Verano (9)

9.

Nachdem ich meinen Napf leer geschleckt hatte und wieder klar denken konnte, fielen mir Bastets mahnende Worte wieder ein: Nicht gehen, wenn man stehen bleiben soll.
Solange ich Hunger habe, kann ich mich nicht gut konzentrieren. Also ich kann mich stupide darauf konzentrieren, auf den Eingang zum Bau einer Maus zu starren, aber ich kann mich mit nichts Kompliziertem beschäftigen. Und in diesem Fall war die Sache kompliziert! Paul durfte nicht losrennen, solange ein Auto kommen konnte. Aber er wusste ja gar nichts davon. Er blieb zwar brav zuhause, aber das nutzte wenig, der Masterplan war nachhaltig angelegt. Irgendwas wusste er schon, aber nicht das Ausmaß …
Ich musste nochmals mit Berta sprechen. Sie mochte zwar keine nächtlichen Besuche, weil sie in dieser Zeit gerne dastand, wiederkäute und dabei nachdachte, aber sie würde es mir nicht übelnehmen.
Ungeduldig wartete ich, bis Paul mich nach draußen lassen wollte. Aber er merkte gar nicht, dass es mich nach draußen drängte. Er schien, am Computer, mit irgendetwas beschäftigt. Deshalb nahm ich mir die Ecke seines Sofas vor.
Das war das vereinbarte Zeichen. Der in Handlung verpackte Dialog:
„Ich will jetzt nach draußen!“
„Ich komme ja schon!“
Kaum war die Tür offen, rannte ich die Treppen hinab und hinaus ins Freie.
Draußen war es dunkel und hatte merklich abgekühlt.
Ich eilte zielstrebig in Richtung von Bertas Stall und kontrollierte zwischendurch den Stand der Gestirne und die Feldlinien. Nicht, dass ich am Ende, wieder Bastet gegenübertrat.
Aber ich war nicht in Ägypten, ich war dort wo ich hingehörte.
Auf dem Hof, auf dem Berta lebte, brannten bereits die Laternen. Gegessen hatte ich und so nahm ich in Kauf, dass der Bauer mich einsperrte, wenn ich so spät noch den Stall betrat.
Ich huschte durch das fast geschlossene Scheunentor, wie der Schatten eines Geistes und trabte, auf lautlosen Pfoten, zu Bertas Box.
Sie war überrascht.
„Verano? Was ist los? Findest du nichts zum jagen?“
Ich postierte mich, in die Nähe ihres Kopfes.
„Berta ich habe noch eine Frage: Können auch Tiere, den Virus auf den Menschen übertragen?“
Berta kaute genüsslich.
„Ja, natürlich. Alle Tiere, die engen Kontakt mit Menschen haben, übertragen den Virus. Es soll ja Wucht haben.“
Ich schluckte.
„Aber du sagtest doch Fledermäuse? Und die“.
„… werden von Menschen, in manchen Ländern gegessen.“
„Fledermäuse?“
Ich war schockiert. Das war mir jetzt doch etwas viel. Selbst ich, der Gras fraß, um Fellreste zu erbrechen, fühlte Ekel beim Gedanken eine Fledermaus zu fressen.
„Finde ich besser, wie wenn sie mich essen.“
Dem wagte ich nicht zu widersprechen.
„Also könnte ich Paul anstecken?“
„Du fragst die falsche. Aber vermutlich schon.“
Ich fühlte einen dicken Brocken im Magen, wie wenn ich was Falsches gefressen hätte. Bilder tauchten vor mir auf, wie ich mich mit fleckigem Fell, ungepflegt und abgemagert, durch die Wälder kämpfte. Ein Heimatloser, ein Verlorener, einer der das Glück gekannt hatte und es aufgeben musste.
„Du machst dir nicht etwa Sorgen, Verano?“
„Ein wenig schon.“
„Dann musst du halt auf deinen Menschen aufpassen. Auch, wenn ich ernsthaft nicht verstehe, was dir an ihm liegt.“
Ich dachte an meinen Futterplatz, meine Schlafecken und die Hand, die mir im Winter am Feuer, über die Ohren und den Rücken streichelte. Ein Bolzenschussgerät musste ich nicht fürchten.
Das Geräusch des Scheunentors, welches in Schloss fiel, schreckte mich aus meinen Gedanken.
„Du wirst die Nacht wohl hierbleiben müssen.“ Bemerkte Berta trocken
„Das macht nichts“, sagte ich und dachte: dann kann ich Paul wenigstens nicht anstecken.

06/20 PGF

6 Kommentare

    1. Für solche Neuigkeiten unterbreche ich gerne Katzengeschichten 🙂

      Danke dir und einen schönen Abend, in den Norden.

      (Ich fürchte Verano könnte beunruhigt sein, von der Weiterverbreitung 😉 )

      Gefällt 1 Person

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