Fraktal (10)

10.

Im Dunkel entdeckte ich eine Silhouette. Das ist der Köder, dachte ich. Was immer dich hierhergelockt hat, das ist der Köder, wegen dem du, wenn du nach ihm fasst gefressen wirst.
Aber ich konnte nicht stehen bleiben. Der Duft und der Rauch, die Wärme des Feuers und sein Licht, die tanzenden Schatten auf den Wänden, das Tropfen von Feuchtigkeit von der Decke waren hypnotisch.
Ich betrat den Kuppelraum.
Aus der Silhouette wurde ein dreidimensionaler Körper. Der Körper einer Frau. Ihre tätowierte Haut glänzte verlockend, im Tanz der Flammen.
Ihr Gesicht konnte ich nicht sehen. Es lag im Schatten, ihrer langen, dunklen Haare, die wie eine Mähne ihrer Erscheinung etwas Bedrohliches verlieh.
Sie schien sich nicht vor mir zu fürchten. Im Gegenteil, als hätte sie mich erwartet, stand sie da und starrte mich reglos an.
„Entschuldigen Sie“, brachte ich heiser hervor. „Sind Sie verletzt? Ihre Bluse …“
Sie machte einen Schritt, wie ein Tier, dass zum Sprung ansetzt. Statt einer Antwort vernahm ich nur ein Brummen, dass eine undeutliche Mischung aus Schnurren und Knurren schien.
„Hören Sie, ich dachte, vielleicht braucht jemand Hilfe. Deshalb bin ich, in den Wald.“
Ich merkte, dass ich mich nur schwer auf das konzentrieren konnte, was ich sagte.
„Dann kam das Moor.“
Die Wände der Höhle begannen sich um mich zu drehen.
„Da war ein Irrlicht.“ Murmelte ich, mir selbst unverständlich.
Plötzlich war die Frau über mir, wie ein Schatten der über Wände gleitet, wenn ein Körper sich vor einer Lichtquelle dreht, so war sie von einem Augenblick zum anderen, nicht mehr vor mir, sondern über mir.
Ich fühlte mich zu Boden gedrückt, vielleicht fiel ich aber auch in Ohnmacht. Ich fühlte Hände die mich packten. Erst kam ich gar nicht auf den Gedanken mich zu wehren, aber dann bekam ich Angst. Das Gefühl einer natürlichen Überlegenheit bekam einen Riss und aus diesem Riss strömte eine verzweifelte Angst die Kontrolle zu verlieren.
Ich versuchte sie an ihrer Taille zu packen. Was mir auch gelang. Aber zu meinem Entsetzen packte nicht ich nicht Stoff oder Haut, sondern Fell. Meine Finger gruben sich in struppiges, raues Fell, dessen Haar von Staub und Regen und Speichel seine widerstandsfähige Struktur erhielt.
Ich riss die Augen auf und sah in das lange Gesicht einer Wölfin und während ich noch glaubte, mit dem Tier kämpfen zu müssen, drehte sich der geschmeidige Körper so über mir und vor mich, dass ich plötzlich hinter ihr kniete und sie sich vor mir bückte.
Ich wollte die Arme heben und sie von ihr nehmen. Aber statt meiner Arme, hob ich behaarte Vorderläufe in die Höhe, die ich gar nicht weiterbewegen konnte, ohne meinen Rücken zu überstrecken.
Ich ließ mich vorfallen, gab mich dem Leib vor mir hin. Der sich mir hingab und mit mir verschmolz. Unsere Körper flossen ineinander, wie zwei schmelzende Kerzen, deren Wachs sich zu einem vermischt.
Nun war sie nicht mehr vor und ich nicht mehr hinter ihr. Wir saßen uns gegenüber von Angesicht zu Angesicht. Nicht mehr das Angesicht eines Wolfes, sondern ein helles, strahlendes Angesicht, als blicke ich in die Augen eines Engels. Zu meinem Schrecken entdeckte ich in diesen Augen mein eigenes Gesicht: spitz und dunkel und diabolisch. Mein Kinn spitz und boshaft, meine Augen stechend und klein, meine Wangen feurig und kantig, wie glühender Fels.
Während ich erschreckt meine Fratze betrachtete, verwandelte sich das strahlend, helle und freundliche Gesicht vor mir, in eben den gleichen boshaften Dämon. Aus dem Gefühl zu zeugen, einzudringen, zu erobern, wurde ein Gefühl des Empfangens und genommen Werdens, dem ich mich nicht entziehen konnte.
Das war auch nicht nötig. Weil das alles nur Rollen waren, alles nur Spiele, Meinungen über Meinungen, Fantasien.
Plötzlich wurde mir kalt.
Ich fühlte, wie unsere Körper auseinander entglitten, wie ich zurückfiel ins Mensch sein, ins Mann sein, weder Tier, noch Dämon, noch Engel. Das Getrenntsein erfasste mich, ein Gefühl tiefer unüberwindlicher Einsamkeit. Unsere Körper flossen auseinander, wie zwei Substanzen, die nichts vereinen kann.
Ich sah in Augen, die ebenso ihre Einsamkeit litten. Sah, dass auch sie litt. Dachte, dass doch jeder Mensch ein Leidender war, einsam und hungrig, sterblich und von Sehnsucht nach Glück aufgerieben.
Versuchte zu trösten, in dem ich die Hand ausstreckte, versuchte zu halten.
Aber meine Hand griff ins Leere, das Feuer verlosch und ich blieb in der Dunkelheit zurück.

07/20 PGF

6 Kommentare

  1. Was soll ich sagen – ich weiß es noch nicht. Was wie ein spannender Krimi begann, wechselte über Fantasy bis hin zum Science-Fiktion….
    Du bedienst damit viele Genres in Einem und ich bin sehr gespannt, wo es enden wird! 🙂

    Gefällt 1 Person

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