Rundgang / Round (8)

8.
Nach dem Besuch beim Schmied, war mir nicht länger danach im Dorf zu bleiben. Ich versuchte das Schmetterlingsgeschöpf zu ignorieren, wie eine Wahrheit von der man weiß, dass sie einem das Leben verändert.
„Bist du wütend?“
Ich antwortete nicht.
„Ich kann nichts dafür, dass mich die anderen nicht sehen.“
Ich antwortete nicht. Meine Gedanken gingen wild durcheinander: Aber meine Tür hatte doch einen Spalt offen gestanden. Da waren doch Spuren im Schnee. Sie hatte Honigwasser getrunken. Der Schnitt in ihrem Leib.
Sie landete neben mir und hielt mühsam Schritt.
Ich ging schnell. So schnell, dass ihre dürren Beine, Mühe haben mussten das Tempo zu halten. Aber warum lief ich so schnell, wenn sie doch gar nicht da war. Vor was lief ich weg?
Wir erreichten das Grasland und das Ufer des Flusses, der zu meiner Hütte führte. Der Regenbogen fiel mir ein. Was, wenn der auch nicht mehr da war? Was, wenn ich mir den auch nur eingebildet hatte?
Ich nahm wieder Tempo auf. Ich war fast versucht zu rennen, wie ein Kind, dass zur Weihnachtsbescherung rennt und diesen Taumel aus erfüllten und enttäuschten Wünschen durchlebt, von denen es getroffen werden kann.
Es kam, wie erwartet: Der Regenbogen war verschwunden. Die Wiese lag feucht in der blassen Mittagssonne, die sich durch die dichten Wolken mühte und die bunten Scherben waren daraus verschwunden. Ich spürte, wie mir die Beine schwer wurden.
„Was ist nur mit mir los?“ Stammelte ich. „Habe ich mir das alles nur eingebildet?“
„Du träumst.“ Sagte die Stimme, neben mir sanft.
„Ich schlafe nicht.“
„Man kann trotzdem träumen. Auch mit offenen Augen.“
Ich schüttelte den Kopf, zu müde, zu schwer, im Herzen um wütend zu werden.
„Nein, das kann man nicht!“
„Doch, das nennt sich Fantasie. Fantasie macht uns die Welt erträglich.“
„Ist das so?“ Meine Stimme klang schroff. „Ist es nicht Fantasie, die dazu führt, dass Kinder sich nicht in den Keller wagen, weil dort Geister hausen? Ist es nicht Fantasie, die dazu führt, dass einer träumt der König der Welt zu sein und deshalb zum Schwert greift, um alle abzuschlachten, die ihm dabei im Weg zu stehen? Fantasie erlöst uns nicht, sie täuscht und verwirrt uns.“
„Wenn man nicht unterscheiden kann, zwischen den Träumen und der Wirklichkeit, wenn man nicht behutsam ist und vorsichtig, mit seinen Träumen. Wenn man das aber ist, dann steigt man in den Keller, aber vorsichtig, wie man das auf steilen Stufen sein sollte. Dann schafft man sich sein Reich, ohne Schwert und ohne Gewalt, weil es gar nicht nötig ist, die Welt zu besitzen.“
Ich sah auf, sah in das Gesicht der Schmetterlingsfrau, dass mir noch schöner, noch zarter, noch vollkommener erschien, als zuvor. Es war ein makelloses Gesicht, wie kein lebendes Geschöpf es je besitzt.
„Aber was ist, wenn man nicht mehr unterscheiden kann? Warum ist das so? Warum sehe ich dich, sehe ich zerbrochene Regenbogen?“
Sie lächelte, ein friedvolles, erhabenes, unschuldiges Lächeln.
„Ist das wichtig?“
„Ja, für mich ist es das?“
„Und warum?“
„Weil ich verstehen will.“
„Und was hindert dich?“
Es war als würde mein Herz tauen. Als würde ganz tief in mir drin, verborgen und vergraben unter Leben und Erlebnissen, das Kind, das ich einmal war, seine Augen öffnen und sich verwundert umsehen, wer ich geworden war. Wie ruppig ich war und einsam und ziellos und satt. Plötzlich wusste ich, wie die Antwort lautete: der Schmerz.

12/20 PGF

8.
After the visit to the blacksmith, I no longer felt like staying in the village. I tried to ignore the butterfly creature, like a truth you know will change your life.
„Are you angry?“
I didn’t answer.
„I can’t help it if the others don’t see me.“
I didn’t answer. My thoughts went wild: but my door had been open a crack. There were tracks in the snow. She had drunk honey water. The cut in her body.
She landed next to me and kept pace with difficulty.
I walked fast. So fast that her scrawny legs had to struggle to keep up. But why was I running so fast when she wasn’t there? What was I running away from?
We reached the grassland and the bank of the river that led to my hut. The rainbow came to my mind. What if it wasn’t there anymore either? What if I had imagined it, too?
I picked up the pace again. I was almost tempted to run, like a child running to the Christmas gift-giving, going through that frenzy of fulfilled and disappointed wishes that can hit him.
It came, as expected: The rainbow was gone. The meadow lay damp in the pale midday sun that struggled through the dense clouds and the colorful shards had disappeared from it. I could feel my legs getting heavy.
„What’s wrong with me?“ I stammered. „Did I imagine all this?“
„You’re dreaming.“ Said the voice, beside me softly.
„I’m not asleep.“
„You can still dream. Even with your eyes open.“
I shook my head, too tired, too heavy, in my heart to get angry.
„No, you can’t!“
„Yes, you can, it’s called imagination. Fantasy is what makes the world bearable for us.“
„Is that so?“ My voice sounded gruff. „Isn’t it fantasy that makes children afraid to go down to the basement because ghosts dwell there? Isn’t it fantasy that causes one to dream of being the king of the world and therefore take up the sword to slaughter all who stand in his way? Fantasy does not redeem us, it deceives and confuses us.“
„If one cannot distinguish between dreams and reality, if one is not cautious and careful, with one’s dreams. But if you are, then you climb into the cellar, but carefully, as you should be on steep steps. Then you create your kingdom, without sword and without violence, because it is not necessary to own the world at all.“
I looked up, looked into the face of the butterfly woman, which seemed to me even more beautiful, even more delicate, even more perfect than before. It was a flawless face, like no living creature ever possesses.
„But what if you can no longer distinguish? Why is it so? Why do I see you, do I see broken rainbows?“
She smiled, a peaceful, sublime, innocent smile.
„Does it matter?“
„Yes, to me it is?“
„And why?“
„Because I want to understand.“
„And what’s stopping you?“
It was as if my heart was thawing. As if deep inside me, hidden and buried under lives and experiences, the child I once was would open his eyes and look around in wonder at who I had become. How gruff I was and lonely and aimless and fed up. Suddenly I knew what the answer was: pain.

12/20 PGF

4 Kommentare zu „Rundgang / Round (8)

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