Fraktal (3)

3.

Sie lagen etwa 10 Meter weit in der Wiese. Turnschuhe, die Farbe und der Schnitt verrieten, dass es die einer Frau waren. Ich hob einen auf.
Es war ein pastellgrüner Schuh, für einen schmalen Fuß. Aber er sah nicht so aus, als würde Aschenputtel irgendwo warten, um in ihn hinein zu schlüpfen. Der Schuh sah eher aus, als habe ihn Cinderella in höchster Not verloren und wäre barfuß weiter gerannt, weil ihr Leben wichtiger war, als dieser blöde Schuh.
Ich warf den Schuh in das hochstehende Gras und er verschwand, als hätte ich ihn in einen Spalt eines Paralleluniversums geworfen.
Vor mir grenzte der Wald an die Feuchtwiese, dunkel und schweigsam. Die Bäume bewegten sich gemeinsam im Wind, wie ein Chor Mönche der einen Choral singt. Ich lauschte, ob irgendwo jemand schrie und tatsächlich hörte ich Schreie, aber es waren die Schreie eines Vogels, einer Krähe oder etwas ähnlichem.
Eine ganze Weile blickten wir uns an, der Wald und ich. Zu jedem anderen Zeitpunkt, hätte ich es lächerlich empfunden, ein Haufen Bäume, mit ein paar Vögeln, zwei Füchsen, vielleicht einem Wildschwein und einer Erde voller Käfer und Ameisen, wie einen Organismus anzusehen. In diesem Augenblick aber, wusste ich, dass der Wald das gleiche über mich dachte: weshalb sollte er einen Haufen Zellen, die sich zu Organen und Extremitäten gruppiert hatten, als einen Organismus ansehen. Wodurch sollte sich mein Anspruch ableiten, dass ich eine Einheit bildete? Weil ich Geist besaß? Weil ich Seele besaß? Wie ein amüsiertes Lachen drang ein Windhauch aus dem Wald zu mir. Das Lachen eines älteren Bewusstseins, einer umfassenderen Seele.
Im Leben – immer – entscheidet man zwischen rechts und links, rechts und links, rechts und links. Man geht rechts, um die Häuserecke, weil man zum Bäcker will und trifft die Liebe seines Lebens oder geht links herum, weil man sich erst für den Metzger entscheidet und bis man beim Bäcker eintrifft, ist die Chance auf ein anderes Leben vorbei.
Man kann sich in seiner Wohnung verkriechen, auf dem Sofa festkleben und hat doch entschieden, an Fettsucht zu sterben, depressiv zu werden, sich seiner Phobie zu überlassen. Rechts oder links, rechts oder links, in jeder Sekunde, Tack, Tack, Tack … bis zum Tod.
Ich betrachtete den Wald, betrachtete die Bäume, unten von den Schatten bis hoch in die Wipfel. Sie waren wie eine undurchdringliche Wand. Ich sah nicht mal die Zweige der zweiten Reihe Bäume. Der Waldrand, war wie eine Haut, die nicht zulässt, dass jemand sieht, wie dahinter ein blutiges Herz schlägt, sich Kot durch die Eingeweide drückt und ein ruheloser Muskel sich auf und ab bewegt, damit Luft in diesen Körper strömt und ihn wieder verlässt.
Als würde sich mein Atem im Gleichklang mit den wiegenden Bäumen bewegen, spürte ich mein Atmen in der Bewegung meines Bauchs.
Ich ging weiter, auf den Wald zu, der mich kühl und leise rauschend erwartete.

07/20 PGF

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