Fraktal (7)

7.

Ich hatte von Irrlichtern gehört. Und auch, wenn ich wusste, dass es eine physikalische Erklärung für sie gab: Lebewesen mit Biolumineszenz, Faulgase aus dem Moor, die sich spontan entzünden konnten, war es etwas anderes eines zu erleben. Deshalb nahm ich die Verfolgung auf.
Eine aufgestiegene und entzündete Gaswolke hielt ich bald für unwahrscheinlich. Die hätte sich auflösen oder noch eher explodieren müssen. Aber das Licht vor mir tanzte, auf der immer gleichen Höhe und umflog geschickt, fast wie im Spiel, die Stämme der Bäume. Wie eine Drohne aus Licht, von der ich nicht wusste, wer sie steuerte.
Vielleicht, weil es dunkler wurde und ich weniger sah, hörte ich besser. Ich hörte mein Schnaufen, während ich, mit dem Licht, Schritt zu halten versuchte. Ich hörte das Platsch, Platsch, Platsch meiner Füße, im immer noch feuchten Untergrund. Ich hörte Äste knacken und Vögel die Warnrufe ausstießen. Ich hörte das Summen und Fliegen und den Flügelschlag von Libellen. Ich hörte den Stoff meiner Hose, der zwischen meinen Oberschenkeln hin und her gerieben wurde und ich hörte eine Melodie. Eine leise, sanfte Melodie, die aus meinem Mund oder aus dem Irrlichter kommen konnte. Es war kein Lied, dass ich je irgendwo gehört hatte, es war eine Melodie, die mitten in meinem Herz klang und keiner normalen Klangfolge entsprach. Eine einfache Tonfolge, die von irgendwo her zu mir kam und mich ausfüllte.
Ich taumelte nun mehr, als das ich lief. Plötzlich fühlten sich meine Beine sehr schwer und müde an, die Beine eines alten Menschen, der spürt, dass das Feuer in ihm verloschen ist. Der nur noch mühsam, die Schritte in der eigenen Wohnung zu leisten vermag und für den der Gang nach draußen, zum Arzt oder zum Einkauf zum Alptraum wird.
So ein schwacher, an sich selbst zweifelnder Organismus war nun hier draußen, im Moor, in der Dunkelheit, in der Einsamkeit einer Nacht, ziellos unterwegs.
Ich lief weiter, als dürfe ich nicht stehen bleiben, als würde stehen bleiben, auch fallen bedeuten. In ein tiefes Loch fallen, aus dem ich nie mehr gerettet werden konnte.
Zwei Fragen begannen mich nun zu beschäftigen: Träume ich nur? Verliere ich, den Verstand?
Einen Traum schloss ich schnell aus, dafür war der Vorgang zu kontinuierlich und irgendeines der körperlichen Symptome, die Unruhe, das Schwitzen, mit denen man sich normalerweise aus einem Alptraum rettet, um schweißgebadet oder mit den Decken verknotet wach zu werden, hätte mich längst wach werden lassen müssen.
Also wurde ich verrückt.
Wie testet man das? Ich machte einen Selbstcheck. Fragte mich nach meinem Namen, meiner Adresse, meinem Beruf, meinen Hobbies, meiner Familie und konnte mir zu allem schnell und sicher eine Antwort geben. Obwohl mir, mein Name seltsam fremd erschien, als wäre es nicht mein Name, sondern als hätte ich irgendwann gelernt zu reagieren, wenn jemand diesen Namen, dieses Wort rief. Und ja, so war es ja. Wir kamen ja nicht zur Welt und sahen unser Sein mit einer Bezeichnung verknüpft. Wir wurden zu Thomas, Issac oder Franz, weil das jemand gut für uns fand. Wir lernten auf Rebekka, Sofia oder Annabel zu reagieren, weil unsere Eltern damit etwas Schönes verbanden. Wie Hunde auf ihren Namen reagieren lernen, so lernten auch wir auf einen Namen reagieren. Bis zu irgendeiner wilden Stunde, in dem wir dies begriffen, der Name auf den wir hörten, wieder nur zum Wort wurde, ein Wort ohne Bedeutung und ohne Bezug zu uns selbst.
Und, als ich das begriff, begriff ich auch, dass es mit den anderen Dingen, der Adresse, dem Beruf, den Hobbies, der Familie nichts anderes war. Eingeübte Bezeichnungen, erlernte Beziehungen, substanzlose Illusionen.
Weiter kam ich, mit dem Gedanken nicht. Das Irrlicht vor mir, war verschwunden.

07/20 PGF

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