Schnee / Snow

Der Schnee liegt immer noch meterhoch. So hoch, dass ich kein Fenster und keine Tür öffnen kann. Ich kann nur hoffen, dass das Dach weiterhin hält …
Es ist sicher schon eine Woche her. Den ganzen Tag war in dichtem Treiben Schnee in großen Flocken gefallen. Ich hatte es mit Sorge gesehen, aber ich dachte: das wird sich in der Nacht schon beruhigen. Irgendwann beruhigt sich alles. Es kann nicht immer und immer so weiter gehen. Aber es beruhigte sich nicht. Als ich am Morgen erwachte lag der Schnee so hoch, dass es hinter den Scheiben dicht weiß war und ich die Tür nicht öffnen konnte. Als hätte sich eine Lawine, als hätte sich ein Gletscher davorgeschoben, der mir den Ausgang verwehrt.
Ich nahm es gelassen. Prüfte meine Vorräte: den Speck, die Eier, das getrocknete Brot, die gedörrten Pflaumen und sah im Keller nach, ob ich ausreichend Holz und Kartoffeln hatte.
Als ich mich dessen versichert hatte, nahm ich mir ein Buch, setzte mich an den Kamin und fing an zu lesen.
Das beschäftigte mich am ersten Tag ganz gut. Ich hatte in dem Buch lange nur in Bruchstücken gelesen, jetzt kam ich endlich in großen Schritten voran. Es war ein lehrreiches und unterhaltsames Buch. Solche lese ich am liebsten. Aber sie sind am schwersten zu finden.
Den Morgen des nächsten Tages – zufrieden stellte ich fest, dass der Kamin noch frei war, wenn auch sonst die Hütte noch unter Schnee begraben lag – unterhielt mich das Buch ebenfalls noch gut.
Dann war es gelesen.
Ich war satt. Nicht müde. Und im Kamin brannte ein Feuer. Es gab nichts zu tun.
Mir war, als wäre ich zurückversetzt, in den Leib meiner Mutter: ernährt, gewärmt, durch Sinnesreize lernend, aber auch auf mich selbst zurückgeworfen. Auf mich und meinen Sinn. Da draußen lag die Welt und wartete auf mich, aber was würde geschehen, wenn ich erst draußen war? Ich erinnerte frühe, kindliche Ängste vor dem Leben, vor dem Werden, dem Werden, das im Tod mündet.
Ich musste was tun.
Von einem Balken in der Kochstube nahm ich Kräuter, die dort schon länger hingen und begann sie zu zerkleinern und in Gläser abzufüllen. Das beschäftigte mich eine Weile. Aber dann war auch das erledigt. Was nicht vorüber war, war die Stille, die Einsamkeit und das Knirschen der Balken, während geschmolzener Schnee das Holz tränkte und, wenn der Tau wieder einfror, spannte.
Seitdem sind weitere fünf Tage vergangen, in denen ich keinen Menschen gesehen, keinen Menschen gesprochen habe, mich abzulenken versuche, meinen Gedanken nachhänge und versuche mir klar zu werden, wie ich leben will, wenn diese Zeit vorüber ist. Wenn ich wieder frei sein kann. Werde ich dann in die Welt entfliehen? Werde ich meine Hütte zurücklassen, um mehr zu entdecken von dem was die Welt zu bieten hat. Oder wird mir die Freiheit genügen, durch die Fenster zu sehen und die Tür zu öffnen?
Heute hatte ich kurz das Gefühl, dass draußen vielleicht Tauwetter eingesetzt hat. Mir schien, am oberen Rand der Fenster, der Schnee etwas dünner, als schimmere blauer Himmel hindurch. Aber als ich näher herantrat, war das Weiß so dicht, wie alle Tage zuvor.
Deshalb habe ich mich an den Kamin gesetzt und nochmal Holz aufgelegt.
Die Zeit wird nicht kürzer, wenn ich mich widersetze. Irgendetwas steckt in dieser Zeit, in dieser Einsamkeit, in dieser Stille, in diesem eingefangen sein, im engen Raum, was es zu lernen gilt.
Eines habe ich festgestellt: Ich habe mich, lange nicht, selbst so klar gehört.

