Rundgang / Round (9)

9.
Ich weiß nicht, wie lange ich auf dem Weg stand. Jedenfalls senkte sich die Sonne im Westen zum Horizont, als ich wieder zu mir kam und von meinen Füßen stieg mir die Kälte bis in die Schenkel.
Ich sah mich um und einen Moment, dachte ich die Schmetterlingsfrau sei verschwunden. Aber das war sie nicht. Sie hielt nur ein wenig Abstand von mir und sie wirkte etwas blasser, als seien ihre Farben plötzlich aus Pastell.
Ich rief nicht nach ihr, sondern trottete los und erreichte noch ehe der Abend dämmerte meine Hütte.
Ich fühlte mich seltsam, als wäre mir ein Wirbel eingerenkt worden oder, als hätte ich eine Wunde versorgt, die noch da war, aber nun heilen konnte.
Ich war froh heim zu kommen und ich war froh, den Abend für mich zu haben, aber ich war auch froh nicht allein zu sein, denn die Schmetterlingsfrau war mir in etwas Abstand gefolgt.
Vermutlich würde ich in den nächsten Wochen, öfter mal ins Dorf gehen. Es war doch nicht schlecht, manchmal mit anderen zu reden und ein bisschen mehr zu sehen von der Welt.
Als ich die Tür zu meiner Hütte öffnete, blieb die Schmetterlingsfrau zurück.
„Was ist los? Habe ich dich erschreckt?“
Sie umkreiste mich elegant.
„Nein, dass hast du nicht. Aber es ist Zeit für den Abschied.“
Das verstand ich nicht.
„Aber wieso? Jetzt sehe ich doch wieder klar. Weshalb willst du gehen?“
„Weil du mich nicht mehr brauchst, du brauchst Menschen. Das ist gut. Und, wenn ich zurück will, muss ich die heutige Nacht nutzen. Es ist Vollmond und der Vollmond ist wie ein Tor zwischen den Welten. Heute Nacht steht es vollständig offen und ich will hindurch schlüpfen ehe es sich langsam wieder schließt.“
Ich war enttäuscht.
„Aber ich dachte du bleibst noch. Ich dachte“.
„Das ich hier mit dir leben kann? Nein, in seiner Fantasie kann keiner leben. Dafür ist sie nicht gemacht.“
Ich nickte. Schob die Tür ganz auf und ging in meine Hütte, ohne mich nochmals umzusehen.
Als es endgültig dunkel draußen war, entschloss ich mich, noch eine Runde zu drehen. Ich zog meine Stiefel an und den Mantel über und ging nach draußen.
Hoch über meiner Hütte stand der Vollmond, strahlend und klar. Keine Wolke in der Nähe.
Komm gut zurück in deine Welt, dachte ich.
Ich lief los und kontrollierte zuerst, ob der Schuppen mit dem Feuerholz verriegelt war. Es war alles in Ordnung. Und, wenn jemand fror, dann konnte er klopfen, in meiner Hütte war Platz für zwei oder auch drei, wenn nötig. Es waren unruhige Zeiten, das musste man zusammenrücken, damit jeder etwas haben konnte, wenn die Dinge knapp wurden. Nicht jeder dachte rechtzeitig daran, für ein Dach über dem Kopf, einen satten Magen und gesunde Glieder zu sorgen. Es war schön, für jemand da sein zu können.
Ich setzte meinen Rundgang fort und erreichte den Hühnerstall. Ich rüttelte fest an der Tür und sie hielt. Pech für den Fuchs, Glück für die Hühner.
Jetzt musste ich nur noch die Rückseite des Hauses kontrollieren, dann konnte ich zurück in meine Hütte und an den warmen Ofen. Ich würde meine Füße gegen die Wärme strecken und vielleicht, ja vielleicht, sogar einen Becher warmes Honigwasser trinken.

Ende

12/20 PGF

9.
I don’t know how long I stood on the path. Anyway, the sun was sinking to the horizon in the west when I regained consciousness and from my feet the cold went up to my thighs.
I looked around and for a moment, I thought the butterfly woman had disappeared. But she wasn’t. She just kept a little distance from me and she seemed a little paler, as if her colors were suddenly made of pastel.
I didn’t call out to her, but trotted off and reached my hut before the evening dawned.
I felt strange, as if a vertebra had been put back in place, or as if I had tended to a wound that was still there but could now heal.
I was glad to get home and I was glad to have the evening to myself, but I was also glad not to be alone, because the butterfly woman had followed me at some distance.
Probably in the next few weeks, I would go to the village more often. It wasn’t bad to talk to others sometimes and see a little more of the world.
When I opened the door to my hut, the butterfly woman stayed behind.
„What’s the matter? Did I scare you?“
She circled me elegantly.
„No, you didn’t. But it’s time to say goodbye.“
I didn’t understand.
„But why? I can see clearly now, can’t I? Why do you want to leave?“
„Because you don’t need me anymore, you need people. That’s good. And, if I want to go back, I have to use tonight. It’s a full moon and the full moon is like a gateway between worlds. Tonight it’s completely open and I want to slip through before it slowly closes again.“
I was disappointed.
„But I thought you were staying. I thought.“
„That I could live here with you? No, no one can live in his fantasy. It’s not made for that.“
I nodded. Slid the door all the way open and went into my cabin without looking back again.
When it was finally dark outside, I decided to go for another walk. I put on my boots and coat and went outside.
High above my cabin was the full moon, brilliant and clear. Not a cloud around.
Come back to your world well, I thought.
I walked off, first checking to see if the shed with the firewood was locked. Everything was in order. And, if someone was cold, he could knock, there was room in my hut for two or even three if necessary. It was troubled times, that had to move together so that everyone could have something when things got scarce. Not everyone thought in time to provide a roof over their heads, a full stomach and healthy limbs. It was nice to be able to be there for someone.
I continued my walk and reached the chicken coop. I shook the door firmly and it held. Bad luck for the fox, good luck for the chickens.
Now all I had to do was check the back of the house, then I could get back to my cabin and the warm stove. I would stretch my feet against the warmth and maybe, yes maybe, even drink a cup of warm honey water.

End

12/20 PGF

8 Kommentare

  1. Hallo. Ich habe dein Blog erst heute entdeckt. Diese Geschichte hat mir sehr gut gefallen, sie ist schön und tief gleichzeitig, und ich finde es erstaunlich, wie du sie täglich aufgebaut hast, als wäre das so einfach. Respekt! Auch deine andere Beiträge finde ich interessant.

    Gefällt 1 Person

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    1. Hallo, herzlich Willkommen und vielen Dank.
      Ja, die Musen sind launisch, manchmal wohlgesonnen, manchmal muss man geduldig warten. 😉
      Der „Rundgang“ kam mehr oder weniger zu mir.

      Habe deinem Blog ebenfalls besucht und finde toll, was du tust. Letztlich sind Taten wichtiger, als Geschichten.
      Freue mich von dir zu lesen
      Peter

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