Der Älteste / The eldest (19)

19.

Als ich ihren Wagen erreichte – und ich hatte mir, auf dem unbefestigten Weg von Ice Cave Peak abwärts beinah den Knöchel verstaucht und das Genick gebrochen, stand Lily neben ihrem Auto, die Arme vor der Brust verschränkt und sah mir wütend entgegen.
Als würde ihr ein Sensor verraten, wann ich in Hörweite war, fing sie punktgenau an: „Was für ein chauvinistisches Arschloch. „Dann schick die Frau zu ihrem Auto.“ Was bildet der Mistkerl sich ein? In welchem Jahrhundert lebt der.“
Scheiße, dachte ich und mir fiel schlagartig wieder ein, was ich an Frauen nicht mochte: sie erzählten ihre Geschichte immer dem, der gar nichts damit zu tun hatte. Was sollte ich ihr sagen? Ach du Arme! Ja, der Mistkerl! Ich fühle mich auch erbärmlich, weil ich ein Mann bin. He, ich finde Chauvinismus gut. Was sollte ich ihr sagen?
Ich sagte: „Was sagtest du?“ Und ging ihr entgegen.
„Dass der Kerl da oben, ein chauvinistisches Arschloch ist.“
„Ja, kann sein. Können wir fahren?“
Sie sah mich entgeistert an.
„Du willst mir nicht sagen, was ihr besprochen habt? Ich meine, du gibst ihm doch nicht recht, dass er mich, wie so eine Puppe behandelt.“
Ich blieb stehen. Tatsächlich verdiente sie nicht, so behandelt zu werden. Sie war heute taff gewesen. Sie hatte mich durch diesen Tag gerettet.
„Er hat mir ein paar sehr wirre Geschichten, über die Ältesten erzählt. Nimm´s mir nicht übel. Ich kann das nicht alles wiederholen. Bei so Sachen kann ich schwer zuhören. Jedenfalls findet er, ich sollte die Leute in Kalifornien besuchen.“
„Das ist aber nicht viel. Warum sollte ich das nicht hören?“
„Ach komm schon, Lily. Nimm´ s nicht so ernst. Ist halt so ein Männerding.“
„Ja, aber die Zeiten ändern sich.“
Es reichte mir! Kein Whiskey im Blut, Kho in der Leichenhalle und eine Scheißmission bei der es nur um Rache ging, genügten um aus mir Mister Joe Hyde zu machen.
„Mädchen, was soll der Unsinn? Wenn ihre eure Girlie-Treffs habt, sind dann Jungs dabei? Ich bin diesen ganzen Gender-Scheiß leid. Der Indianer hatte mir unter Vier-Augen etwas zu sagen. Deshalb musstest du gehen. Du hättest auch ein 25 Zentimeter Genital haben können. Du warst nicht wegen deinem Geschlecht raus, sondern, weil es manche Dinge gibt, die nicht Drei wissen müssen.“
Lily sah mich fassungslos an.
Ich schämte mich, wie ich es immer tat, wenn ich cholerisch geworden war. Aber das machte mich leicht, noch rasender.
„Wenn du, der Meinung bist, dann läufst du besser nach Ogden.“
„Scheiße!“
Ich ließ sie stehen und stampfte davon. Ich würde das Stück bis nach Neola auch im Dunkeln finden und mich dann bei Skyler auf die Veranda legen. Mit dem ersten Bus morgen Früh konnte ich nach Hause fahren.
Ich kam nicht weit, dann hatte sie mich mit dem Auto eingeholt. Sie hatte etwas gebraucht, um in der Dunkelheit, auf dem Schotterplatz, wo sie geparkt hatte, zu wenden.
Sie verlangsamte und ließ die Scheibe herunter.
„Komm schon. Ich nehme dich mit. Vielleicht war ich etwas empfindlich.“
Ich blieb stehen.
Sie bremste.