12/20 PGF

The snow is still meters high. So high that I cannot open a window or door. I can only hope that the roof will continue to hold …
It must have been a week ago. All day long snow had fallen in large flakes in a dense bustle. I had seen it with concern, but I thought: it will calm down in the night. At some point everything will calm down. It cannot go on like this forever and ever. But it did not calm down. When I woke up in the morning, the snow was so high that it was thick white behind the windows and I couldn’t open the door. It was as if an avalanche had come, as if a glacier had pushed itself in front of it, denying me the exit.
I took it easy. Checked my supplies: the bacon, the eggs, the dried bread, the dried plums, and looked in the cellar to see if I had enough wood and potatoes.
When I had assured myself of this, I took a book, sat down by the fireplace and began to read.
That kept me busy on the first day quite well. For a long time I had read the book only in fragments, but now I was finally making great progress. It was an instructive and entertaining book. I like to read such books best. But they are the hardest to find.
The morning of the next day – satisfied that the fireplace was still free, even though the hut was still buried under snow – the book also entertained me well.
Then it was read.
I was full. Not tired. And a fire was burning in the fireplace. There was nothing to do.
I felt as if I had been transported back into my mother’s womb: fed, warmed, learning by sensory stimulation, but also thrown back on myself. On myself and my sense. The world lay out there waiting for me, but what would happen once I was out there? I recalled early, childlike fears of life, of becoming, of becoming that which leads to death.
I had to do something.
From a beam in the cooking room I took herbs that had been hanging there for some time and began to chop them up and put them into jars. That kept me busy for a while. But then that too was done. What wasn’t over was the silence, the loneliness and the crunching of the beams as melted snow soaked the wood and, when the dew froze again, stretched it.
Since then another five days have passed in which I have not seen a person, not spoken a word, tried to distract myself, indulge my thoughts and try to realize how I want to live when this time is over. When I can be free again. Will I then escape into the world? Will I leave my hut behind to discover more of what the world has to offer. Or will the freedom to look through the windows and open the door be enough?
Today I briefly had the feeling that maybe there was a thaw outside. It seemed to me that the snow at the top of the windows was thinner, like i could see the shimmering blue sky. But when I came closer, the white was as thick as all the days before.
So I sat down by the fireplace and put some more wood on the fire.
The time does not become shorter if I resist. There is something in this time, in this loneliness, in this silence, in this being caught, in the narrow space, what is to be learned.
I have noticed one thing: I have not, for a long time, heard myself so clearly.

12/20 PGF

10 Kommentare

    1. Danke dir 🙂 Es scheint, als fordere sie das heraus … aber es könnte heilsam sein.

      (Wollte vorhin bei dir manches liken, wurde aber irgendwie nicht „gebucht“: Beitrag Ja, Seiten Nein. Nun wordpress neigt aktuell zu Eigenarten …)

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  1. Oh, was ist denn da schon wieder passiert? Die Technik ist eine tägliche Herausforderung, aber eigentlich funktioniert mehr, als nicht funktioniert…. Ich finde die Möglichkeiten der Kommunikation im Grunde einfach großartig, geradezu weltverbindend, wie bei allem kommt es auf den Gebrauch der Individuen an….ich freue mich jedenfalls sehr über deinen Besuch auf meinem Blog 🙏😊!

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  2. Was für eine passende Allegorie, die ich sehr interessiert bis fasziniert gelesen habe. Und die Essenz empfinde ich etwas ähnlich:
    Irgendetwas steckt in dieser Zeit, […] in dieser Stille, […] im engen Raum, was es zu lernen gilt.

    Eines habe ich festgestellt: Ich habe mich, lange nicht, selbst so klar gehört.
    Ja, das ist das Gute daran! Man könnte vermuten, es wird erst einen „Ausweg“ geben, wenn die Lektionen gelernt sind. Welche es sein werden und was wir daraus zu machen vermögen, werden wir vermutlich erst im Rückblick verstehen.

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