Fraktal (13)

13.

Es waren nicht mehr, als zehn Schritte und ich stand am Waldrand und vor mir lag, in hellem Vormittagslicht eine leuchtende Wiese.
Weiter östlich sah ich einen Feldweg und ich meinte, dass dort ein Fahrrad stand. Es war aber schwer zu erkennen, weil die Sonne ungünstig fiel und ich ins Gegenlicht blicken musste.
Noch einer, dachte ich, der einen Waldspaziergang unternommen hat.
Ich verharrte und betrachtete die Welt, als hätte ich sie neu betreten. Es war ein Betrachten, wie ich es, aus aller frühester Kindheit erinnerte. Die Welt ohne Ich. Reine Betrachtung, reine Schönheit, reines Glück. Wenn man den Menschen herausrechnete, war die Welt vollkommen, schön, geheimnisvoll, unglaublich tief. Das Leben, ein dünner Teppich in Mitten kalter Gestirne. Und dann kam der Mensch, sich seiner selbst bewusst in dieser Schöpfung – und schlug, wie aus dem Nichts, seine Krallen in sie.
Aber das Kind hatte keine Krallen, hatte nur Angst und Respekt und dieses tiefe Erstaunen vor der Welt in die es getreten, in die es gefallen war. Selbst ein kleines Wunder, im großen Wunder.
Das galt es zu bewahren, das galt es zu beschützen, in jedem Menschen der geboren wurde: dieses Staunen, diese Demut, dieses stumme Vertrauen, dass das Leben gut war. Dass es wert war, erfahren zu werden.
Ich schloss die Augen und atmete einige tiefe Atemzüge. Fühlte das Licht auf meinen Augenlidern. Lauschte dem Wind, der über die Grashalme strich, wie ein Liebender, über die Wange der Geliebten.
Einen kurzen Moment war ich außerhalb der Zeit.
Dann lief ich los.
Ich glitt über die Wiese, wie ein Schiff, welches, nach langer, stürmischer Fahrt, in den sicheren Hafen einkehrt. Was ja absurd, was ja vollkommen übertrieben war. Ich hatte eine Nacht im Wald verbracht, nicht mehr.
Wie hatte John Denver einst gesungen „You fill up my senses, like a night in the forest.“
Ich begann die Melodie zu summen und den Text zu denken und freute mich über dieses wundervolle Liebeslied.
Die Wiese hatte ich fast vollständig überquert.
Tatsächlich, ging sie über, in einen Feldweg und tatsächlich stand da ein Fahrrad, welches meinem Fahrrad zum Verwechseln ähnlichsah. Nur, dass das nicht sein konnte. Weil der Feldweg, auf dem ich geradelt war, definitiv hinter mir liegen musste.
Ich schüttelte den Kopf. Zufälle gibt es, dachte ich.
Der Verband an meiner Hand fiel mir ein. Damit konnte ich nie und nimmer einen Lenker halten. Ich ließ die Bluse in die Wiese fallen und ging noch die zwei Schritt weiter bis zum Feldweg.
Ich sah mich nach rechts und links um, aber niemand war zu sehen, dem das Fahrrad gehören konnte. Es stand da, als würde es auf mich warten. Wie Pferde manchmal auf ihre Besitzer warten, damit sie gemeinsam in den Sonnenaufgang reiten können.
Ich sah mich noch einmal um und hatte wieder das unbestimmte Gefühl nachsehen zu sollen, ob vielleicht jemand etwas zugestoßen war.
Einen kurzen Moment später vergaß ich diesen Gedanken, bestieg das Rad und fuhr davon.

Ende

07/20 PGF

13 Kommentare

  1. Die Stimmung, die sich zwischendurch zeigt, gefällt mir sehr. Das Gefühl, aus der Zeit zu fallen… Ich liebe dieses Gefühl und manchmal dehnt es sich über einen ganzen Nachmittag aus, als dauere er ewig. In dieser Zeit ist alles gut, ich im Reinen mit mir und der Welt.

    Das Ende kommt für mich dennoch plötzlich, unaufgeklärt bleibe ich zurück mit der Frage: WAS bitte war DAS denn?

    Ein Fraktal, nun ja… 🙂

    Ich wünsche dir einen gemütlichen Abend, lieber Peter.

    Gefällt 2 Personen

    Antworten

  2. Ich liebe Annies Song. Und gleich als ich die Zeilen las, hatte ich die Melodie wieder im Kopf und war um Jahre – nein Jahrzehnte zurückversetzt….
    Es war zwar keine AbenteuerHöhle, aber dennoch eine Zeit, in der ich noch unbedarft und abenteuerlustig war – ähnlich wie im Mittelteil Deiner Geschichte! 🙂
    Danke, dass Du mich nicht nur auf Deine ‚Reise‘ mitgenommen hast, sondern mir dadurch auch meine LebensReise wieder bewusst wurde….
    Anbei: John Denver hat an der selben Universität in Lubbock Texas studiert, an der mein Onkel jahrelang als ProfDoc doziert hat, von daher kenne und liebe ich all seine Songs! 🙂

    Gefällt 1 Person

    Antworten

    1. Ein Ohrwürmle, ohne Zweifel 😉

      Ich danke dir, für die Reisebegleitung, war ja manchmal seltsam, was der Reiseführer so macht …

      Das ist ja eine spannende John D-Assoziation. Ich könnte nicht sagen, dass mich alle seine Lieder ansprechen, ist mir manchmal ein bisschen too much, aber er hat wunderschöne Lieder und was ich über ihn gegoogelt habe (auch seinen Umweltaktionismus) deutet auf einen tollen Menschen hin.

      Schönen Abend 🙂

      Gefällt 1 Person

      Antworten

      1. Ja, ich habe ihn zwar nie selber kennengelernt, aber die Tatsache, dass ich an DER Universität Gastzuschauerin war, hat mich sehr mit seinen Songs, die er derzeit raus brachte, verbunden.
        Nicht alle, aber viele! Und Annies Song hat mich eben in DIESE Zeit zurück versetzt – verschwurbelt mit Deinem Text kamen da echt wieder alte, sehr ver-rückte Zeiten hoch! 🙂
        Und die Geschichte selbst? Fraktal trifft es überaus! 🙂
        Danke & dito! 🙋🏻‍♀️

        Gefällt 1 Person

      2. Ich muss noch mehr ‚erzählen’….. Du hast mich wirklich durch Deine Geschichte samt John Denver in die/meine Vergangenheit zurückversetzt und ich habe heute Abend mal ein wenig geyoutubt und viele geliebte alte Klassiker wieder gefunden.
        Einer meiner DauerBrenner zum Beispiel waren Jon & Vangelis….
        Kennst Du diesen Song?

        Wenn ich ihn mir anhöre, könnte ich mir gut vorstellen, dass er Dich (so Du denn empfänglich für musikalische Strömungen bist) – daraus eine Geschichte zaubern könntest.
        Für mich? Ist das eine absolute Symphonie… wo A L L E S drin steckt! 🙂

        Gefällt 1 Person

      3. Auf Anhieb haben mir Jon&Vangelis nichts gesagt, aber es folgte der „Ach, das waren die“-Moment.
        Der Link funktioniert leider nicht 😦 sonst wäre ich schon bei Kapitel 5 🙂

        Schönen Abend!

        Gefällt 1 Person

Schreibe eine Antwort zu pgeofrey Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.