Es gar nur zwei Varianten: die mit Show und die ohne. Bei der mit, fing ich die Diskussion von vorne an und stieg ein oder stieg trotzdem nicht ein. Bei der ohne, verhielt ich mich, wie ein vernünftiger Mensch.
„Ist schon okay. War einfach ein scheiß Tag.“
Während ich, um den Wagen zur Beifahrerseite lief, dachte ich, dass, wenn ich jetzt hätte in Tränen ausbrechen können, alles gut gewesen wäre. Wenn ich hätte trauern können, hätte ich nicht hassen müssen. Aber ich konnte es nicht.
Ich stieg ein und sie fuhr los. Wortlos fuhren wir durch die Nacht. Das Radio lief und spuckte abwechselnd Sport, Nachrichten und Late-Night-Music aus und ich sah zum Fenster und versuchte den Gedanken an einen Whiskey loszuwerden.
Es war nach Mitternacht, als wir Ogden erreichten. Auf den Straßen war noch einiges los und ich hatte einen heftigen Durst.
„Lässt du mich beim „Brew“ raus. Ich brauche noch einen Drink.“
Sie wartete.
Ich reagierte.
„Kommst du noch mit?“
„Wenn wir nicht gerade zum „Brew“ gehen. Ich mag nicht trinken, wo ich arbeite.“
„Klar, klar, wie du willst.“
„Wir könnten auch zu mir gehen.“
Der Satz stand im Raum, wie ein Möbelstück, das im Weg steht.
„Also Lily – ich denke, ich denke, nicht, dass ich der Daddy-Typ bin. Was willst du mit mir. Ich bin alt und ein Säufer.“
„Es stimmt zwar das du alt bist, aber ich interessierte mich für etwas anderes.“
Wie Miss Esoterik, dachte ich. Was sahen die alle nur? Was war das für eine Rettungsmission?
„Und was soll das sein?“
„Deine Einsamkeit. Du bist ein durch und durch einsamer Mensch und versteckst das hinter deinem Zynismus. Wenn ich dich fragen würde, nach deiner Familie, nach deinen Freunden, in den letzten zehn Jahren, nach einer Ehefrau, einer Partnerin, mit der du glücklich warst, was würdest du antworten?“
Ich lachte leise.
„Ach, Lily, lassen wir den Seelenkram.“
Sie war nicht aus der Ruhe zu bringen.
„Du würdest antworten, dass da niemand war. Du und deine Arbeit, dein Whiskey, deine Kautionsfälle und die Smith & Wesson in deiner Schublade, falls doch alles zu viel wird.“
„Studierst du Recht oder Psychologie?“
„Das gehört zusammen, man kann sich nicht für Recht und Gerechtigkeit interessieren, wenn man sich nicht mit der dunklen Seite der menschlichen Seele beschäftigt hat.“
Sie fuhr an die Seite und parkte. Dann wandte sie sich mir zu.
„Na, alter Mann, wie sieht es aus mit einem Whiskey?“
Sie sah mir in die Augen. Wie Katzen es tun, wenn sie wissen wollen, was wir denken.
„Das ist ein Fehler.“
„Der Whiskey?“
„Nein, das Psychogramm. Was ist, wenn ich das alles hätte?“
„Was hättest?“
„Na, die Familie, die Frau, die Freunde, irgendwann würde das alles tot auf einem Acker liegen und ein Geier würde sich daran gütlich tun. Denkst du dann wäre ich glücklicher?“
Sie nickte nachtrüglich.
„Ja, gewiss. Deshalb sind wir hier. Hinter uns ein einsamer Weg, vor uns ein einsamer Weg, nur dieses Zwischenstück können wir mit anderen teilen. Vielleicht hast du nur Angst das zu fühlen.“
„Du hast auch Eis für den Whiskey?“
Sie brauchte einen Moment. Dann verstand sie.
„Auch zwei Würfel.“
„Dann lass mich mal sehen, ob du einen gescheiten Bourbon hast.“
Sie öffnete die Fahrertür.
„Einen den sich eine Studentin leisten kann.“

