Rundgang / Round (1)

Ich drehte meine Runde jeden Abend und kontrollierte die Kleinigkeiten, aber auch das Überlebenswichtige. Sah nach, ob der Schuppen mit dem Feuerholz verriegelt war, ob im Kamin noch Feuer brannte, ob die Wasserrohre einfroren, ob die Fenster geschlossen und die Türen abgesperrt waren.
Es waren unruhige Zeiten. Jeder hatte noch alles, aber das mochte sich ändern und für die anderen: die Alten die Flaschen gesammelt hatten, die Säufer die für weiteren Schnaps bettelten und die Huren, die für eine goldene Zukunft ihre Seele verkauften, für die waren die Zeiten härter und erbarmungsloser und – mager geworden. Alles war verrammelt und verboten und versteckt und so sammelte sich das Leergut in Kellern, die Bettler gingen durstig durch die Straßen und die Betten der Huren blieben kalt.
Mich kümmerte das nicht. Ich hatte drei Dinge in meinem Leben hochgehalten: Ein Dach über dem Kopf, ein gesättigter Mager und zwei gesunde Arme und Beine, damit ich für Dach und Magen sorgen konnte. Der Rest, die Welt, die schienen mir schon lange dem Irrsinn verfallen. Zu den Sternen wollten sie, ihre Körper auf Knopfdruck verwandeln, bequem in Betten liegen und unterhalten werden. Das verstand ich nicht. Ich reiste auf einem Planeten um die Sonne, der Körper der mir geschenkt war, den formten der Wind und der Regen und, wenn mir im Wald der Wolf begegnete, dann war ich gut unterhalten, solange meine Flinte rechtzeitig zündete.
Damit das so blieb, machte ich meinen abendlichen Rundgang. In den letzten Tagen auch, um den vielen Schnee, um das Haus im Blick zu behalten, damit er mir nicht irgendwann eines morgens die Tür versperrte oder das Dach zum Einbruch brachte. Aber davon war ich glücklicherweise noch ein Stück entfernt. Der Schnee lag kniehoch, wie eine ordentliche Decke auf der schlafenden Erde und da es die letzten Tage sehr kalt geworden war, rechnete ich nicht mit neuem Schnee.
Ich packte das Schloss zum Hühnerstall und rüttelte daran. Fest! Sowohl der Riegel, als auch das Schloss hielten ihr Versprechen, dass mir weder ein Ei noch ein Huhn gestohlen wurden. Jetzt musste ich nur noch die Rückseite des Hauses kontrollieren, dann konnte ich zurück in meine Hütte und an den warmen Ofen.
Ich hatte im Schnee, schon lange Schritte vermutet. Jetzt waren sie da. Es war ein sonderbares Gefühl, wie meine Sicherheit verloren ging. Man vertraut dem Leben. Das ist so. Man vertraut ihm, dass es gut mit einem meint. Alles Böse in der Welt entsteht, wenn das Leben dieses Vertrauen enttäuscht. Je jünger der Mensch, umso schlimmer die Enttäuschung.
Deshalb hielt sich meine Enttäuschung in Grenzen. Ich war ja schon ein paar Winter alt. Trotzdem fühlte ich die Entrüstung, dass ich hier, in der Ruhe und Abgeschiedenheit, wohl nicht weiterleben konnte.
Ich ging näher hin und sah mir die Spuren an, die nicht von mir sein konnten. Sie kamen aus dem Wald und gingen zum Haus hin. Sie waren von einem Zweibeiner und die Schrittlänge legte nahe, von keinem klein gewachsenen. Was mich irritierte war die Form der Füße. Als wäre jemand auf Stelzen gegangen, auf Stelzen und manchmal schwebend, denn die Spur war nicht überall tief eingesunken, sondern, als hätte mancher der Schritte nur ganz zart aufgesetzt.
Ich nahm meine Flinte von der Schulter und setzte meinen Weg fort. Im Wald schrie ein Kauz und von den Zweigen rutschte der Schnee, dessen Gewicht sie nicht mehr halten konnten.

12/20 PGF

I made my rounds every evening, checking the little things, but also the essentials for survival. Checked if the shed with the firewood was locked, if there was still a fire in the fireplace, if the water pipes froze, if the windows were closed and the doors locked.
Those were troubled times. Everyone still had everything, but that might change and for the others: the old people who collected bottles, the drunkards who begged for more liquor and the whores who sold their souls for a golden future, for them times had become harder and more merciless and – lean. Everything was barricaded and forbidden and hidden and so the empties gathered in cellars, the beggars went thirsty through the streets and the beds of the whores remained cold.
I did not care. I had held three things high in my life: A roof over my head, a satiated lean, and two healthy arms and legs so I could provide for my roof and stomach. The rest, the world, they seemed to me to have long since fallen into madness. To the stars they wanted, to transform their bodies at the touch of a button, to lie comfortably in beds and be entertained. I didn’t understand that. I was traveling on a planet around the sun, the body that was given to me was formed by the wind and the rain and, if I met the wolf in the forest, then I was well entertained, as long as my shotgun fired in time.
To keep it that way, I made my evening rounds. In the last days also to keep the many snow, around the house in the view, so that he did not block me sometime one morning the door or brought the roof to the collapse. But fortunately I was still some way from that. The snow was knee-high, like a neat blanket on the sleeping earth, and since it had gotten very cold the last few days, I wasn’t expecting any new snow.
I grabbed the lock to the chicken coop and shook it. Solid! Both the latch and the lock kept their promise that neither an egg nor a chicken was stolen from me. Now I only had to check the back of the house, then I could go back to my hut and to the warm stove.
I had suspected footsteps in the snow, for a long time. Now they were there. It was a strange feeling, how my security was lost. One trusts life. That’s how it is. You trust it to mean well with you. All the evil in the world arises when life disappoints this trust. The younger the person, the worse the disappointment.
That’s why my disappointment was limited. After all, I was already a few winters old. Nevertheless, I felt the indignation that I probably could not continue to live here, in the peace and seclusion.
I went closer and looked at the tracks, which could not be mine. They came from the forest and went towards the house. They were from a biped and the step length suggested, from no small grown. What irritated me was the shape of the feet. As if someone had walked on stilts, on stilts and sometimes floating, because the track was not deeply sunk everywhere, but, as if some of the steps had only very delicately touched down.
I took my shotgun from my shoulder and continued on my way. In the forest an owl cried and from the branches slid the snow, whose weight they could no longer hold.

12/20 PGF

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