Der Älteste / The eldest (46)

46.

Velvet brachte uns auf ihren Dachboden. Ich staunte, wie die Alte, die schmale Leiter hochkletterte: sehr langsam und schnaufend, aber trittsicher, als könnte nichts schief gehen. Ich sah mich, in ihrem Alter, an einem Rollator, über Altenheimflure schleichen.
Auf dem Dachboden war es duster und stickig. Außer Spinnweben und altem Plunder gab es nichts zu sehen, was mir erklärte, weshalb wir hochgestiegen waren.
Der Speicher war in zwei Abschnitte unterteilt. Der hintere war etwas leerer, als der vordere. Velvet aktivierte eine nackte Glühbirne die von der Decke baumelte und nun sah ich, dass die Mitte des Dachstuhls freigeräumt war. Bis auf eine große Metallschale und vier Teppiche die außen rum lagen.
„Setzt euch!“ Wies Velvet uns an und wir gehorchten.
Sie ging zu einer Kiste und nahm etwas heraus, was im Halbdunkel, wie ein Ballen Heu wirkte.
Diesen Ballen aus braunen und grünen Pflanzenteilen legte sie in die Metallschale und setzte sich zu uns.
„So“, Velvet rieb sich die Hände, als wären sie staubig. „Es ist Zeit für das zweite Ritual. Bevor ich die heiligen Kräuter entzünde, brauchen wir die Flöte.“
Ich holte sie aus meinem Mantel und hielt sie ihr hin.
„Nein, Joe. Die ist für dich.“
„Aber ich kann keine Flöte spielen. Ich beherrsche gar kein Instrument.“
„Du wirst es können, wenn es so weit ist.“
„Ist das nicht etwas gewagt, unsere letzte Chance den Ältesten zu retten, in die Hände eines Dilettanten zu legen?“
„Du bist nur ein Dilettant, wenn es um Menschen geht. In die Flöte pusten und deine Finger, über die Löcher zu bewegen, das wirst du schon schaffen.“
Ich dachte: Widerstand zwecklos, ignorierte Lilys Grinsen und hielt die Flöte hoch, als Zeichen, dass ich einverstanden war.
Velvet warf zwei Stück Holzwolle in die Schale und entzündete sie mit einem langen Zündholz. Die Pflanzen in der Schale fingen sofort Feuer, entwickelten allerdings statt Flammen einen dicken, süßlichen Qualm, der den Raum schnell ausfüllte.
Ich dachte: Die fackelt alles ab und wir werden an einer Rauchvergiftung sterben. Lily neben mir, schien sich der Alten völlig anzuvertrauen.
„Spiel!“ Sagte Velvet.
Ich hielt das Mundstück der Flöte an die Lippen, pustete vorsichtig hinein und hielt die meisten der Löcher geschlossen. Zwischen den beiden untersten wechselte ich und erzeugte so, zwei dunkle leise Töne, die sich angenehm verbanden.
Das Spiel mit der Flöte begann mir Spaß zu machen. Ich erzeugte Töne und beim Einatmen inhalierte ich, den süßen Rauch.
Um mich her, verändert sich der Raum. Alles schien einen Glanz zu gewinnen, der an Gold erinnerte, nur, dass er den Farben selbst inne zu wohnen schien.
„Es ist schön hier.“ Murmelte ich. Aber es schien niemand da, der zuhörte.
Ich spielte meine zwei Töne und sah mich um und plötzlich merkte ich, dass über mir kein Dach mehr war. Über mir leuchtete ein gewaltiger Sternenhimmel, der mich zu sich hinzog, als käme ich von dort. Als sei die ferne Sternenwelt nichts fremdes, sondern mein eigentliches Zuhause und ich auf der Erde nur ein Gast. Ganz leicht erhob ich mich. Erhob mich, wie ein Adler in den dunklen Sternenhimmel und spürte den Wind im Gefieder meiner Flügel, der mich in die Höhe hob. Ich kreiste über der Welt, in Höhen die mir keine Angst bereiteten. Ich hatte das Gefühl, ich könnte mich nicht hoch genug erheben. Aber etwas zog meine Aufmerksamkeit zurück auf die Erde. Ich sah unter mir blaue Seen, die zwischen hoch aufragenden Gipfeln eingehüllt waren. Das Land war an den Seen grün, aber in die Höhe der Gipfel wagte sich kein Grashalm mehr. Ich genoss diesen Flug über die wilde, karge Prärielandschaft und genoss das Licht und die Farbe eines hellen, blauen Tages.
Aber meinen Augen blieb keine Zeit für die Schönheit, meine Augen jagten, sie suchten, sie waren hungrig auf ein Ziel und dann fand ich es. Weit unter mir, so weit unter mir, dass nur Adleraugen, die eine Maus zu erblicken fähig waren, es sehen konnten, lag der Eingang zu einer Höhle. Aus der Höhle stieg Rauch zu mir auf. Ein dichter, süßlicher Rauch, der meine Sinne vernebelte, der mir fast die Luft zum Atmen nahm. Deshalb stieß ich meinen Atem rhythmisch aus, als würde ich zwei Töne spielen und holte anschließend wieder tief Luft. Ich spürte, dass ich die Höhe nicht länger halten konnte. Meine Flügel wurden schwer, wurden schwer wie Arme, die auf halber Höhe, die ganze Zeit etwas halten müssen, wie ein Musiker eine Flöte hält, bis ihm nach Stunden die Kraft dafür ausgeht. So ging auch mir die Kraft aus und ich ließ meine Arme sinken. Ich ließ mich sinken, als würde ich nach langem Flug landen und in mein Nest zurückkehren, als würde ich ganz mit der Erde verschmelzen, die mich aufnahm, wie eine Mutter, mit den Armen ihr Kind aufnimmt. Ich ließ mich sinken, bis ich auf der Seite lag. Über mir hörte ich Stimmen. Friedliche, freundliche Stimmen, die sich um mich kümmerten, die mich zudeckten und dann schlief ich ein.
Ich schlief den kompletten folgenden Tag. Es war Donnerstag, als ich wieder zu mir kam.

