Fraktal (6)

6.

Das Moor roch, nach Fäulnis, feuchtem Holz und Rauschbeerenblüten. Die Luft war schwer, ich spürte, wie meine Haut und meine Kleidung feucht wurden, unter dem Nebel der sich auf mir absetzte.
Zeit zum Rückzug, dachte ich und plante, den Rand des Moores zu verlassen. Ich wandte mich um und hatte den Eindruck, das Spiegelbild des Moores hinter mir, vor mir zu sehen. Konnte ich so tief, in das Moor hineingelaufen sein, ohne es zu bemerken?
Die Antwort war unerheblich, de facto lag der gleiche schlammig, unsichere Untergrund vor mir, wie hinter mir. Den Weg, über den ich gekommen war, konnte ich nicht erkennen. Ich stand mitten in diesem Moor, ohne zu wissen, wo die festen und wo die unsicheren Wege verliefen.
Um mich herum stiegen weiter Nebel auf, dichte, undurchdringliche Nebel, indem sich jede Art von Unheil ungesehen nähern konnte.
Über mir am Himmel erschienen blass die ersten Sterne. Aber es war nicht kühl, wie es mit der Dämmerung werden sollte, als sammle sich eine feindselige Hitze, blieb die Luft um mich her warm.
Ich hob meine Arme, erst den rechten, dann den linken und merkte, wie der Schweiß meiner Achseln sich mit der Feuchtigkeit des Nebels verband. Ich war klatschnass. Etwas stach mich in den Nacken. Ich holte aus und schlug zu. Meine Hand platschte in den Schweiß, der sich in meinem Nacken gesammelt hatte, als schlüge ich in ein Becken mit Wasser.
Ich nahm meine Hand zurück und sah einen blutigen, schmierigen Fleck, in dessen Mitte eine zerriebene Stechfliege klebte.
Ein Sieg der mich nicht weiterbrachte. Mit einem weiteren Stich, in meinem Arm, wurde mir klar, dass mich ein Schwarm Moskitos entdeckt hatte. Es wurde Zeit, nach einem Heimweg zu suchen.
Ich nahm einen dicken Ast, der in der Nähe lag, um den Untergrund vor mir zu prüfen. Es ging endlos langsam voran, während die Dämmerung über mir hereinbrach und eine dünne Mondsichel am Himmel erschien. So schmal, wie nur möglich, um mir, so wenig, wie nur möglich Licht zu spenden.
Bald fand ich einen dickeren Ast und tauschte ihn gegen den, den ich hatte. Das machte mich etwas schneller, weil ich den Boden besser belasten konnte, aber der Atem ging mir dennoch schwer und die Stiche, die mir die Fliegen, an Armen und Beinen, im Nacken und an der Stirn zugefügt hatten, waren nicht mehr zu zählen.
Der Saum des Waldes, an dem ich vielleicht festen Grund finden konnte, schien von mir wegzurücken, je näher ich kam. Wie Tantalus stand ich, auf meiner Insel mitten im See, während an den Ufern um mich her, köstliche Speisen lagen.
War das nicht alles sehr, sehr seltsam. Dieses Kleidungsstück und der Wald, der Farn und das Moor, die tanzenden Lichter … Die tanzenden Lichter?
Vor mir schwebte ein matt weißes Licht, viel zu groß für ein Glühwürmchen, viel zu trüb für einen Taschenlampe, viel zu schwebend und schwankend, für eine menschliche Quelle.
Ich kann es nicht anders sagen: Als das Licht mich entdeckte, schwebte es davon.

07/20 PGF

7 Kommentare

      1. Stimmt, das Rad samt Tour sind irgendwie kurz vor dem Eintritt in den Wald verschütt gegangen.
        Hoffentlich kommt da jetzt nicht der Nächste vorbei, der das Rad mit der blutigen Bluse und den Schuhen in Zusammenhang bringt :-/
        Oh-ooooh….. mir schwant Fürchterliches! 🤷🏻‍♀️

        Gefällt 1 Person

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