Der Älteste / The eldest (39)

39.

Wir benötigten keine Obduktion um zu wissen, dass es Butterfly war und, dass man ihn erschlagen hatte.
In seiner Nähe lag eine Plastikbox, die Größe verriet mir, dass sie vermutlich die Trommel perfekt vor Feuchtigkeit geschützt hatte.
Als die Trommel sich noch darin befand …
“Wir kommen zu spät,” stellte ich konstatiert fest. „Vermutlich hat Wang das Ding bereits.“
In den Schatten rechts von mir, löste sich mit einem leisen, aber unhörbaren Klack ein Stein und fiel in eine Pfütze. Ein eben so unwillkürlicher Schritt, um den Halt nicht zu verlieren, war im nächsten Moment zu hören.
Synchron schwenkten Lily und mein Lichtkegel in die Richtung und erfassten Brendan. Er hatte keine Hand frei, um eine Taschenlampe zu halten. Unter dem linken Arm hielt er die Trommel eingeklemmt und in der Rechten eine 44er. Er richtete sie auf Lily.
„Wenn das Licht ausgeht, schieße ich sofort.“ Warnte er mit einem Lächeln, dass jeden Zweifel an seinen Worten verhöhnte.
Dann geht aber auch das Licht aus, hätte ich vermutlich gespottet, wenn der Lauf der Pistole auf mich gerichtet gewesen wäre. Da Lily sich in der Schusslinie befand, beschloss ich mir meine Bemerkung für später aufzuheben.
Wobei genau betrachtet unsere Chancen zu überleben schlecht standen. Ob eine oder drei Leichen in der Höhle verrotteten war unerheblich und wenn wir tot waren, hatte Brendan sichergestellt, dass es keine Zeugen gab.
„Wer sind Sie?“ Ich wusste nicht, ob Lily fragte, weil sie wirklich keine Ahnung hatte oder, ob sie Zeit gewinnen wollte.
„Das Lily, ist Mister Brendan. Mister Wangs netter Assistent fürs Grobe.“ Warf ich ein, ehe Brendan antworten konnte.
„Sparen Sie sich Ihre Bemerkungen, Joe. Ich kann mich selbst vorstellen. Mister Wang war der Meinung, ich sollte nicht warten, falls ich schneller, als Sie bin. Das war ihr Smartphone nutzen konnte, um ein bisschen mitzuhören, hat dabei nicht geschadet.“
„Scheiße!“ Sagte ich knapp. „Es scheint ich bin für diese modernen Zeiten nicht geeignet.“
„Sie sind für gar nichts geeignet. Nur zum Sterben.”
Ich bemerkte, dass Brendans Arm langsam müde wurde. Er musste, auf dem rutschigen Untergrund das Gleichgewicht halten, konnte dabei die Arme nicht nutzen, musste zielen und die Lichtverhältnisse waren mager. Hätte er auf mich gezielt, hätte ich einen Fehlschuss riskiert.
Aber ich hatte einen besseren Plan, der uns vorerst das Leben retten konnte.
„Doch Brendan, ich kann eine Sache ganz gut.“
„Und das wäre?“
„Einen Live-Stream filmen und an meinen Buddy senden, damit der weiß, wen er der Polizei melden muss.“
„Sie wollen hier drin Empfang haben?“
Wenn man beim Pokern blufft, zieht einem der Gegner die Hosen aus, in dem Moment, wenn er „sehen will“.
In diesem Sinn starrte ich auf mein mageres Paar, während ich bei Brendan ein Full House vermutete und vergaß fast das Lily noch im Spiel war.
„Sie haben noch nichts von der 7. Verordnung des Bundesstaates Utah gehört, welche die Sicherheitsvorkehrungen von noch nicht erschlossenen Höhlen beschreibt?“
Brendan zögerte.
„Damit der Staat nicht Millionen an Hinterbliebene zahlen muss, ist jede Höhle, die nicht gesichert, aber zugänglich ist, mit einem Verstärkersystem ausgestattet, um Verschüttete schnell zu orten und retten zu können. Wir haben hier drin, besten Empfang.“
Brendan hätte das vermutlich gerne überprüft, aber dafür hätte er in unsere Nähe kommen müssen und entweder die Trommel ablegen oder die Waffe senken.
„Okay“, sagte er schließlich. „Wir machen das so. Sie leuchten mir Richtung Ausgang, dann lasse ich Sie leben.“
„Ich weiß nicht ganz, wie sie meinen.“ Ich verstand ihn wirklich nicht.
„Na einer von ihnen leuchtet da rüber, zum Eingang in diese Kammer. Der andere leuchtet mir den Weg dahin aus.“
Wir gehorchten.
Langsam, immer die Waffe auf Lily gerichtet, tastete sich Brendan in Richtung Ausgang. Als er den Durchgang vor sich hatte und zwischen den beiden Felswänden stand, wandte er sich uns zu.
„Lily. Sie leuchten auf mich. Joe, Sie machen das Licht aus und werfen ihr Smartphone weg.“
„He! Das ist ein scheißteures“.
„Wollen Sie leben?“
Ich fluchte, deaktivierte die Taschenlampenfunktion und warf es seitlich von mir weg. Man hörte, wie das Display brach, als es an der Felswand aufschlug.
„Sehr gut. Jetzt Sie, Lily. Sie schalten das Licht nicht aus. Sie werfen einfach ihr Smartphone in meine Richtung.“
Lily zögerte kurz und befolgte dann die Aufforderung. Das Smartphone landete zwischen Brendan und uns.
Der wartete nicht ab, sondern gab zwei rasche Schüsse, in Richtung der kleinen Lichtquelle ab. Traf mit dem zweiten Schuss und es wurde stockfinster.
„Was zur Hölle!“ Schrie Lily.
Ehe wir reagieren konnten, hatte sich Brendan von uns abgewandt, zwei, drei Schritte in Richtung Ausgang gemacht und die Taschenlampe aktiviert, die er bei sich getragen hatte. Ich sah noch kurz, wie der Lichtstrahl von uns wegtanzte, dann verschwand er hinter der nächsten Biegung.
Lily und ich blieben in der Finsternis zurück.

