Fraktal (1)

1.

Ich hielt die Füße still, wechselte die Übersetzung und trat dann wieder in die Pedale. Die Räder nahmen den Schwung auf und ich glitt über die asphaltierte Straße, mit einem leisen Rattern der Reifen.
Vor mir tauchte die Abzweigung zum Feldweg auf. Ich hätte auch unter der Brücke durch und dann parallel die Landstraße entlangfahren können. Aber ich mochte den stilleren Weg lieber, auch, wenn er ordentlich Schlaglöcher hatte.
In einem weiten Bogen nahm ich die Kurve, so dass ich mich nur leicht zur Seite neigen musste, um das Fahrrad dem Lenker folgen zu lassen.
Unmerklich hob hier der Weg etwas an. Ich konnte nicht ausrollen lassen, sondern musste direkt wieder in die Pedale treten, um nicht ins Stocken und aus dem Gleichgewicht zu kommen.
Ich war kein sonderlich guter Radfahrer. Selten, dass ich die Lust zu einer Radtour verspürte und seltener, dass ich der Lust folgte.
Heute hatte ich es getan. Aus einem unbestimmten Gefühl, bei dem man später denkt: Hätte ich es besser nicht getan! Oder: Warum habe ich es nicht getan? Es gibt da nur entweder oder. Wie bei Zellen, die, bis zu einem gewissen Punkt stimuliert, ihr Potential entladen oder stumm bleiben, wenn die kritische Grenze nicht erreicht wird.
An diesem Tag war ich mir dessen nicht bewusst. Wenn man dem Schicksal übel mitspielen will, muss man sich nur bewusst machen, dass bestimmt etwas Schicksalhaftes geschieht. Wie eine Frau ihre Liebe verbirgt, wenn ihre Liebe sie verraten könnte, verbirgt sich das Schicksal, wenn ihm die Entdeckung droht.
Der Feldweg hat einen wunderschönen Verlauf, zur rechten ein kleiner Fluss, der im Herbst ordentlich anschwellen kann und den Weg auch mal überschwemmt. Auf der linken eine Feuchtwiese, die übergeht in einen Mischwald und weiter westlich in ein Birkenried.
Etwa in der Hälfte der Strecke, zum nächsten Ort, kreuzt der kleine Bach den Weg. Dort befindet sich eine Brücke, die man überquert, um kurz darauf, das 500-Seelen-Dorf zu erreichen.
Von dieser Brücke, war ich noch ein kleines Stück entfernt.
Ich konnte schon die Bäume sehen, die sie rechts und links säumen. Vor der Brücke, rechts, steht eine würdige, alte Tanne, mit langen dunklen Zweigen, die den Fluss in ihren Schatten nimmt.
Da lenkte mich, in der Wiese, links von mir, ein Kleidungsstück ab. Ein heller, leichter Stoff, der auf der feuchten Wiese sofort ins Auge fiel.
Natürlich hätte ich weiterfahren können.

07/20

2 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.