Fraktal (11)

11.

Als ich wach wurde, fiel die Morgensonne zu mir herein. Ich erkannte, dass ich, letzte Nacht, gar nicht, in einen Kuppelraum getreten war, sondern das andere Ende der Höhle erreicht hatte. Da hier, das Morgenlicht hereinfiel, musste ich die Höhle auf ihrer Westseite betreten haben und konnte sie nun durch die Ostseite verlassen.
Ich sah an mir herab. Ich trug meine Kleider, sie waren nass und verschmutzt. Ich fühlte mich, wie in meiner Jugend, wenn ich eine Nacht lang, über den Durst getrunken und am nächsten Morgen zufrieden mit meiner Unvernunft, aber bereit, für meine Sünden zu büßen, wach geworden war.
Ich sah mich in der Höhle um und entdeckte die Feuerstelle, in der das große Lagerfeuer gebrannt hatte. Sie war gereinigt, wie jene am Waldrand. Ruß klebte an den Steinen, aber die Asche war weggefegt.
Im Licht der Morgensonne erkannte ich, dass die Wände mit seltsamen Symbolen und Zahlen übersät waren. Als hätte jemand geometrische Rechnungen durchgeführt und anschließend die Formen an den Wänden zu verewigen gesucht. Ich las eine Zahl die mit 1,61803 begann und sich endlos fortsetzte. Dann war da ein Kreis und zwei Kreise die sich überschnitten und zwei Kreise in deren Schnittmenge ein Dreieck gezeichnet waren. Eine Kugel, die sich aus Fünfecken zusammenstellte, der Querschnitt eines Apfels, der Zweig eines Baumes, das Gehäuse einer Schnecke, menschliche Körper plump und unförmig, menschliche Körper, in denen die Proportion vollendet schien.
Ich ging noch näher zu einer der Wände hin, die nah am Eingang lag und etwas besser Licht abbekam. Aber ich verstand nichts, von dem was da geschrieben stand. Über den Satz des Pythagoras war ich nicht hinausgekommen. Um zu sehen, ob man die Asche, für die Zahlen verwendet hatte, strich ich mit der Hand über die Felswand und zuckte vor Schmerz zurück. Ich war über einen scharfen Gegenstand geglitten, der im Halbschatten verborgen lag. Er sah aus, wie die Kante einer Glasscherbe die im Felsen steckte. In meiner Handfläche zeigte sich ein tiefer Schnitt, der ordentlich blutete.
Meine Kleider waren viel zu schmutzig, um sie auf eine offene Wunde zu drücken. Deshalb sah ich mich in der Höhle um und entdeckte, ein Stück Stoff, welches auf dem Boden lag. Es war mattweiß und mochte aus Baumwolle bestehen. Als ich näherkam, erkannte ich, dass es sich um eine Bluse handelte. Ob es, der Frau von letzter Nacht gehörte? Wenn es sie gab. Wenn ich das nicht nur geträumt hatte. Was ich für wahrscheinlicher hielt.
Die Bluse sah noch sauber aus, deshalb nahm ich sie hoch und umwickelte meine Hand damit. Den Duft von gestern, konnte ich an dem Stoff nicht mehr riechen.
Unschlüssig stand ich da und betrachtete, den Höhlenausgang.
Es war Zeit zu gehen.
Ich trat nach draußen, in einen hellen freundlichen Morgen und war überrascht, als ich mich umsah. Ich hatte geplant seitlich der Höhle zurück zu meinem Fahrrad zu laufen. Aber ich stand einer gewaltigen Felsmauer gegenüber in der, der Höhleneingang, wie ein winziger Mäusebau wirkte. Undenkbar da hinauf zu steigen. Mir blieb nur, auf dieser Seite des Berges zu bleiben, durch den die Höhle mich geführt hatte.
Eigentlich konnte ich froh sein, denn dann blieb mir der Weg durch das Moor erspart. Ich hatte keine Lust, noch einmal durch diesen stinkenden Morast zu waten. Zumal sich jetzt mein Hunger einstellte. Ich brauche keine Mahlzeit so sehr, wie das Frühstück. Wenn ich Zeit zum frühstücken habe. Unter Zeitdruck esse ich lieber nichts. Aber, wenn ich mir in Ruhe Rührei und Speck zubereiten kann, vielleicht einen kleinen Obstsalat mit Äpfeln, Trauben und Mandeln und dazu einen frisch gepressten Orangensaft, dann verwende ich gerne ein, zwei Stunden um gut genährt in den Tag zu starten.
Mein Magen knurrte.
Ich fühlte mich großartig, als hätte ich die letzte Nacht nicht mit orgiastischem Liebesspiel verbracht, nachdem ich mich im Wald verirrt hatte, sondern als läge ein erster Urlaubstag vor mir, den ich nach einer langen erholsamen Nacht, nach eigenem Ermessen gestalten konnte.
Es ist Zeit, nach Hause zu kommen, dachte ich.

07/20 PGF

7 Kommentare

  1. „Ich fühlte mich, wie in meiner Jugend, wenn ich eine Nacht lang, über den Durst getrunken und am nächsten Morgen zufrieden mit meiner Unvernunft, aber bereit, für meine Sünden zu büßen, wach geworden war.“
    Hach, was waren das doch für wundervolle Zeiten.:-)
    …das nur zwischendurch erwähnt, hoffe ich, dass das nicht der letzte Teil war, denn dann wäre ich enttäuscht.
    Irgendwie muss doch noch die Kurve kommen 😀

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