Fraktal (9)

9.

Wie eine Hummel in den Blütenkelch, tauchte ich in die Höhle. Ich vergaß, mich von Anfang an, an einer Wand entlang zu hangeln und als ich erst drin war, lief ich so weit hinein, dass ich eine Weile ziellos irrte, ehe ich, meine Hand wieder, an den feuchten, kalten Felsen legen konnte.
Noch ahnte ich, wo hinter mir der Ausgang lag. Aber dieser Duft lockte mich nach Innen. Die Luft in der Höhle war feucht und erfrischend. Ich genoss die Abkühlung nach der drückenden Hitze im Moor. Ohne verstand, drängte ich mich, in das Innere der Höhle, wie ein Embryo, im Geburtskanal nach draußen drängt.
Ich tastete mich mit unruhigen Fingern die Felswände entlang und dachte gar nicht darüber nach, was ich berührte. Ob ich in einen Schwarm Asseln griff, ob ich mit einer achtlosen Bewegung ein Geschwader Fledermäuse in Bewegung setzte oder, durch ein klebriges Netz Spinnweben, den haarigen Rücken einer Spinne fasste.
Ich tastete und roch, tastete und roch, wie ein Süchtiger, der versucht zu seinem Stoff zu kommen. Nein, noch primitiver, wie ein Rüde, den der Duft einer läufigen Hündin lockt.
Ich fühlte Besessenheit und während ich sie fühlte, begriff ich, dass dies besessen Sein schon immer in mir war und, dass sein Ausbruch nicht durch Vernunft unterbunden wurde, sondern durch Angst. Angst vor einem unbekannten Schaden, Angst vor sozialer Ächtung, Angst vor den Konsequenzen. Wenn diese Angst fiel, gab es nichts mehr, was die Besessenheit aufhalten konnte.
Der Besessenheit folgen bedeutet zuletzt, den Widerstand gegen die Bestimmung aufgeben, den Widerstand gegen Gott fallen lassen, zu dem zu werden, was die Natur von mir wollte.
So wie ich jetzt tiefer und tiefer, in diese Höhle drängte, alles vergaß, alle Kontrolle aufgab, diesem primitivsten Sinn aller menschlichen Sinn folgend, dem Geruch, hörte ich nicht auf Teil der Schöpfung zu sein. Ich wurde erst wieder Teil von ihr. Der Duft steuerte mich. Folge mir, schien er zu rufen. Folge mir, überlasse dich mir. Und ich wehrte mich nicht. Ich achtete nicht mehr auf die Wände neben mir, ich achtete kaum auf Unebenheiten im Boden. Meine Füße schienen die eines Tänzers, der über jeden Stolperstein hinweg tanzt, lachend, befreit. Das ging so weit, dass ich in meiner Ekstase im Dunkeln zum Sehen fähig wurde. Es war verrückt, als hätte ich plötzlich die Augen einer Katze, konnte ich im Dunkel sehen. Aber nicht alles in Grüntönen. Nein, ich erkannte warme Rottöne, weiches Gelb, flackende Schatten, goldene Lichtstrahlen. Ich – ich …
Da war ein Feuer! Ich sah nicht im Dunkeln, sondern ich war auf einen Kuppelraum gestoßen, in dem, in einer mit Steinen gesäumten Feuerstelle, ein großes, hungriges Lagerfeuer flackerte. Die Scheite die darin geschichtet waren, hatten das Maß eines kräftigen Männerunterarms und die Flammen züngelten, je wie der Wind stand, hoch bis unter die Decke, was ich nur ahnen aber nicht sehen konnte.
Ich verlangsamte meine Schritte. Meine Augen trieben meine anderen Sinne zurück in ihre Käfige. Als würde ich plötzlich taub, als verlöre ich mit einem Mal meinen Geruchsinn, war im Licht plötzlich wieder alles nur Bild.
Nur der Duft blieb in meiner Nase. Ein süßlicher, verführerischer Duft, etwas wie Baumharz, etwas wie Weihrauch und dann sah ich, von wo der Duft entströmte.

07/20 PGF

3 Kommentare

  1. Super spannend, huuuhhh…

    Am besten gefallen hat mir: Der Besessenheit folgen bedeutet zuletzt, den Widerstand gegen die Bestimmung aufgeben, den Widerstand gegen Gott fallen lassen, zu dem zu werden, was die Natur von mir wollte.

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    1. Danke liebe Marion.

      Ich gebe zu, mit dem Satz gehadert zu haben, weil Fanatismus, speziell religiöser, sich (vielleicht) aus einem ähnlichen Gedanken nährt.
      Andererseits kann das „gute Gefühl“ auch der inneren Stimme entspringen, die uns leitet, ohne Schaden anzurichten.

      🙂

      Gefällt 1 Person

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