Patina / Patina

Ich glaube, was uns stresst ist die Tatsache, dass über so viele Jahre, das Elend, immer das Elend der anderen war. Ob Flüchtling, Flutkatastrophe, bewaffneter Konflikt, Hunger, Klimaschaden, wir konnten das im Fernseher verfolgen und, wenn dabei etwas unbequem war, dann war es die Frage, ob man „jetzt spenden soll oder nicht“ – aber man kann ja nicht die ganze Welt retten …

Corona ist anders. Corona verschont uns nicht. Es ist zu ungreifbar, als dass wir wagen würden ernsthaft das Mitleid der Welt zu fordern (die ist ja selbst betroffen) und verdirbt uns doch jeden Tag alles, was wir als große Freiheit und kleines Glück täglich genossen haben.

Als Kollektiv sind wir es gar nicht gewohnt, auf der Seite der nicht Begünstigten zu stehen. Selbst den Perspektivlosen wurde über Jahre vermittelt, dass sie doch in einer Wohlstandshängematte genüssliche Tage fristen. Und jetzt das: Ein ständig ungutes Gefühl, vielleicht doch zu erkranken. Ungewissheit, ob da nicht irgendwas „anderes“ dahinter steckt, eine Katharsis auf die uns der Freizeitstress nicht vorbereitet hat. Was zum Teufel sind denn Stoiker?

Dazu kommt die Zeit, kommt Geduld: der Virus ist kein Problem, welches wir schnell, schnell beiseite schieben können. Wir nehmen schon ordentlich Geld in die Hand, wir haben schon auf Mallorca im Sommer verzichtet und „es“ geht trotzdem nicht weg. Was sollen wir denn noch alles tun?

Ich kannte mal jemand, der mich immer schräg und etwas mitleidig angesehen hat, wenn ich von Demut und Bescheidenheit sprach, als stamme ich aus einer längst vergangenen Zeit oder hätte damit alle Aspekte der Männlichkeit verloren … aber dieser Tage bin ich manchmal recht zufrieden, weil ich (mit etwas Demut) denke: Wir büßen und es hat sich lange angekündigt, dass irgendetwas kommen wird, mit dem wir büßen werden und dann genieße ich bescheiden, was es aktuell zu genießen gibt.

Vielleicht – und damit kann ich vollkommen falsch liegen – gehen uns im Moment zwei Dinge im Besonderen ab: Demut und Güte. Denn in Zeiten der Not, sind die beiden die einzige Chance die Gier und den Egoismus, die Aggressivität und die Fantasterei auszugleichen. Man muss nur die unschöne christliche Patina von beiden Begriffen abreiben, um zu verstehen, weshalb sie in vielen dunklen Zeiten, als Zeichen von Weisheit galten.

11/20 PGF

I think what stresses us is the fact that over so many years, the misery has always been the misery of others. Whether refugee, flood disaster, armed conflict, hunger, climate damage, we could watch it on TV and if something was uncomfortable, then it was the question whether one should „donate now or not“ – but you can’t save the whole world …

Corona is different. Corona does not spare us. It is too intangible for us to dare to seriously demand the compassion of the world (which is itself affected) and yet every day it spoils everything that we have enjoyed daily as great freedom and small happiness.

As a collective, we are not at all used to being on the side of the unbeneficiaries. Even those without any prospects have been taught over the years that they can enjoy their days in an affluent hammock. And now this: A constantly uncomfortable feeling of perhaps falling ill after all. Uncertainty whether there is something „different“ behind it, a catharsis for which the stress of leisure time did not prepare us. What the hell are Stoics?

Add to that time, add patience: the virus is not a problem that we can quickly, quickly put aside. We take already tidy money in the hand, we already did without on Mallorca in the summer and „it“ does not go away nevertheless. What else should we do?

I used to know someone who always looked at me in a strange and somewhat pitiful way when I talked about humility and modesty, as if I came from a long time ago or had lost all aspects of manhood … but these days I am sometimes quite satisfied, because I think (with a little humility): We are paying and it has been announced for a long time that something will come with which we will pay and then I humbly enjoy what there is to enjoy at the moment.

Maybe – and I can be completely wrong about this – we are missing two things in particular at the moment: Humility and kindness. Because in times of need, these two are the only chance to balance greed and selfishness, aggressiveness and strange fantasy. You only have to rub off the unattractive Christian patina from both terms to understand why they were considered as signs of wisdom in many dark times.

11/20 PGF

14 Kommentare

  1. Exzellent auf den Punkt gebracht! Danke, lieber Peter. 🙂
    Und ja, wir müssen alle wieder lernen, uns an den kleinen Dingen zu erfreuen, bzw. an den Dingen, die bis neulich so selbstverständlich waren. Gesundheit ebenso, wie Nächstenliebe und Rücksicht aufeinander. Auch auf die, die es immer noch nicht verstanden haben, oder explizit auf die! 🙂

    Gefällt 4 Personen

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  2. Lieber Peter,

    dieser Beitrag hat mich sehr berührt. Er zeigt eine Perspektive, die mir nicht unbedingt in dieser Art eigen war, von der ich aber vieles innerlich bejahen kann und sie ist für mich mindestens so gültig wie die, die ich davor hatte.

    … verdirbt uns doch jeden Tag alles, was wir als große Freiheit und kleines Glück täglich genossen haben.
    Das mag für viele zutreffen, für mich persönlich empfinde ich es nicht so. Dieses Virus verdirbt mir nicht alles, es lässt mich noch bewusster mit manchem umgehen, lässt mich dankbar sein für das was ich in meinem Leben habe, aber natürlich fehlt mir die Freiheit, jederzeit ohne Beschränkung meine Kinder in D besuchen zu können. Weihnachten wird insofern ein Test, ob und wie das möglich sein wird.

    Von Demut und Güte zu sprechen finde ich in dem Zusammenhang ganz wunderbar und auch, davon die unschöne christliche Patina abzureiben, um die Weisheit davon zu erfassen.

    Ein mutiger Text, ein guter Text, ein demütiger Text, ein verständiger und kluger Text.

    In diesem Sinne, uns allen einen bewussten Tag voll Güte und Demut.

    Marion

    Gefällt 1 Person

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