09/20 PGF

When I reached her car – and I had almost sprained my ankle and broken my neck on the dirt road down from Ice Cave Peak – Lily was standing next to her car with her arms crossed in front of her chest and looking at me angrily.
As if a sensor was telling her when I was within earshot, she started at the exact moment: „What a chauvinistic asshole. „Then send the woman to her car.“ Who does that bastard think he is? What century is he living in?“
Shit, I thought and suddenly I remembered what I didn’t like about women: they always told their story to the one who had nothing to do with it. What could I tell her? Oh you poor thing! Yeah, the bastard! I feel pathetic too, because I’m a man. Hey, I like chauvinism. What could I say to her?
I said, „What did you say?“ And I went to meet her.
„That the guy up there is a chauvinistic asshole.“
„Yeah, I guess so. Can we go?“
She looked at me in a dumbfounded way.
„You won’t tell me what you talked about? I mean, you don’t agree with him treating me like some puppet.“
I stopped. In fact, she didn’t deserve to be treated like that. She had been tough today. She had saved me through that day.
„He told me some very confused stories about the elders. Don’t hold it against me. I can’t repeat all that. It’s hard to listen to this stuff. Anyway, he thinks I should go visit the people in California.“
„That’s not much. Why shouldn’t I hear this?“
„Oh, come on, Lily. Don’t take it so seriously. It’s just a man thing.“
„Yes, but times change.“
It was enough! No whiskey in my blood, Kho in the morgue and a fucking mission all about revenge was enough to make me Mister Joe Hyde.
„Girl, what’s wrong with you? If you have your girlie gatherings, are there any boys? I’m sick of all this gender bullshit. The Indian had something to say to me in private. That’s why you had to go. You could’ve had a 12-inch genital. You weren’t out because of your gender, but because there are some things that three don’t need to know.“
Lily looked at me stunned.
I was ashamed, like I always was when I got choleric. But that made me light, even more furious.
„If you feel that way, you’d better run along to Ogden.“
„Shit!“
I left her there and stomped off. I’d find all the way to Neola, even in the dark, and then lie down on the porch of Skylers house. I could catch the first bus home in the morning.
I didn’t get far, then she had caught up with me by car. It had taken her a while to turn around in the dark on the gravel field where she had parked.
She slowed down and let down the window.
„Come on. I’ll give you a ride. Maybe I was a little touchy.“
I stopped.
She braked.
There are only two versions: the one with show and the one without. The one with, I started the discussion from the beginning and got in or didn’t get in anyway. The one without, I behaved like a reasonable person.
„It’s okay. It’s just been a shitty day.“
As I walked around the car to the passenger side, I thought that if I could have burst into tears now, everything would have been fine. If I could have mourned, I wouldn’t have had to hate. But I could not.
I got in and she drove off. Wordlessly we drove through the night. The radio was playing and spitting out sports, news and late-night music alternately and I looked at the window and tried to get rid of the thought of a whiskey.
It was after midnight when we reached Ogden. There was still a lot going on on the streets and I was very thirsty.
„Will you drop me at the „Brew“ I need another drink.“
She waited.
I reacted.
„Will you join me?“
„If we’re not going to the „Brew“ right now. I don’t like drinking where I work.“
„Sure, sure, whatever you want.“
„We could go to my place, too.“
The phrase stuck out like a piece of furniture in the way.
„So, Lily– I guess, I don’t think I’m the daddy type. What do you want with me I’m old and a drunk?“
„It’s true that you are old, but I was interested in something else.“
Like Miss ESP, I thought. What did they all see? What was that rescue mission?
„And what is this?“
„Your loneliness. You are a thoroughly lonely person and you hide it behind your cynicism. If I asked you about your family, your friends, your last ten years, a wife, a partner with whom you were happy, what would you answer?“
I laughed softly.
„Oh, Lily, let’s not do the soul stuff.“
I couldn’t get her out of my mind.
„You would tell me that there was no one there. You and your work, your whiskey, your bail cases and the Smith & Wesson in your drawer in case it all got to be too much.“
„Are you studying law or psychology?“
„They go together. You can’t be interested in law and justice if you haven’t dealt with the dark side of the human soul.“
She pulled over and parked. Then she turned towards me.
„Well, old man, how about a whiskey?“
She looked into my eyes. Like cats do when they want to know what we’re thinking.
„This is a mistake.“
„The whiskey?“
„No, the psychogram. What if I had all that?“
„What if I had what?“
„Well, the family, the wife, the friends, someday it would all be lying dead in a field and a vulture would feast on it. You think I’d be any happier then?“
She nodded afterward.
„Yes, of course. That is why we are here. Behind us a lonely path, in front of us a lonely path, only this intermediate piece we can share with others. Maybe you’re just afraid to feel it.“
„You have ice for the whiskey too?“
She needed a moment. Then she understood.
„Also two cubes.“
„Then let me see if you have any real bourbon.“
She opened the driver’s door.
„One that a student can afford.“

Translated with http://www.DeepL.com/Translator (DeepL pro)
Note: Subsequent corrections in inverse front

09/20 PGF

7 Kommentare

    1. Sehr schön 🙂

      (Ich erlaube mir, den beiläufigen Hinweis, dass im Urlaub, in erholten Morgenstunden, mit freiem Tag vor sich, das Schreiben auch ein wenig leichter von der Hand geht, als nach 8-Stunden-Dauerstress-Arbeitstag plus real-life mit einer müden Schreibstunde, wenn alles erledigt ist.
      Aber schön zu lesen, was vielleicht gehen würde, wenn der Lotto-Gewinn zu perfekten Arbeitsbedingungen führen würde 😉 )

      Schönen Abend liebe Bea
      P

      Gefällt 1 Person

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