Verano (11)

11.

Ich beugte mich über Marvins Napf und legte los. Spargel war es nicht, aber etwas wie Fisch, mit Möhren und Getreide angereichert. Es ekelte mich, aber, wenn ich Hunger habe, komme ich über so was hinweg.
Marvin saß reglos neben mir und sah zu. Ich spürte, dass er wütend war. Jede Katze ist wütend, wenn eine andere in ihr Revier eindringt, speziell, wenn sie nicht aus dem gleichen Wurf ist. Aber was sollte er tun? Zwei Hiebe mit meinen nicht beschnittenen Pfoten und er wusste, wer das Vorrecht genoss. Da seine Menschen, Marvin die Krallen schnitten, waren seine Schläge eher, als würde man mit Wattebauschen verprügelt.
Die Lektion würde ihm guttun. Wenn er weniger aß, wurde er dünner. Wenn er dünner wurde, wurde flinker und hungriger. Der Hunger würde ihn mutiger machen und, dann würde er mich vielleicht besiegen. Wenn ich bis dahin zu viel fraß. So funktionierte Gleichgewicht: Meine Gier war meine Schwäche, Marvins Schwäche konnte ihn zu seiner Stärke führen.
„Warum isst du nicht zu Hause?“ Fragte er vorsichtig.
Ich sah hoch.
Der Napf war leer.
„Weil wir ansteckend sein können. Also ich. Du bewegst dich je keine fünf Schritt von deinem Zuhause weg.“
„Ansteckend?“
„Ja, wir können die Seuche übertragen, die sich unter den Menschen verbreitet. Wenn deine Besitzer sterben, wirst du es schnell schwungvoll haben. Dann flitzen wir beide durch den Wald und suchen Beute.“
Zu meiner persönlichen Überraschung wirkte Marvin nicht verstört.
„Da mache ich mir keine Sorgen. Meine Besitzer“-.
„Menschen!“
„Besitzer! Sind gut informiert. Sie verbringen viel Zeit im Internet und kennen sich gut mit Krankheiten aus.“
Das machte mich neugierig.
„Und, wie funktioniert das?“
„Dein Mensch sitzt doch auch viel vor einem Bildschirm. Diese Bildschirme sind miteinander verbunden, so wie wir über das universelle Bewusstsein verbunden sind und uns austauschen können. Das Internet ist ein Ableger davon, nur ohne die Sicherheit, dass man sich mit der universellen Wahrheit verbindet. Dort gibt es auch universellen Dummheiten, die die Menschen untereinander austauschen. Aber sie halten sie für wahr, weil sie feststellen, dass andere sie auch für wahr halten.“
„Und das geschieht deinen“, ich musste mich überwinden, „deinen Besitzern nicht?“
„Nein, weil die nicht verlernt haben zu denken. Sie übernehmen nicht was sie finden, sondern sammeln verschiedenes Wissen und machen sich ein eigenes Bild daraus.“
Ich sah auf den leeren Napf und dann nach Marvin. Zum ersten Mal war ich etwas beeindruckt von ihm. Kein Jäger, aber ein Denker, auch, wenn mir das für eine Katzenexistenz nicht zielführend schien.
„Und, wie bringe ich Paul das Denken bei? Wie sorge ich dafür, dass er die richtigen Zusammenhänge begreift?“
Marvin sah mich verschmitzt lächelnd an.
„Das verrate ich dir. Wenn du mir einen Vogel bringst.“
„Okay.“
„Aber ich will ihn lebend haben.“
Ich zögerte.
„In Ordnung.“
„Und unversehrt.“
Ein Fauchen entwich mir.
„Wenn es sein muss.“

07/20 PGF

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