Fraktal (8)

8.

Ich stand in der Dämmerung, der schwache Mond und die dürren Sterne warfen nur ein mageres Licht zu mir herab, welches mich spüren ließ, wie wenig ich sah. Ich tastete mich vorwärts und büßte dies mit einem Zweig, der mir unvermittelt ins Gesicht knallte. Ich fluchte und rieb mir über Auge und Stirn, um zu prüfen, ob Blut floss, aber meine Haut schien unverletzt.
Ich drängelte mich weiter in die Dunkelheit, wie jemand der in einer Menschenmenge unbedingt eine Fahrkarte bekommen will und sich vor, zum Automaten drängt.
Das tat ich, bis ein undurchdringliches Schwarz, direkt vor mir, mich bremste. Wie ein Astronom, der ein schwarzes Loch entdeckt und inne hält, beim Anblick dieser unverständlichen Materie, die das Licht, die ganze Sonnen verschlingt, starrte auch ich gebannt in die Finsternis und wartete, ob sie sich bewegte, ob sie mich einfach in sich hineinziehen und verschlingen würde.
Ein Kauz schrie und im Gebüsch neben mir hastete einen Maus in ihren Bau, um nicht sein Opfer zu werden.
Jetzt verstand ich.
Ich stand unmittelbar, vor dem Eingang einer Höhle. Einem gewaltigen, dunklen Rund, durch welches ich hinabsteigen konnte, in eine unbekannte Unterwelt.
Ich zögerte.
Was sollte ich da drin?
Etwas riet: Die Nacht darin verbringen, dich vor Feuchtigkeit und Kälte schützen, wie ein alter Höhlenbär.
Ich konnte ein Feuer in der Höhle machen – besaß allerdings kein Feuerzeug.
Ich konnte mich an eine kühle Felswand kauern und abwarten, was geschah.
Aber der Gedanke, in der Höhle Schutz zu suchen, bot mir keinen Trost, weil ich dachte, weil ich fürchtete, dass vielleicht nie mehr Tag wurde. Dass ich in eine letzte Nacht, ein letztes Dunkel hineinlief und dort verloren ging.
Nimm dich zusammen! Rief ich mich an.
Aber das fiel mir zunehmend schwer. Wenn man aus einer Gesellschaft weggeht, dann ist man noch eine ganze Weile im Dialog mit sich. Man gleicht Gehörtes mit Gedachtem ab und bewertet, was man erlebt hat. Je länger man aber allein ist, desto mehr verebbt dieser innere Dialog und wird zum ziellosen Monolog, zu einem unzusammenhängenden Fluss von Eindrücken und Gedanken, die am Ende übergehen, in einen wortlosen Zustand, eine Leere, die dem Ich die Festigkeit nimmt.
Nimm dich zusammen!
Ich streckte mich.
Okay! Es sprach nichts dagegen, den Eingang der Höhle auszukundschaften.
Auch, wenn mir die Höhle und ihre Größe, für diesen Wald völlig deplatziert schien. Aber es lag nicht an mir zu entscheiden, weshalb die hiesige Tourismusbehörde, die Höhle nicht ausgewiesen hatte.
Ich musste mich noch durch ein paar Zweige hindurchpressen, dann stand ich direkt vor dem Höhleneingang.
Manchmal spricht man, von einem riesigen Maul, wenn man einen Eingang beschreibt. Aber mir war eher, als stünde ich vor einem Ohr.
Mir war, als wäre die Höhle ein Ohr und ich ein Wort, ein Satz, ein Gedanke, der unentschlossen ist, ob er von diesem Ohr empfangen werden will.
Ich schloss die Augen. Ich schloss sie, weil sie mir hier nicht mehr weiterhalfen. Meine Augen hatten ihre Bedeutung verloren, das erschüttert mich. Ich liebte das Sehen! Wie ausgerichtet war mein Leben auf Licht und Farbe, auf Schönheit, auf Wissen, auf Unterhaltung! Ausgeschaltet!
Jetzt musste ich tasten lernen und horchen und wie ich in diesem Moment bemerkte riechen. Aus der Höhle entströmte ein wundervoller Duft. Ein Duft, wie ich ihn an der Bluse vernommen hatte, etwas Weibliches, Sinnliches, Animalisches.
Ich betrat die Höhle.

07/20 PGF

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