mir, cool bleiben.
„Dann wirst du mir sicher erklären, wie ich nach Ägypten komme.“
„Aber natürlich.“
Sie ging ein Stück von mir weg und setzte sich auf die Hinterpfoten.
„Ich habe dich zu mir gerufen und, wenn ich eine Katzen- oder Katerseele rufe, so kommt sie, durch alle Zeiten und alle Distanzen zu mir.“
Gut, dachte ich, und wer passt auf mich auf, während der Rest von mir im Garten unterm Ginsterbusch liegt?
„Mach dir keine Sorge“ beruhigte mich die Katzengöttin. „Hier hält dich nichts, wenn du dort gebraucht wirst. Deshalb sollten wir keine Zeit verlieren. Ich spüre, dass du in Sorge bist.“
„In Sorge“ widersprach zwar meiner Katermentalität, aber immerhin war sie eine Göttin und schien mich ohnehin in und auswendig zu kennen.
„Nicht um mich. Eher um den Menschen, mit dem ich zusammenlebe. Unter den Menschen ist eine Seuche ausgebrochen – zumindest behaupten das die Fledermäuse – und ich bin nicht sicher, ob Paul davon bedroht ist.“
Bastet bewegte die leicht schimmernden Ohren.
„Die Fledermäuse lügen nicht. Aber ausgebrochen, trifft nicht die Wahrheit. Die Seuche wurde beschlossen, um die Erde zu retten. Vor immer mehr Schmutz durch die Menschen. Die Luft“ im gleichen Moment hob ein feiner, leichter Wind an, „war fast zum Erliegen gekommen, wie in einem Glashaus, das kein Fenster besitzt. Deshalb war es nötig die Menschen zu bremsen. Sie wählen zu lassen zwischen sterben oder innehalten.“
„Also hat die Erde sich entschieden, den Keim freizusetzen?“
„Nein der Mensch hat entschieden. Wenn du von einem Auto überfahren wirst, hat nicht das Auto entschieden, dich zu töten. Du hast entschieden zu rennen, wenn du besser stehen geblieben wärst. Es ist eine Frage des Gleichgewichts und der Achtsamkeit.“
Während ich über die Worte nachdachte, sah ich in die gleißenden Lichter eines Scheinwerfers, als hätte ich mich fürs Rennen, statt fürs Stehenbleiben entschieden.
„Aber“-.
Ich wollte noch etwas erklären, aber Bastets Körper begann zu flackern.
Meine Ohren lenkten plötzlich meine Augen ab.
„Verano! Veeeraaaaanoooooo!“
Ich schlug die Augen auf. Paul stand in der Tür und rief nach mir.
Essen! Dachte ich und vergaß augenblicklich den wirren Traum.

06/20 PGF

2 Kommentare

  1. Oh, deine Fantasy-liebende Seite schimmert und ich finde, du bist sehr nah an einer Erklärung, die auch mir als plausibel im Gesamtzuammenhang erscheint.

    Schönen Sonntag Abend und einen guten Wochenstart morgen, Peter 🙂

    Gefällt 1 Person

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