Verano (10)

10.

Als die Vögel zu zwitschern begannen, hörte ich, wie der Bauer das Scheunentor aufschob. Ich nutzte einen unachtsamen Moment, als er prüfend den Blick über die Boxen der Kühe schweifen ließ und huschte nach draußen.
Normalerweise trabe ich, früh am Morgen, wie ein Liebhaber, nach einer Liebesnacht tänzelnd nach Hause geht, in flottem und leichtem Schritt. Aber nicht an diesem Morgen. Die Vögel schienen mich gut im Blick zu haben und ich meinte in ihrem Pfeifen und Schnattern, ein wenig Hohn zu vernehmen, während ich, die Pfoten unsicher nacheinander setzend, den Asphalt unter ihnen kaum spürte.
Ich machte mir Gedanken und ich kann sagen, dass ich das selten tue, wenn ich draußen unterwegs bin. Gedanken mache ich mir beim Fressen oder, wenn ich neben Paul auf dem Sofa liege, in seinem Bett, auf seinem Schreibtischstuhl, unter dem Küchentisch oder in dem Blumenkasten auf dem Balkon, wegen dem wir das ein oder andere mal in Streit geraten, weil Paul seine Keimlinge wichtiger sind, als mein gekühlter Bauch.
An diesem Morgen aber, während die Sonne den Horizont vergoldete, fühlte ich die Verantwortung, die in jedem Lieben steckt.
Liebe ist ja verdammt schwer zu finden. Also Liebe im Sinn von: jemand der sich um dich kümmert, jemand um den man sich kümmert. Für mich war es eine Erziehungsfrage, diese Liebe zu erreichen. Paul verstand sich darauf nicht besonders gut.
Mir fiel das leicht, weil ich mit meinem Leben klar war. Ich hatte ihn dazu gebracht, sehr genau auf meine Bedürfnisse einzugehen. Ich taktete ihn ein auf meine Essenszeiten, Kuschelzeiten, die Zeit wann ich nach draußen wollte und die Zeit, in der ich am Ofen liegen mochte. So hatte ich ihm beigebracht, wie er sich, um mich zu kümmern hatte. Er machte das gar nicht. Manchmal brachte ich ihm eine Maus und er wusste gar nichts damit anzufangen. Er packte sie am Schwanz und warf sie in die Wiese. Aber hey! Ich war bereit ihn zu füttern und er verstand es nicht. Paul achtete also schlecht darauf, ob er geliebt wurde. Er kümmert sich, aber kümmerte sich nicht darum, wie sich jemand um ihn kümmert. Das lernte er von mir. Mit der Zeit. Wenn es ihm schlecht ging, kletterte ich auf seinen Schoss und bot ihm meine Nähe. Wenn er nach Hause kam stand ich schon am Gartentor bereit und verblüffte ihn täglich damit, dass ich wusste, wann er nach Hause kommt. Selbst, wenn es unterschiedliche Zeiten waren.
„Spürst du mich etwa?“ Fragte er dann unbeholfen und leider verstand er nicht, wenn ich antwortete: „Ja, natürlich spüre ich dich. Kommt halt darauf an, ob man seine Antennen entsprechend ausrichtet.“
Durch diese Maßnahmen lernte Paul, dass ich mich um ihn kümmerte. Und, weil ich eine Katze war und Katzen egoistisch und bindungslos gelten, freute ihn das im Besonderen. Deshalb stand ich jetzt vor meiner schwersten Mission: Ich musste Paul klar machen, dass ich mich um ihn kümmerte, indem ich Abstand von ihm hielt.
Ich erreichte das Gartentor. Ich quetschte mich links davon durch eine Lücke im Jägerzaun und strebte der Haustür entgegen. Vielleicht konnte ich ja kurz ein Häppchen essen und ehe Paul es sich versah, war ich schon wieder draußen im Garten und hielt den erforderlichen Abstand.
Mit Schwung ging die Haustür auf.
„Veeeraaaanooooo!“ Rief Paul noch während er die Tür öffnete.
Ich blieb wie erstarrt stehen und verkroch mich im nächsten Gebüsch. An der Art, wie er sich umsah erkannte ich, dass ich mich rechtzeitig seinem Blick entzogen hatte.
Er rief noch ein paar Mal und pfiff, dann zog er, mit einem leicht besorgten Blick, die Tür wieder zu.
Ich atmete durch.
Die Entspannung hielt nicht. Mit voller Wucht traf mich mein Hungergefühl. Aber irgendwie war mir nicht nach Jagd. Ich hatte weder Lust auf Maus, noch auf Vogel und hätte höchstens, aus übler Laune, eine Prügelei mit einer Krähe begonnen.
Ich ahnte, dass ich für den Moment zum äußersten Mittel greifen musste: Ich musste mich zu Marvin schleichen und seinen Napf leeren. Auch, wenn dies Kalbfleischersatz mit Spargel bedeutete. Paul war es mir wert.

06/20 PGF

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