09/20 PGF

39.

We did not need an autopsy to know that it was Butterfly and that he had been beaten to death.
There was a plastic box near him, the size told me that it probably protected the drum perfectly from moisture.
When the drum was still inside …
„We’re to late,“ I noted. „Wang probably already has the thing.“
In the shadows to my right, a stone came loose with a quiet but inaudible click and fell into a puddle. A step, just as involuntary not to lose its grip, could be heard the next moment.
Synchronously, Lily and my cone of light swung in that direction and captured Brendan. He had no hand free to hold a flashlight. He held the drum clamped under his left arm and a 44 in his right. He pointed it at Lily.
„When the light goes out, I’ll shoot on sight.“ He warned with a smile that mocked any doubt in his words.
But then the light goes out, I would probably have mocked if the barrel of the pistol had been pointed at me. Since Lily was in the line of fire, I decided to save my remark for later.
Whereby exactly considered our chances to survive were bad. Whether one or three bodies rotted in the cave was immaterial and if we were dead, Brendan had made sure there were no witnesses.
„Who are you?“ I didn’t know if Lily asked because she really had no idea or if she was trying to buy time.
„This Lily, is Mr. Brendan. This is Mr. Wang’s assistant.“ I got to that before Brendan could respond.
„Save your comments, Joe. I can introduce myself. Mr. Wang thought I should not wait if I was faster than you. Using your smartphone to listen in didn’t hurt.“
„Shit!“ I said that. „It seems I’m not suited for these modern times.“
„You’re not suited for anything. Only to die.“
I noticed that Brendan’s arm was getting tired. He had to keep his balance on the slippery surface, couldn’t use his arms, had to aim, and the light was poor. If he had aimed at me, I would have risked a miss.
But I had a better plan that could save our lives for now.
„But Brendan, there’s one thing I’m pretty good at.“
„What’s that?“
„Film a live stream and send it to my buddy so he knows who to report to the police.“
„You want reception in here?“
If you’re bluffing at poker, your opponent will take your pants off the moment he „wants to see“.
In that sense, I stared at my skinny pair while I suspected Brendan had a full house and almost forgot that Lily was still in the game.
„You haven’t heard of the 7th Utah State Ordinance, which describes the safety precautions of caves that have not yet been developed?“
Brendan hesitated.
„So that the state doesn’t have to pay millions to survivors, every cave that is not secured but accessible is equipped with a reinforcement system to quickly locate and rescue buried subjects. We have excellent reception in here.“
Brendan probably would have liked to check it out, but for that he would have had to come close to us and either drop the drum or lower the weapon.
„Okay,“ he finally said. „Here’s what we’re gonna do. You shine the light towards the exit, I’ll let you live.“
„I’m not sure what you mean.“ I really didn’t understand him.
„Well, one of them shines over there, towards the entrance to this chamber. The other one lights my way there.“
We obeyed.
Slowly, always pointing the gun at Lily, Brendan groped his way out. With the passage in front of him and standing between the two rock walls, he turned to us.
„Lily. You shine on me. Joe, you turn off the lights and throw away your smartphone.“
„Hey! That’s a fucking expensive one.“
„Do you want to live?“
I cursed, turned off the flashlight function and threw it sideways away from me. You could hear the screen break when it hit the rock face.
„Very good. Now you, Lily. You do not turn off the light. You just throw your smartphone in my direction.“
Lily hesitated for a moment and then followed the prompt. The smartphone landed between Brendan and us.
He did not wait, but fired two quick shots in the direction of the small light source. Hit with the second shot and it became pitch-black.
„What the hell!“ cried Lily.
Before we could react, Brendan had turned away from us, taken two or three steps toward the exit and activated the flashlight he was carrying. I watched the light beam dance away for a moment, then it disappeared behind the next bend.
Lily and I stayed behind in the darkness.

09/20 PGF

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