Fraktal (5)

5.

Nur zwei, drei Meter in den Wald gelaufen, traf ich auf einen ausgetretenen Pfad, dem ich mich entschied, zu folgen. Beruhigt stellte ich fest, dass der Wald, einmal betreten, doch hell und freundlich war. Der Bestand setzte sich überwiegend aus Buchen zusammen, die ein lichtes, glitzerndes Dach über mir bildeten.
Obwohl ich versucht war, noch einmal zu rufen – irgendetwas zu rufen, „Hallo“ schien mir zu abgegriffen – blieb ich still und lief den Weg entlang, als stünde mein Rad nicht 200 Meter entfernt von mir, damit ich meine Radtour fortsetzen konnte, sondern, als wäre ich, wie geplant zu einem Spaziergang unterwegs. Vielleicht zu einer Wanderung. Eine Fernwanderung, den E5 entlang oder den E2 oder den E9, nur das mir noch Marschgepäck und passendes Schuhwerk fehlten.
Ich erinnere mich nicht, wie lange ich lief. Solange, wie man es halt tut, wenn man meint, es könnte eine Straftat vorliegen, jemand könnte Hilfe benötigen und man will sicher gehen, nichts übersehen zu haben. Ich meinte, in diesem Sinn, meine Pflicht erledigt zu haben, als ich im Gebüsch neben mir, einen „Durchbruch“ entdeckte. Mir fällt kein besseres Wort ein. Es war kein Gebüsch, es waren Farne. Große alte Farne, die standen, als würden sie diesen Platz seit dem Karbon behaupten. Als sie 300 Millionen Jahre früher, zusammen mit Schachtelhalm und Bärlauch riesige Wälder bildeten. Jetzt lagen sie, binnen Sekunden, nach rechts und links niedergedrückt da, als hätte sich ein großes Tier, ein Bär oder ein riesiges Wildschwein, über ihren angestammten Platz hinweggesetzt.
Ein Moment war mir danach, niederzuknien und die Farne wiederaufzurichten. Als müsste ich ihnen Versöhnung und Wiedergutmachung anbieten. Aber, wenn ich zögerte, kam ich vielleicht zu spät. Zu spät zu was, wusste ich nicht.
Ich machte einen großen Schritt über die Farnhalme hinweg und lief in ein Stück dicht bestandenen Tannenwald.
Hier bot sich mir kein ausgetretener Weg an. Ich musste mich durchs Unterholz arbeiten. Über Bruchholz hinweg steigen, Zweige beiseite drücken und auf Moos bedeckte Felsen vorsichtig meinen Fuß setzen.
So arbeitete ich mich vorwärts, weil ich meinte durch die Zweige, eine Lichtung zu entdecken, aber egal, wie oft, ich Gestrüpp hinter mir ließ, verdichtete sich neues vor mir. Ich verstand das nicht. Der Wald war mir nie so groß erschienen, ich konnte nicht nachvollziehen, warum ich so viele Schritte vorwärts machen konnte, ohne das Ende des Abschnitts zu erreichen. Der Wald war mir nicht unbekannt. Gut, ich hatte ihn nie betreten. Er hatte den Weg gesäumt, den ich häufig entlang spazierte und selten entlang radelte, aber ich wusste, wie weit er sich von West nach Ost und von Nord nach Süd erstrecken konnte: keinesfalls mehr, als je einen Kilometer, in die jeweilige Richtung. Aber ich schien viel länger unterwegs.
Langsam kam ich ins Schwitzen und mir wurde unwohl. Ich entschloss mich, der Bemoosung der Bäume folgend, eine Himmelsrichtung beizubehalten, so musste ich nach spätestens 15 Minuten die Straße wiederfinden oder einen ausgetretenen Weg.
Diesem Vorsatz folgte ich, bis meine Schritte, in zunehmend weichem, nassem Untergrund landeten. Eine Art Lichtung schien vor mir zu liegen, denn die Bäume traten nach rechts und links auseinander. Aber sie taten es nicht, weil ich den Rand des Waldes erreichte. Vor mir lag, ein in der Dämmerung dampfendes, nebliges Moor.

07/20 PGF

5 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.