Am Rand der Zone / At the edge of the zone

Ich zog damals an den Rand der Zone, weil ich ahnte, dass die Dinge ungemütlich wurden. Warum das so war? Was das damals hieß „umzuziehen“? Ich glaube nicht, dass sich das eine, wie das andere erklären ließe. Die Zeiten waren unruhig, der Winter zog heran und ich hatte ja nicht viel, was es zu packen galt.
Wir hatten ja alle nicht mehr viel. Es ging nur darum, einen Ort zu finden, wo man zumindest, das Allernötigste beschaffen konnte: Feuerholz, Wasser, Eichhörnchen, Ratten und Eichelmehl und je nach Jahreszeit, was die Bäume und Sträucher hergaben.
Jetzt kurz vor dem Winter war das nicht mehr viel. Aber mein Rucksack war vollgestopft mit Notrationen, die mir 90 Tage helfen würden, wenn ich jeden Tag nicht mehr, als einen Proteinriegel aß und nicht mehr, als eine 300ml Wasserration trank. Den Rest musste ich Tag für Tag finden.
Ich verließ den Wohnblock bei Nacht. Den Sicherheitskräften war es egal, ob wir gingen oder blieben. Es war ihnen auch egal, wo wir starben. Aber das hatte ich nicht vor. Die Zone, das wusste ich, war auch die Zone der eigenen Angst. Denn in der Zone wurde Sicherheit für ein Leben versprochen, das nicht mehr lebenswert war. Die meisten hatten so große Angst vor dem Tod, dass sie lieber das hinnahmen, als diese Sicherheit zu verlassen. Ich aber war bereit mich, im übertragenen Sinn, in ein Boot zu setzen und aufs Meer zu fahren, um unterzugehen oder neues Land, neues Leben, neue Chancen zu finden.
Innerhalb der Zonen lag das, was früher Stadt und Umland hieß, innerhalb der Zone, so hieß es, war Leben möglich, außerhalb davon nicht. Innerhalb der Zone gab es eine geregelte Versorgung (aus Notrationen) meist Strom, meist Wasser, meist die Chance auf Nachrichten. Außerhalb der Zone gab es das nicht. Außerhalb der Zone lag die Einsamkeit.
Weil ich nicht wusste, ob ich stark genug war, mich dieser Einsamkeit zu stellen, begab ich mich an den Rand der Zone. Dorthin wo noch Häuser waren und manchmal Sicherheitskräfte, aber der Strom meist ausfiel und das Wasser nur gelegentlich floss. An den Rand der Zone wurden die Notrationen auch nicht mit Lastwagen gebracht, wie in der Zone. Sie wurden in großen Paketen aus Flugzeugen abgeworfen, wie man Tauben Brotkrümel hinwirft.
In der Zone hatten nur die Sicherheitskräfte Waffen, am Rand der Zone – da wusste keiner, was er vom anderen zu erwarten hatte.
Der erste Winter am Rand der Zone war hart, weil ich nicht wagte weite Gebiete zu erkunden und schlecht schlief und mich immer bedroht fühlte. Vielleicht lag mein Missverständnis auch darin, dass ich mir den Rand der Zone, wie ein Wikinger vorstellte, der an den Rand der Welt denkt. Wir haben immer Angst was hinter den Grenzen des uns Bekannten liegt. Deshalb wollen wir auch nicht hinaus ins Fremde.
Aber es ist eben ein Irrtum, in den Grenzbereichen die Gefahr und nicht den Übergang zu sehen. Wie sich Zellen teilen oder Bäume immer neue Ringe bilden, liegt aller Fortschritt in der Expansion, im Verlassen des Zentrums.
Und heute? Heute sehe ich, wie die Welt mir nachrückt. Dass ich mich bereit machen muss, erneut aufzubrechen und auszuschwärmen, weil der Rand der Zone von damals, längst nicht mehr der Rand ist. Immer mehr Menschen kommen hierher, sehen neue Chancen, sind der alten Wahrheiten müde und möchten aus eigener Kraft, mit eigenen Mitteln die Welt neugestalten. Ich hoffe, es wird ihnen gelingen, aber ich – ich muss immer dort leben, wo das Sein an das Unbekannte grenzt, dort wo nicht verstanden, nicht entdeckt, nicht erkannt wurde.
Solange bis es vielleicht keine Zonen und Ränder mehr gibt, sondern nur noch eine Welt.

