Gestra (3)

3.
Die junge Frau war vielleicht Ende zwanzig. Eine kleine, unscheinbare Person, deren weibliche Existenz ich, bis ich knapp 40 war, gar nicht zur Kenntnis genommen hätte. Ihr Haar war nicht lang und nicht kurz, nicht blond, nicht schwarz, ihre Brille machte unkenntlich, ob sie hübsch war, ihre Bekleidung betonte nix und ihre Stimme transportierte nichts als Worte. Lange waren solche, wie soll ich sagen, schlichte, einfache Frauen, neutrale Lebewesen für mich, deren Aufgabe darin bestand, als Sekretärin, als Verkäuferin beim Bäcker oder als Assistentin beim Zahnarzt, den Laden menschlichen Lebens ab Laufen zu halten. Wer sich mit ihnen fortpflanzen mochte, konnte das tun, bedeutungsfrei würde das Ergebnis bleiben.
Erst später, ja ich denke um die 40, hatte ich diese recht primitive Sichtweise überdenken gelernt und eingesehen, dass ich vielleicht mit einer solchen Frau hätte glücklich werden können, wäre ich in der Lage gewesen, mich in sie zu verlieben, beziehungsweise von ihnen geliebt zu werden.
In dem Alter, in dem ich mich befand, zeigte ich mich höflicher.
»Hallo Miss, entschuldigen Sie – ich dachte das Schild – ich dachte es wäre okay, mir das hier anzusehen. Aber scheint wohl ein altes Schild.«
Sie betrachtete mich skeptisch.
»Mit Verlaub«, sie sah an mir hoch und runter, »sie sehen nicht aus, wie einer unserer üblichen Besucher, die sich über die Sternwarte informieren wollen. Haben Sie unsere Homepage besucht? Da kann man sich anmelden.«
Ich räusperte.
»Ach, wissen Sie: ich war eher zufällig in der Gegend und musste meinen Wagen da hinten«, ich zeigte die Straße zurück, »stehen lassen und auf der Suche nach der nächsten Stadt oder Tankstelle kam ich hier vorbei und da dachte ich«.
»Sie schauen mal rein, verstehe. Aber da hatten sie etwas Pech, Sir. Wären sie statt nach Norden, nach Süden gelaufen, wären Sie nach kurzer Strecke bereits bei einer Tankstelle angekommen. Aber jetzt lohnt sich umkehren nicht mehr. Sie sind fast in Kennebunk.«
»Wo?«
»Kennebunk! Sie wissen schon, wo sie überhaupt sind?«
Jetzt wirkte sie etwas beunruhigt.
Ich hatte ehrlich begonnen und so wollte ich es weitermachen.
»Nein, Miss. Nicht genau. Ich hatte eine wilde Nacht. Ich bin wohl in einem Zustand gefahren, in dem man besser nicht fährt. Aber die Sternwarte hat mich wirklich interessiert. Auch, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie sie aus diesem kleinen Hüttchen die Sterne beobachten wollen.«
Meine Ehrlichkeit beruhigte sie nicht, aber sie nahm sie zur Kenntnis.
»Da kann ich Ihnen nur recht geben: Don´t drink and drive! Aber worin Sie sich irren, ist beim Eindruck unserer Anlage. Es sind sogar zwei Teleskope darin. Der obere Teil des Gebäudes ruht auf Schienen, wir können ihn wegfahren und die Sterne beobachten. Wir verfügen über ein Meade LX200 und ein f/15 Zeiss-Jena mit dem wir auch, im Tageslicht die Sonne beobachten können. Aber ich vermute mal, das sagt Ihnen beides nicht viel.«
Wäre ich jünger gewesen, wäre ich vermutlich rot geworden. So senkte ich nur den Blick.
»Da haben Sie recht. Sagt mir leider gar nichts. Wissen Sie ich habe mich für die Sterne immer interessiert und wollte irgendwann lernen die Sternbilder zu lesen, aber ich habe mir nie die Zeit genommen. Irgendwie war ich immer mit dem irdischen Handgemenge beschäftigt und kam nicht dazu, nachts nach den Sternen zu sehen.«
Zum ersten Mal lächelte sie, ein wenig.
»Das ist aber schade. Da haben Sie viel verpasst. Deshalb bieten wir hier Schulungen an. Meist, am nächsten Freitag nach Neumond, außer, wenn es regnet. Wir haben schon über 20000 Schüler und Erwachsene informiert und geschult. Wenn Sie in der Gegend Urlaub machen, können Sie beim nächsten Treffen, ist in drei Tagen, gerne dabei sein.«
»Das Miss ist sehr nett.«
»Können Sie mal aufhören mich Miss zu nennen? Aus welchem Jahrhundert sind Sie? Ich heiße Jez.«
»Wie die Musik?«
»Nein, von Jezebel.«
»Das war doch ein Lied von Sade?«
»Ja, eines der Lieblingslieder meiner Mutter.«
Ihrer Mutter! Scheiße, ich war älter, als die Sphinx.
»Und Sie sind?«
»Joe. Joe aus dem letzten Jahrhundert, wenn Sie so wollen. Und, ja das wäre nett. Aber ich weiß noch nicht, wie lange ich in der Gegend bin.«
»Wie Sie wollen. Aber, wenn Sie bleiben, können wir uns, um ihren Wagen kümmern und vielleicht hätte ich sogar ein nettes Zimmer für Sie, in Kennebunk. Ich wohne dort.«
Totsaufen in Kanada oder ein Zimmerchen in Kennebunk – na, Joe? Wie wählst du? Fragte ich mich im Stillen, voller Selbstverachtung.
»Also, Miss – sorry, ich meine Jez. Ich weiß nicht, ob ich drei Tage bleibe. Aber das mit dem Auto wäre cool. Ich würde dich gerne zum Essen, vielleicht zum Frühstück einladen. Wenn das nicht zu viel ist.«
»Nein, gar nicht. Mein Wagen steht da hinten. Ich wollte nur ein paar Flaschen Wasser für den Freitag schon mal abstellen. Heute kannst du hier nicht viel mehr sehen. Ist ein bisschen Aufwand, dass Dach wegzuschieben.«
»Keine Mühe!«
»Also fahren wir?«
»Ja, cool, komm!«

