Die Stille die Sterne miteinander teilen / A silence like the stars share with each other

Ich solle hier warten, hatten sie gesagt, aber es war niemand mehr gekommen. Ich saß bestimmt eine Stunde oder zwei, reglos auf dem Stuhl, den sie mir hingestellt hatten und langweilte mich. Diese schwere, abgründige Form des Langeweilens, wenn einem die eigenen Gedanken fremd werden, wenn sie so unbestimmt sind, dass es auch jedermanns Gedanken sein könnten. Banale, überflüssige Gedanken, eines überflüssigen Menschen, in einem überflüssigen Leben.
Dann bekam ich Durst. Der Durst lenkte mich ab. Es war spannend, wie der Durst mich ablenkte, von der tieferen Beschäftigung mit der Sinnlosigkeit. Als wäre in mir etwas, dass verhindern wollte, dass ich ins Nachdenken kam. „Drink!“ Sagte es oder – oder „Friss!“ oder „Geh pinkeln!“ Ehe man zu weit dachte, ehe man den Käfig verließ, kam der Trieb und sorgte dafür, dass man im engen Dunstkreis des eigenen Egos blieb.
Ich sah mich um in dem Raum: graue, kahle Wände, nackten Ecken, in einem ein Wollfetzen Staub. Aber da war auch ein Fenster. Ein großes Fenster. Es war mir gar nicht aufgefallen. Es war riesig, ich konnte gar nicht verstehen, dass ich es übersehen hatte, groß und hell, wie es war. Ich stand auf und ging hin.
Draußen war Herbst. Die Bäume bunt, in schönsten Farben und über den Wiesen tanzende Nebel. Der Himmel strahlend blau, als könne man mit dem Finger drüber wischen und sich etwas Farbe an den Finger zaubern. Alles so dicht, alles so unwirklich schön, dass ich gerne das Fenster aufgemacht hätte, um die Luft zu fühlen und zu schmecken, um irgendwo in der Nähe Rauch aus dem Kamin zu riechen oder das dampfende Fett einer Gans die im Ofen vor sich hin brät. Aber das Fenster hatte keinen Griff. Es war wie der Rahmen eines Bildes, nur dass der Rahmen nicht an einem Nagel hing, sondern in die Wand eingelassen war. Der Moment, als ich das feststellte war so erschreckend, dass ich einen Augenblick keine Luft bekam. Wie sollte ich denn hier drin atmen, wenn ich noch länger warten musste und nirgends ein Fenster geöffnet werden konnte.
Ich sah mich um, nach der Tür und fand sie erst nicht, weil es keine normale Zimmertür war, sondern eine Luke, wie eine Katzentür, nur für die Größe eines Menschen. Hatten Sie mich durch diese Tür hereingebracht? Ich erinnerte mich nicht. Das machte mir Angst. Mir wurde leicht schwindlig, wie einer Frau die zu Hysterie neigt.
Ich ging zurück zum Stuhl und setzte mich. Es dauerte eine Weile bis es wieder still in mir wurde, bis sich der Durst wieder gegen die Platzangst durch setzte. Irgendwo rief jemand etwas, es war aber zu dumpf und undeutlich durch die Wände, als dass ich es hätte verstehen können. Aber es klang verzweifelt.
Man hört so vieles, aus einer menschlichen Stimme heraus, wenn man nicht auf die Worte achtet, wenn man sich an den Worten nicht stört, wenn man sich nicht mit ihnen aufhält, sondern der Stimme lauscht, als wäre es eine Melodie.
Ich stand auf. Ich machte mich bereit etwas zu rufen. Etwas wie „Hallo?“ „He brauchen Sie Hilfe?“ „Wo sind sie?“ Aber ich machte es nicht, weil ich sicher war, dass es unheimlich klingen würde. Es war auch schon wieder ganz still. So still, dass ich mir plötzlich gar nicht mehr vorstellen konnte, dass außerhalb der Stille etwas existierte. Es war eine Stille, wie im Weltraum, eine Stille wie sie die Sterne miteinander teilen.
Dieser Stille überließ ich mich. Irgendwann würde schon irgendwer kommen.

10/20 PGF

They had told me to wait here, but no one had come. I must have sat there for an hour or two, motionless on the chair they had put for me, and I was bored. This heavy, abysmal form of boredom, when one’s own thoughts become strange to one, when they are so vague that they could be anyone’s thoughts. Banal, superfluous thoughts, of a superfluous man, in a superfluous life.
Then I became thirsty. The thirst distracted me. It was exciting how the thirst distracted me from the deeper preoccupation with senselessness. As if there was something in me that wanted to prevent me from thinking. „Drink!“ Said it or – or „Eat!“ or „Go pee!“ Before you thought too far, before you left the cage, the urge came and made sure that you stayed in the narrow haze of your own ego.
I looked around the room: grey, bare walls, bare corners, a wisp of dust inside. But there was also a window. A big window. I hadn’t noticed it at all. It was huge, I couldn’t understand that I had missed it, big and bright as it was. I got up and went there.
Outside it was autumn. The trees were colorful, in the most beautiful colors and mists dancing over the meadows. The sky was bright blue, as if you could wipe your finger over it and get some color on your finger. Everything so dense, everything so unreal beautiful that I would have loved to open the window to feel and taste the air, to smell smoke from the fireplace somewhere nearby or the steaming fat of a goose roasting in the oven. But the window had no handle. It was like the frame of a painting, except that the frame did not hang on a nail, but was embedded in the wall. The moment I realized this was so frightening that for a moment I couldn’t breathe. How could I breathe in here if I had to wait any longer and nowhere to open a window.
I looked around for the door and did not find it at first because it was not a normal room door but a hatch, like a cat door, only the size of a human being. Had they brought me in through this door? I did not remember. That scared me. I got dizzy easily, like a woman prone to hysteria.
I went back to the chair and sat down. It took a while before it got quiet inside me again, until the thirst took over again against the claustrophobia. Somewhere someone was shouting something, but it was too muffled and indistinct through the walls for me to understand. But it sounded desperate.
You hear so many things, from a human voice, if you don’t pay attention to the words, if you don’t mind the words, if you don’t bother with them, if you listen to the voice as if it were a melody.
I stood up. I made myself ready to call something. Something like „Hello?“ „Hey, you need help?“ „Where are you?“ But I didn’t do it because I was sure it would sound creepy. It was all quiet again. So quiet that I suddenly couldn’t imagine that outside the silence anything existed. It was a silence like in space, a silence like the stars share with each other.
I left myself to this silence. At some point someone would come.

10/20 PGF

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