11/20 PGF

At that time I moved to the edge of the zone because I sensed that things were getting uncomfortable. Why was that? What did it mean at the time to „move“? I don’t think that one can be explained in the same way as the other. Times were restless, winter was approaching and I didn’t have much to pack.
None of us had much left. It was just a matter of finding a place where you could at least get the bare essentials: Firewood, water, squirrels, rats and acorn meal and, depending on the season, what the trees and bushes could provide.
Now, just before winter, this was no longer much. But my backpack was full of emergency rations that would help me for 90 days if I ate no more than one protein bar each day and drank no more than a 300ml water ration. The rest I had to find day by day.
I left the apartment block at night. The security forces did not care if we left or stayed. They also did not care where we died. But that was not my intention. The zone, I knew, was also the zone of my own fear. Because in the zone, security was promised for a life that was no longer worth living. Most people were so afraid of death that they would rather accept that than leave this security. But I was ready, metaphorically speaking, to get into a boat and go out to sea to sink or find new land, new life, new opportunities.
Within the zones, what was once called the city and the surrounding area was within the zone, it was said, life was possible, but not outside it. Inside the zone there was a regulated supply (from emergency rations) mostly electricity, mostly water, mostly the chance of news. Outside of the zone there was no such thing. Outside the zone was loneliness.
Because I did not know if I was strong enough to face this loneliness, I went to the edge of the zone. Where there were still houses and sometimes security guards, but the electricity usually went out and the water only flowed occasionally. The emergency rations were not brought to the edge of the zone by trucks, as in the zone. They were dropped from airplanes in large packages, just like for pigeons thrown bread crumbs.
In the zone only the security forces had weapons, at the edge of the zone – no one knew what to expect from each other.
The first winter at the edge of the zone was hard, because I did not dare to explore wide areas and slept badly and always felt threatened. Maybe my misunderstanding was also that I imagined the edge of the zone like a viking who thinks of the edge of the world. We are always afraid of what lies beyond the borders of what we know. Therefore we do not want to go out into the unknown.
But it is just a mistake to see the danger in the border areas and not the transition. Like cells divide or trees form new rings, all progress lies in expansion, in leaving the center.
And today? Today I see the world following me. That I have to get ready to set out and spread out again, because the edge of the zone of yesteryear is no longer the edge. More and more people come here, see new opportunities, are tired of the old truths and want to redesign the world by their own efforts, with their own means. I hope they will succeed, but I – I always have to live where being borders on the unknown, where not understood, not discovered, not recognized.
Until perhaps there are no more zones and edges, but only one world.

11/20 PGF

5 Kommentare

  1. Wow, du hast eine neue Kurzgeschichte begonnen, ich freu mich.

    Gefällt mir, dieser Start. Zwischen der konkreten Handlung wabert viel scheinbar Flüchtiges mit, leise Töne wie Nebelschwaden, die für mich am meisten von Interesse sind, weil sie das für mich Wesentliche aussagen. Eigentlich das Wesen der Geschichte sind. Scheinbar nahezu unsichtbar, scheinbar im Dunkel, so still nebenher. Da liegt der Zauber drin, den die Geschichte webt. Für mich.

    Komm gut in die neue Woche, Peter!

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    1. Liebe Marion, ich muss dich leider enttäuschen, die kleine Episode ist nicht als Geschichte gedacht. Geschichten kennzeichne ich immer mit einer fortlaufenden Nummerierung.
      Aber danke für das Feedback 🙂

      Auch dir einen guten Start
      Peter

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      1. Alles klar. Ich las Kategorie Kurzgeschichte und dachte…
        Nun, es gibt wahrscheinlich genug, was du im Moment irgendwie in deinen Tagen unterbringen musst, insofern: Konzentriere dich auf das, was mit einem guten Gefühl und Menschbleiben dabei möglich ist.

        Gefällt 1 Person

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