Verano (12)

12.

Ich war auf dem besten Weg, meinen Ruf zu ruinieren. Wenn sich unter den Vögeln rumsprach, dass ich ihresgleichen lieber entführte, als in einer grausamen Federschlacht für meinen Gaumen vorzubereiten, noch schlimmer, wenn andere Katzen hörten, dass ich mich von Marvin herumkommandieren ließ, dann war es vorbei mit allem Ansehen und Erfolg. Denn der hing eindeutig davon ab, was die anderen von einem dachten und nicht davon wozu man taugte. Das war eine stille Ernte.
Es nutzte nichts. Ich brauchte einen Vogel und weil Marvin versäumt hatte, mir dies genauer zu definieren, schnappte ich mir die nächste alte Amsel, die nicht schnell genug von der Wiese wegkam, um sich meiner Pfoten zu entziehen. Die Krallen hatte ich eingezogen, was mich deutlich unbeholfener machte.
Die Amsel flatterte und versuchte mir zu entwichen, aber sie war zu ungeschickt, um sich meinen eingeübten Tricks zu entziehen. Irgendwann war sie zu müde sich zu wehren – ich hatte mich ein Weilchen auf sie gelegt – und ich konnte sie mit der Schnauze aufnehmen und davontragen.
Marvin erwartete mich bereits. Er führte mich in den Keller des Hauses, in dem er wohnte und forderte mich auf die Amsel loszulassen.
Die sprang sofort von uns davon und erkannte dann ihre Ausweglosigkeit. Kein offenes Fenster, keine offene Tür. Wenn sie die harte Tour suchte, konnte sie solange gegen die Decke flattern, bis sie uns ins Maul fiel.
„Was wollt ihr von mir?“ Fragte sie mit dünner Piepsstimme.
Marvin ging auf sie zu.
„Erstmal solltest du dich beruhigen. Es geschieht dir nichts. Wir brauchen deine Hilfe.“
Für mich verständlicherweise, sah die Amsel Marvin an, als habe er den Verstand verloren.
„Er isst nur Fleischersatz“, warf ich ein, um Marvin in seinem Bemühen zu unterstützen, aber die beiden ignorierten mich.
„Meine Hilfe?“
„Ja, mein Freund hier“ Marvin bewegte seinen Kopf lässig in meine Richtung, „macht sich Sorgen, um seinen Menschen. Er möchte ihm, zu tieferem Verständnis in die Zusammenhänge der Welt verhelfen. Sein Mensch soll verstehen, dass hinter der Seuche keine Verschwörung steckt, sondern ein Bewusstsein, welches jenseits von gut und böse, den Ausgleich sucht.“
„So zu denken, klingt aber gar nicht nach deinem Freund.“
Die Amsel warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu.
„Das denke ich auch oft, aber du kennst es: raue Schale, weicher Kern.“
„Mag sein, aber weshalb sollte ich einem Menschen helfen? Sie sind zu schwach und ängstlich für das Spiel der Natur und überziehen die Welt mit Erfindungen, damit ihre Bedürfnisse immer befriedigt werden können. Sie nehmen der Nacht die Dunkelheit, dem Morgen die Stille, der Luft den Geruch, dem Wasser die Reinheit. Mir ist es egal, ob sein Mensch stirbt.“
Unwillkürlich streckte ich meine Krallen aus und fing an, mir meine Pfote zu lecken, als würde ich eine Waffe, für den Gebrauch reinigen.
Die Amsel sah unsicher zu.
„Aber füttern lässt du dich von ihnen?“
Fragte Marvin entspannt.
„Ja schon.“
„Und, dass wir Glöckchen tragen müssen, damit wir euch nicht fangen, hat dich auch nie gestört?“
„Nein, aber.“
„Na, dann sind wir uns einig. Du sollst auch gar nicht die Menschheit retten. Alles was ich will ist, dass du mit ein paar Kumpels Zeitungen sammelst, in denen sich Artikel über die Klimaveränderung, Umwelt, Tierhaltung, menschliche Gesundheit, finden lassen. Schaut auf Parkbänken nach, in der Nähe von Papiercontainern, wenn nötig klaut welche aus dem Briefkasten und bringt sie mir.“
Die Amsel legte den Kopf schräg, dann nickte sie.
„In Ordnung. 10 Zeitungen bringen wir euch, aber nicht mehr.“
„Perfekt, dass sollte genügen.“
Marvin stellte sich auf alle vier Pfoten.
„Komm, ich bring dich nach draußen.“
Als die Amsel davongeflogen war, nickte ich Marvin anerkennend zu.
„Ich weiß zwar noch nicht, was dein Plan ist, aber die Amsel hast du gut überzeugt.“ Ich wandte mich ab. „Dann kann ich mich ja ein wenig ausruhen.“
Marvin schüttelte langsam den Kopf.
„Nein.“
„Nein?“
„Jetzt brauchen wir ein Eichhörnchen.“
Ich versuchte zu erkennen, ob Marvin sich einen Spaß mit mir erlaubte. Es schien ihm Ernst.
„Unversehrt, nehme ich an?“
Marvin nickte zufrieden.
„Es soll ihm, nicht ein Haar gekrümmt sein.“
Ich schnaufte durch.

07/20 PGF

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