01/21 PGF

3.
The young woman was perhaps in her late twenties. A small, inconspicuous person whose female existence I would not have noticed until I was almost 40. Her hair was not long and not short, not blond, not black, her glasses made unrecognizable whether she was pretty, her clothing emphasized nothing and her voice transported nothing but words. For a long time such, how shall I say, plain, simple women, were neutral creatures for me, whose task was to keep the store of human life running as a secretary, as a saleswoman at the bakery or as an assistant at the dentist. Who liked to reproduce with them, could do that, the result would remain meaningless.
Only later, yes I think around 40, I had learned to rethink this rather primitive view and realized that I might have been happy with such a woman, had I been able to fall in love with them, respectively to be loved by them.
At the age I was, I showed myself more polite.
„Hello miss, sorry – I thought the sign – I thought it would be okay to look at this. But seems like an old sign, I guess.“
She looked at me skeptically.
„With respect,“ she looked me up and down, „you don’t look like one of our usual visitors who want to find out about the observatory. Have you visited our home page? That’s where you can sign up.“
I cleared my throat.
„Oh, you know: I was in the area rather by chance and had to leave my car back there,“ I pointed back down the road, „and looking for the next town or gas station I came by here and so I thought.“
„You’ll take a look, I see. But you were a little unlucky there, sir. If you had gone south instead of north, you would have arrived at a gas station after a short distance. But now it’s not worth turning back. You’re almost at Kennebunk.“
„Where?“
„Kennebunk! You do know where you are anyway?“
Now she looked a little worried.
I had started honestly and that was how I wanted to keep it going.
„No, miss. Not exactly. I had a wild night. I guess I was driving in a state where it’s better not to drive. But the observatory really interested me. Also, because I can’t imagine how you’d want to watch the stars from that little shack.“
My honesty did not reassure her, but she took note of it.
„I couldn’t agree more: Don’t drink and drive! But what you are wrong about is the impression of our facility. There are actually two telescopes in it. The top one rests on rails, and we can drive it away and watch the stars. We have a Meade LX200 and an f/15 Zeiss-Jena with which we can also, in daylight observe the sun. But I guess that doesn’t mean much to you either way.“
If I had been younger, I probably would have blushed. As it was, I just lowered my gaze.
„You’re right about that. Doesn’t mean anything to me, I’m afraid. You know I’ve always been interested in the stars and wanted to learn to read the constellations at some point, but I never took the time. Somehow I was always busy with the earthly melee and never got around to looking at the stars at night.“
For the first time, she smiled, a little.
„That’s too bad, though. You missed a lot there. That’s why we offer training here. Mostly, the next Friday after the new moon, unless it rains. We have already informed and trained over 20000 students and adults. If you are vacationing in the area, you are welcome to attend the next meeting, is in three days.“
„Miss – thats very nice.“
„Can you stop calling me Miss? What century are you from? My name is Jez.“
„Like the music?“
„No, like Jezebel.“
„That was a song by Sade, wasn’t it?“
„Yes, one of my mother’s favorite songs.“
Her mother! Shit, I was older than the Sphinx.
„And you are?“
„Joe. Joe from the last century, if you will. And, yeah that would be nice. But I don’t know how long I’ll be around yet.“
„Suit yourself. But, if you stay, we can, take care of your car and maybe I’d even have a nice room for you, in Kennebunk. I live there.“
Boozing it up in Canada or getting a room in Kennebunk – well, Joe? How do you choose? I asked myself silently, full of self-loathing.
„Well, miss – sorry, I mean Jez. I don’t know if I’ll stay three days. But the car thing would be cool. I’d like to take you out to dinner, maybe breakfast. If that’s not too much.“
„No, not at all. My car’s back there. I just wanted to put a couple bottles of water down for Friday already. You can’t see much else here today. It’s a bit of a hassle to push that roof away.“
„No effort!“
„So we’re driving?“
„Yeah, cool, come on!“

01/21 PGF

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