Rundgang / Round (2)

2.
Ich stapfte mit kräftigem Schritt in Richtung des Vordereingangs, fest entschlossen mich nicht verunsichern zu lassen. Die Flinte im Anschlag, falls mich hinter der nächsten Ecke ein Angreifer erwartete. Aber da war niemand.
Als ich den Vordereingang erreichte, sah ich, dass er einen Spalt offenstand. Ich trat ein, in dem ich mit dem Gewehrlauf die Tür aufschob.
Etwas wie ein Schmetterling, aber in der Größe eines Menschen und mit dem Kopf einer Frau, mit ramponierten, fast ausradierten Farben, verlottert und beschmutzt, kauerte in der Ecke meiner Wohnstube, wie ein Vogel der flugunfähig, den näherkommenden Kater erwartet.
Ich richtete meine Waffe auf das Vieh.
„Raus!“ Sagte ich drohend und das seltsame Geschöpf zuckte kurz mit einem Flügel.
„Das kann ich nicht.“ Antwortete es, mit einer Stimme die mein Herz rührte.
Aber ich blieb hart.
„Was heißt, das kannst du nicht? Was willst du? Was bist du?“
Das Geschöpf zog enger seine Flügel um den Körper.
„Es ist zu kalt und ich bin verletzt. Ich werde sterben, wenn ich zurückmuss, in den Schnee und die Kälte.“
Ich dachte, an die Abdrücke im Schnee. Sie passten zu einem Geschöpf, dass im Flug taumelnd über den Schnee fliegt. Deshalb hatte ich nichts gehört.
„Du kannst hier nicht bleiben. Ich lebe allein.“
„Aber ich bin keine Gefahr für dich. Ich“, das Schmetterding atmete aus und aus seinem Mund strömte ein goldenes Licht, wie eine Wolke, „bin hier der Welt das Licht zu bringen.“
Staunend betrachtete ich die Wolke die auf mich zuflog und als sie mich erreichte, um mein Knie legte, um jenes Knie, welches mich seit Wochen schmerzte, dunkel wurde und gemeinsam, mit dem Schmerz, verschwand.
„Lass das!“ Warnte ich und schämte mich für mein Misstrauen, wie jemand der verlernt hat zu lieben und in der Welt nur noch Feinde sieht.
Das Ding senkte den Kopf.
„Entschuldige. Ich dachte, der Schmerz“.
„Der Schmerz ist meine Sache. Meine Fehler, meine Schmerzen.“
„Ich werde es nicht wieder tun.“
„Natürlich nicht, weil du jetzt gehst.“
Die Augen der Schmetterlingsfrau suchten die meinen.
„Wie du willst.“
Sie erhob sich und ich sah, dass quer über ihren langen Leib, eine lange Wunde klaffte, als hätte jemand eine Klinge über die weiche Haut an ihrem Bauch gezogen.
Ich machte einen Schritt von der Tür weg, um sie rauszulassen und hob wieder die Waffe.
„Du kannst dich ja selbst heilen. Schick dir einfach ein bisschen Licht.“
Sie antwortete nicht, sondern taumelte, wie eine Motte im Abendlicht, in Richtung der offenen Tür und als ein kalter Windhauch von draußen herein blies, wurde die Stelle an ihrem Schmetterlingsleib, die der Wind berührte, grau.
Ich schnaufte.
„Warte!“
Mit dem Fuß stieß ich die Tür zu.
„Du kannst bleiben, bis zum Morgen.“
Sie stoppte.
„Wirklich?“
„Ja, bleib. Auch, wenn ich keine Ahnung habe, was du bist und woher du kommst.“
Sie sah mich an, aus tiefblauen Augen.
„Würdest du mir glauben, wenn ich dir sage, ich sank aus einem Traum, in die Welt der Zeit?“

12/20 PGF

2.
I trudged with a strong step in the direction of the front entrance, determined not to be unsettled. The shotgun at the ready, in case an attacker was waiting for me around the next corner. But there was no one there.
When I reached the front entrance, I saw that it was open a crack. I entered by pushing the door open with the barrel of my rifle.
Something like a butterfly, but the size of a man and with the head of a woman, with battered, almost erased colors, ragged and soiled, crouched in the corner of my living room, like a bird unable to fly, awaiting the approaching cat.
I pointed my gun at the critter.
„Out!“ I said threateningly, and the strange creature twitched one wing briefly.
„I can’t.“ It replied, in a voice that stirred my heart.
But I remained firm.
„What do you mean you can’t? What do you want? What are you?“
The creature pulled its wings tighter around its body.
„It’s too cold, and I’m hurt. I’ll die if I have to go back, into the snow and the cold.“
I thought, thinking of the prints in the snow. They matched a creature tumbling in flight over the snow. That’s why I hadn’t heard anything.
„You can’t stay here. I live alone.“
„But I’m no danger to you. I,“ the butterfly thing exhaled, and from its mouth a golden light streamed, like a cloud, „am here to bring light to the world.“
Astonished, I looked at the cloud that flew towards me and when it reached me, wrapped around my knee, around that knee that had been hurting me for weeks, went dark and disappeared together, with the pain.
„Don’t do that!“ I warned, ashamed of my distrust, like someone who has forgotten how to love and sees only enemies in the world.
The thing lowered its head.
„Sorry. I thought the pain.“
„The pain is my thing. My mistakes, my pain.“
„I won’t do it again.“
„Of course not, because you’re leaving now.“
The butterfly woman’s eyes sought mine.
„As you wish.“
She rose and I saw that across her long body, a long gash gaped as if someone had drawn a blade across the soft skin on her belly.
I took a step away from the door to let her out and raised the gun again.
„You can heal yourself, after all. Just send yourself some light.“
She didn’t answer, but lurched, like a moth in the evening light, toward the open door, and as a cold breeze blew in from outside, the spot on her butterfly body that the wind touched turned gray.
I gasped.
„Wait!“
I nudged the door shut with my foot.
„You can stay, until morning.“
She stopped.
„Really?“
„Yes, stay. Even though I have no idea what you are or where you came from.“
She looked at me, out of deep blue eyes.
„Would you believe me if I told you I sank out of a dream, into the world of time?“

12/20 PGF

11 Kommentare zu „Rundgang / Round (2)

  1. Von meiner Seite ein dickes fettes JA 👍🏼 Leider realistisch, wenn auch phantastisch.
    Wie ich das kenne, diese harte Schale, die weh tut wenn man an ihr abprallt. Weil jemand verlernt hat wie Liebe ist und dass sie heilt und dass man ihr vertrauen kann.

    Gefällt 2 Personen

      1. Hm… Die Variante kenne ich nicht.
        Ich würds umdrehen: Oft sind es die Zarten, wo die Harten einen letzten Hoffnungsschimmer spüren, ihrem Panzer entkommen zu können. Auch wenn sie noch eine Weile so tun können, als wären sie die Starken. Bis sie merken, dass die Zarten mehr Stärke in sich tragen, als sie ihnen zugetraut hätten. Oder so 😉

        Gefällt 1 Person

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