Rundgang / Round (6)

6.

Nachdem ich meine Stiefel geschnürt und meinen Mantel umgeworfen hatte, machten wir uns auf den Weg zum nächsten Dorf, welches einen ordentlichen Fußmarsch von mir entfernt lag.

Da die Dörfler mich nicht im Besonderen mögen und ich sie nicht, ist es gut, dass wir uns nicht zu dicht auf der Pelle liegen.
Ins Dorf gehe ich für gewöhnlich nur, wenn ich etwas verkaufen will, was ich gejagt habe oder geschnitzt oder von meinen Feldern geerntet. Mit den Talern die ich verdiene kaufe ich mir, was ich selbst nicht anbauen kann oder als Werkzeuge
benötige.

Der Weg zum Dorf führt vorbei an einem schmalen Stück Fichtenwald, der sich zwischen einen jähen Anstieg und feuchtes Grasland gezwängt hat.

Wir liefen schweigend, das sumpfige Stück, welches von meiner Hütte entlang des Waldes verlief. Das Schmetterlingsgeschöpf benutzte seine Füße vermutlich mir zu liebe und flatterte ab und an mit den Flügeln, weil die Beine nicht zum weiten Laufen gedacht waren. Der Himmel war weiß gedeckt mit Wolken die keinen Anfang und kein Ende hatten und weder Schnee noch Regen bringen würden. So wie an anderen Tagen der Himmel endlos blau sein konnte, war er in dieser Stunde endlos weiß.

Ich hielt Ausschau, ob nicht irgendwo ein Wolf oder ein Bär, die nach der Eiseskälte hungrig waren, auf uns lauerten, aber ich musste meine Flinte nicht ziehen. Wir erreichten, das große Grasland, welches zwischen dem Wald und dem Dorf lag, ohne ein einziges Lebewesen zu sehen. Nicht mal ein Fuchs tauchte am Saum des Waldes auf.

Das Grasland wurde durch einen schmalen Fluss in zwei Hälften getrennt. Ich hatte am Südufer, welches näher zu meiner Hütte lag, über die Jahre einen Pfad ausgetreten, den man weitgehend trockenen Fußes passieren konnte. Er war schmal und nur für ein Paar Füße geschaffen. Deshalb erhob sich meine Begleiterin in die Luft und schwebte neben mir, über die taufeuchte Wiese, während wir ganz in der Ferne, Rauch aus den Schloten der Dörfer ahnen konnten.

Aber noch davor, etwa auf halber Strecke, schimmerte ebenfalls etwas. Etwas Großes, dass in der Wiese zu liegen schien.

„Kannst du sehen was das ist?“

Die Schmetterlingsfrau schien es nicht bemerkt zu haben.

„Was meinst du?“

Ich streckte den Arm aus.

„Da vorne, da leuchtet etwas im Gras.“

Sie flog etwas höher.

„Nein, nicht genau. Aber wir sind bald dort.“

Auch, als wir den Platz erreichten, verstand ich nicht gleich, um was es sich handelte. Es sah aus, wie aus Glas und lag, wie in Scherben verteilt über die Wiese verstreut und funkelte dort in kräftigem Gelb und Orange und Rot und Blau und Grün und Purpur.

„Was ist das?“ Fragte ich mehr mich selbst.

Mein Schmetterling erhob sich nochmals etwas höher.

Ihre Wangen wurden blass und ihre Augen wehmütig.

Mit weher Stimme erklärte sie mir: „Es ist ein zerbrochener Regenbogen.“

„Ein was?“

Sie senkte sich zu mir herab.

„Ein Regenbogen. Der Himmel konnte ihn wohl nicht halten. Er ist abgerutscht und hier zerbrochen.“

Ich machte einen Schritt in die Wiese.

„Das ist doch Unfug. Ein Regenbogen kann nicht“.

Weiter kam ich nicht. Von der pulsierenden Struktur ging zu gleich eine Wärme und Kälte aus, dass ich mich keinen Schritt nähern konnte, ohne mich zu verbrennen und zu erfrieren.

Ich zuckte zurück.

