Fraktal (4)

4.

Erst, als ich den Waldsaum erreichte, sah ich die kleine Mauer, die sich dort befand. Überreste einer Befestigung aus Sandstein, vielleicht zu einem verfallenen Haus gehörend oder auch nur der Rest eines Häuschens in dem ein Förster Werkzeuge für die Arbeit abgelegt hatte.
Geblieben waren die Mauerreste, welche den Blick auf Mörtel und behauene Steine anboten, zwischen die sich Flechten und Moose drängten, als wäre das Gestein ihre Nahrung. Ich bemerkte Spuren von frischem Ruß, die an der Innenseite der Mauer klebten, als habe dort jemand, vor Kurzem, ein Feuer gemacht. Ich ging näher ran und strich mit dem Zeigerfinger über das Gestein. Erwartungsgemäß wurde mein Finger geschwärzt. Ich sah nach einer Feuerstelle, aber es war keine zu finden. Der Boden sah auffällig sauber aus. Als habe ihn jemand gefegt und dabei nur vergessen, auch die Spuren des Rußes zu beseitigen.
Ich starrte in den Wald und alles kam mir plötzlich ganz unwirklich vor: wie ich dastand und starrte, als läge ein Unheil in der Luft. Geh zurück zum Fahrrad, dachte ich, fahr weiter und vergiss das Ganze. Vielleicht hat irgendjemand einfach alte Kleider entsorgt.
Aber das Blut …!
„Hallo!“ Ich rief das Wort knapp und heiser, wie ein Kind, das in einen Keller hinabsteigen soll, um Getränke zu holen.
Eine Urangst, aus einer Zeit, als wir in Höhlen hinabstiegen, um uns vor dem Winter zu schützen und nicht wussten, ob uns ein Bär fressen würde. Oder etwas anderes, schreckliches, das im Inneren der Erde lebte.
Mein „Hallo“ verklang knapp und echolos, wie ein Wurf der misslingt und einem vor die Füße fällt. Mein Gesicht krampfte sich zu einem Lächeln, zu einer Grimasse des Lächelns, denn mein Mund war trocken und meine Hände feucht vor Schweiß.
Was hatte ich mir erwartet? Das jemand „Hilfe!“ rief und ich losrennen konnte. Durfte ich etwas anderes erwarten, als diese sonderbare Stille, die zu beenden nur der Wald das Recht hatte, in dem er mit Ästen knackte, einen Vogel losschickte oder eine Maus durchs Unterholz jagte?
„Hallo!“ Rief ich noch einmal, als könnte ich mein eigenes Echo sein. Trotzig dehnte ich das Wort, hielt jeden Buchstaben zornig und länger in die Luft, wie ein Vampirjäger der sein Kreuz gegen die Untoten streckt.
„Jaaaaa! Jaaa! Jaa! Ja! J …“ Kam eine Antwort. Eine leise, undeutliche Antwort, als trüge sie der Wind von weit her, von tief aus dem Inneren des Waldes, zu mir.
Ich streckte den Hals, versuchte besser zu hören. War das ein Ja oder ein undeutliches Iiiija, wie Greifvögel schreien.
Es war wieder still. Der Wald zwitscherte und wartete, als würde er abwarten, was ich tue.

07/20 PGF

16 Kommentare

      1. Sagte ich bereits, dass Du das Talent besitzt, durch Bilder allein – Gänsehaut zu vermitteln? Nein?
        Nun, dann sage ich es nochmal!!!
        : Du besitzt das Talent, einzig durch Bilder Gänsehaut zu vermitteln! 🙂
        Und noch etwas:
        Ich las bisher nur einen Autoren, bei dem es mir ähnlich ging, was die Bilder anbelangt:
        Mein Lieblingsautor, Hermann Hesse

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      2. Also: nachdem das Kriseninterventionsteam mich nach dem Hesse-Vergleich wieder stabilisiert hat, weise ich zärtlich darauf hin, dass wir da einen gemeinsamen Lieblingsautor haben. Dass ich schreibe, hat maßgeblich mit Hesse und seinem Werk zu tun.
        Ich glaub ich brauch noch ein bisschen Sauerstoffzelt … 😉

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      3. Auch ich finde den Hesse nicht schlecht, wie du weißt, lieber Pe am See, und was du so schreibst, das gefällt mir sowieso fast immer…
        Herzliche Grüße zur Nacht vom Lu am Ne

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      4. Ach was, echt? Ist ja spannend….. 🙂
        Welches Werk genau hat Dich denn getriggert?!
        Bei mir waren es Narziss und Goldmund, Demian und Unterm Rad…..danach war ich süchtig!
        Unterm Rad las ich neulich noch einmal, weil es so alt – und dennoch so zeitnah aktuell ist….
        Love him …. 💓

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      5. Also es liegt schon ein Weilchen zurück und hat mit Siddharta begonnen und ging dann, über die von dir genannten weiter.
        Es gibt vieles zu nennen: die Erzählungen, Glasperlenspiel, oft übersehen Rosshalde, ich habe über die Jahre das ganze Werk, ausser den Briefen gelesen. Den tiefsten Eindruck hat der Steppenwolf hinterlassen, das Traktat kannte ich phasenweise auswendig.
        Toller Mensch, tiefes Werk.

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      6. Er hat viel erlebt, viel gesehen und noch viel mehr (ge)erlitten. Sicher hat ihn das so enorm sensibel werden lassen. Das jedoch in Wort und Schrift SO rüber zu bringen, wie er es konnte, ist ein wahres Talent, welches nur wenige Autoren besitzen! 🙂

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      7. Da bin ich gerne dabei – ich habe den Link gerade mal angeklickt und in den ersten Teil hineingehört. Da ich jetzt zur Arbeit muss, war es jedoch wirklich nur ein klitzekleines Reinhören, welches ich fortsetze, sobald ich Zeit finde! Dann mehr…..
        Liebe Grüße und bis neulich. 🙂

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