Rundgang / Round (3)

3.
„Hast du einen Namen?“
Sie legte den Kopf schräg.
„Nein. Haben die Dinge in deinen Träumen einen Namen?“
Ich überlegte, erinnerte mich aber nicht.
„Ich denke nicht, aber – wie hast du gesagt? In der Welt der Zeit – hat alles einen Namen.“
Sie lächelte ein wundervoll weiches Lächeln, dass mir zum Herz ging.
„Ja, da hast du recht, sonst würden die Erscheinungen nicht bleiben, sondern nur schimmern, wie der Regenbogen.“
Das verstand ich nicht.
„Wie du meinst. Weißt du was, ich nenn dich einfach Schmetterling. Willst du etwas“.
„Essen?“
„Ja.“
„Zuckerwasser wäre gut.“
„Kannst du eigentlich meine Gedanken lesen?“
Sie lächelte wieder.
„Nur ahnen.“
Ich stand auf und stellte einen Topf am Kamin auf, den ich mit Wasser füllte und während das Wasser erhitzte, suchte ich nach dem Honig, den ich im Sommer bei einem Bienenstock gesammelt hatte.
„Ich habe keinen Zucker.“ Erklärte ich. „Aber einen wundervollen Honig.“
„Das ist auch gut.“
Sie schwankte auf ihren beiden dünnen Beinchen, in Richtung meines Esstisches und setzte sich dort auf einen Stuhl.
„Lebst du schon lange allein.“
Ich dachte kurz nach, was war schon lang? Für manchen eine Stunde, andere blieben es ihr Leben lang.
„Eine Weile“, erklärte ich, unbestimmt. „Lang genug, dass es mich nicht mehr stört.“
Das Wasser war warm genug, dass ich den Honig einrühren konnte.
Ich schenkte Wasser in einen Becher und gab einen Löffel Honig hinzu, den Becher stellte ich vor die Schmetterlingsfrau.
„Wir sollten uns mal deine Wunde ansehen.“
Sie reagierte unsicher.
Ich überlegte, ob sie schüchtern sei.
„Wie ist das eigentlich passiert?“
„Beim Übertritt. Eure Welt hat Kanten, an denen man sich leicht verletzt.“
Mir war nicht ganz klar, was sie damit meinte.
„Wie auch immer. Die sah nicht gut aus. Ich habe eine Salbe aus Ringelblumen, die dürfte helfen.“
Sie nahm ihre Flügel auseinander, sodass ich ihren Bauch sehen konnte.
Ich war überrascht, von der Wunde war kaum noch etwas zu sehen.
„Das sieht ja schon viel besser aus.“
Sie sah mich nachdenklich an.
„Wusstest du das nicht?“
„Was denn?“
„Das Zuneigung heilt. Nichts hat eine so mächtige Heilkraft, wie die Liebe.“
Ich winkte ab.
„Aber ich liebe dich nicht. Du bist ein Ding. Was sollte ich an dir lieben?“
„Das musst du wissen, aber ich weiß, dass dir an meinem Wohlergehen liegt, also liebst du und es ist gar nicht wichtig, ob du mich liebst.“
Wider Willen, war es ein schönes Gefühl, dass sie sich von mir geliebt fühlte und ich hatte immer gedacht, es sei umgekehrt.

12/20 PGF

3.
„Do you have a name?“
She tilted her head.
„No. Do the things in your dreams have names?“
I pondered, but didn’t remember.
„I don’t think so, but – how did you say? In the world of time – everything has a name.“
She smiled a wonderfully soft smile that went to my heart.
„Yes, you are right, otherwise the apparitions would not remain, but only shimmer, like the rainbow.“
I didn’t understand.
„Whatever you say. You know what, I’ll just call you butterfly. Do you want something“.
„Food?“
„Yes.“
„Sugar water would be good.“
„Can you actually read my mind?“
She smiled again.
„Only guess.“
I got up and set a pot by the fireplace, which I filled with water, and while the water heated, I searched for the honey I had collected from a hive during the summer.
„I don’t have sugar.“ I explained. „But a wonderful honey.“
„That’s good, too.“
She swayed on her two thin little legs, toward my dining table, and sat down on a chair there.
„Have you been living alone for a long time.“
I thought for a moment, what was long? For some an hour, others remained so all their lives.
„A while,“ I explained, vaguely. „Long enough that it doesn’t bother me anymore.“
The water was warm enough for me to stir in the honey.
I poured water into a cup and added a spoonful of honey, placing the cup in front of the butterfly woman.
„We should take a look at your wound.“
She responded uncertainly.
I wondered if she was shy.
„How did this happen, anyway?“
„When I crossed over. Your world has edges that are easy to get hurt on.“
I wasn’t quite sure what she meant by that.
„Whatever. That one didn’t look good. I have a salve made from marigolds that should help.“
She took her wings apart so I could see her belly.
I was surprised, there was hardly anything left of the wound.
„That looks much better.“
She looked at me thoughtfully.
„Didn’t you know?“
„Knew what?“
„That affection heals. Nothing has as powerful a healing power as love.“
I waved it off.
„But I don’t love you. You’re a thing. What should I love about you?“
„That’s for you to know, but I know you care about my well-being, so you love, and it doesn’t even matter if you love me.“
Against my will, it was a nice feeling that she felt loved by me and I had always thought it was the other way around.

12/20 PGF

7 Kommentare zu „Rundgang / Round (3)

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