„Lass!“ Rief mir meine Begleiterin besorgt zu.
„Das ist ein Himmelswerk, dem darf kein Irdischer sich nähern.“

„Aber warum?“

„Weil für euch diese Dinge nur, als Zeichen gedacht sind: die Sterne und Sternschnuppen, der Regenbogen und die Nordlichter, das Abendrot und der Morgenreif.“

„Und was soll ein zerbrochener Regenbogen am Wegrand, für ein Zeichen sein?“

Sie zuckte mit den Flügeln.

„Vielleicht ein Zeichen für zerbrochene Hoffnungen? Das erschiene mir nicht unpassend.“

Ich warf ihr einen grimmigen Blick zu, weil ich das als Anspielung empfand.

„Sehen wir lieber, was uns die Dörfler für Hoffnungen auf Vorräte machen können.“

„Wie du willst.“ Antwortete sie und flog etwas voraus.

 

12/20 PGF

 

6.
After lacing up my boots and throwing on my coat, we set off for the next village, which was a decent walk from me.
Since the villagers don’t like me in particular and I don’t like them, it’s a good thing we’re not too close. I usually go to the village only when I want to sell something I hunted or carved or harvested from my fields. With the talers I earn I buy what I can’t grow myself or need as tools.
The path to the village passes a narrow patch of spruce forest squeezed between a precipitous rise and damp grassland.
We walked in silence, the swampy stretch running from my cabin along the forest. The butterfly creature was using its feet presumably for my benefit, fluttering its wings now and then because its legs were not meant for long distance running. The sky was covered in white with clouds that had no beginning and no end and would bring neither snow nor rain. Just as on other days the sky could be endlessly blue, at this hour it was endlessly white.
I kept a lookout for a wolf or a bear lurking somewhere, hungry after the freezing cold, but I didn’t have to draw my shotgun. We reached the large grassland that lay between the forest and the village without seeing a single living creature. Not even a fox appeared at the edge of the forest.
The grassland was divided into two halves by a narrow river. I had trodden out a path on the south bank, which was closer to my hut, over the years, which one could pass largely dry-footed. It was narrow and made for only one pair of feet. Therefore, my companion rose into the air and floated beside me, over the dewy meadow, while we could sense, far in the distance, smoke from the chimneys of the villages.
But still in front, about halfway, something also shimmered. Something big that seemed to be in the meadow.
„Can you see what it is?“
The butterfly woman didn’t seem to have noticed.
„What do you mean?“
I held out my arm.
„Up ahead, there’s something glowing in the grass.“
She flew a little higher.
„No, not exactly. But we’ll be there soon.“
Also, when we reached the spot, I didn’t immediately understand what it was. It looked like it was made of glass and lay scattered across the grass as if in shards, sparkling there in vibrant yellow and orange and red and blue and green and purple.
„What is that?“ I asked more to myself.
My butterfly rose a little higher once again.
Her cheeks grew pale and her eyes wistful.
In a sore voice she explained to me, „It’s a broken rainbow.“
„A what?“
She lowered herself to me.
„A rainbow. I guess the sky couldn’t hold it. It slipped and broke here.“
I took a step into the meadow.
„That’s nonsense. A rainbow can’t.“
That was as far as I got. There was a heat and cold emanating from the pulsating structure at the same time that I couldn’t take a step closer without burning myself and freezing to death.
I flinched back.
„Stop!“ Shouted my companion to me anxiously. „This is a work of heaven; no earthly man may approach it.“
„But why?“
„Because for you these things are only, meant as signs: the stars and shooting stars, the rainbow and the northern lights, the evening glow and the morning rime.“
„And what should a broken rainbow on the wayside, be for a sign?“
She twitched her wings.
„Perhaps a sign of broken hopes? That wouldn’t seem out of place to me.“
I gave her a grim look, thinking it an innuendo.
„Let us rather see what hopes the villagers can give us for supplies.“
„As you wish.“ She replied, flying a little ahead.

 

12/20 PGF

 

5 Kommentare

  1. ….wunderschön. ich bin wirklich begeistert vo Genre, deiner bilderreichen Art zu erzählen und deinen Einfällen. Ein zerbrochener Regenbogen, noch dazu als Symbol für zerbrochene Hoffnung. Wirklich genial und ich freue ich bereits jetzt aufs Weiterlesen…. 🌈

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