09/20 PGF

46.

Velvet brought us to her attic. I was amazed at how the old woman climbed up the narrow ladder: very slowly and panting, but sure-footed, as if nothing could go wrong. I saw myself, at her age, on a walker, sneaking across old people’s home corridors.
It was dark and stuffy in the attic. Apart from cobwebs and old junk, there was nothing to see that explained why we had climbed up.
The attic was divided into two sections. The back one was a little bit emptier than the front one. Velvet activated a naked light bulb dangling from the ceiling and now I saw that the middle of the roof truss was cleared. Except for a large metal bowl and four carpets lying around.
„Sit down!“ Why Velvet turned on us and we obeyed.
She went to a box and took out something that looked like a bale of hay in the semi-darkness.
She put this bale of brown and green plant parts into the metal bowl and sat down with us.
„So“, Velvet rubbed her hands as if they were dusty. „It is time for the second ritual. Before I light the sacred herbs, we need the flute.“
I took it out of my coat and held it out to her.
„No, Joe. This is for you.“
„But I can’t play the flute. I don’t know how to play the flute.“
„You will when the time comes.“
„Isn’t this a bit daring, putting our last chance to save the elders in the hands of a dilettante?“
„You are only a dilettante when it comes to people. Blow into the flute and move your fingers over the holes, you’ll be fine.“
I thought: Resistance futile, ignoring Lily’s grin and holding up the flute as a sign that I agreed.
Velvet threw two pieces of wood wool into the bowl and lit it with a long match. The plants in the bowl immediately caught fire, but instead of flames they developed a thick, sweetish smoke that quickly filled the room.
I thought: she’ll burn everything down and we’ll die of smoke poisoning. Lily next to me, seemed to confide in the old woman completely.
„Play!“ Said Velvet.
I held the mouthpiece of the flute to my lips, blew gently into it and kept most of the holes closed. I alternated between the two lowest ones, creating two dark, soft tones that blended pleasantly.
I began to enjoy playing the flute. I produced tones and when I inhaled, I inhaled the sweet smoke.
Around me, the room changes. Everything seemed to take on a luster reminiscent of gold, only that it seemed to be inherent in the colors themselves.
„It’s beautiful here.“ I murmured. But there seemed to be no one there to listen.
I played my two notes and looked around and suddenly I realized that there was no roof over me. A huge starry sky shone above me, drawing me towards it as if I had come from there. As if the distant starry world was nothing strange, but my real home and I on earth only a guest. Very easily I rose. I rose like an eagle into the dark starry sky and felt the wind in the plumage of my wings, which lifted me into the air. I circled above the world, in heights that did not cause me fear. I had the feeling that I could not rise high enough. But something drew my attention back to the earth. I saw blue lakes beneath me, wrapped between towering peaks. The land was green at the lakes, but no blade of grass dared to reach the heights of the peaks. I enjoyed this flight over the wild, barren prairie landscape and enjoyed the light and color of a bright blue day.
But my eyes had no time for beauty, my eyes chased, they searched, they were hungry for a goal and then I found it. Far below me, so far below me that only eagle eyes capable of seeing a mouse could see it, was the entrance to a cave. From the cave smoke rose to me. A thick, sweetish smoke that clouded my senses, almost taking my breath away. So I expelled my breath rhythmically, as if playing two tones, and then took a deep breath again. I felt that I could no longer hold the height. My grand wings became heavy, became heavy like arms that have to hold something halfway up, all the time, like a musician holding a flute, until after hours he runs out of strength for it. So I also ran out of strength and I let my arms sink. I let myself sink, as if I would land after a long flight and return to my nest, as if I would melt completely with the earth, which took me in, like a mother, with her arms taking in her child. I let myself sink until I lay on my side. Above me I heard voices. Peaceful, friendly voices that took care of me, that covered me and then I fell asleep.
I slept the whole following day. It was Thursday when I regained consciousness.

Translated with http://www.DeepL.com/Translator (DeepL pro)
Note: Subsequent corrections in inverse front

09/20 PGF

7 Kommentare

  1. Herrliche Flötenstelle in deiner Erzählung. Magisch.
    Solche überirdischen Momente habe ich selbst schon erlebt, als ich noch mit meiner Kwerflöte Bach spielte …
    Dankeschön fürs Erinnern lieber wundervoll schreibender Pe am See!
    Herzliche Morgengrüße vom Lu

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    1. Danke lieber Lu, auch fürs Assoziation teilen.
      Ich kam zwar über die Blockflöte nie hinaus, aber die Schönheit und Schlichtheit der Flötentöne ist bezaubernd.
      Hari Prassad Chaurasia könnte ein Hörerlebnis für dich sein 🎶
      Es grüßt dich vom See
      Pe

      Gefällt 1 Person

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