Gestra (5)

5.
Während wir frühstückten erzählte mir Jez, dass sie ursprünglich aus Portland kam. Ihre Eltern besaßen eine Brauerei in Portland und es war klar, dass sie nie würde einen Finger krümmen müssen, um zu arbeiten, weil die Geschäfte erstklassig liefen und man solide wirtschaftete.
Ihr Dad, mehr als ihre Mum hatten Wert daraufgelegt, dass sie sich eine Aufgabe suchte, ganz gleich, ob ehrenamtlich oder mit Masterabschluss, um eine Existenzberechtigung für die Allgemeinheit nachzuweisen.
Nach verschiedenen Versuchen als Konditorin, Schreinerin, Erntehelferin (auf einem Biohof), hatte sie sich schließlich doch zu einem Studium entschieden und arbeitete nun, als Grundschullehrerin an der Elementary in Kennebunk.
»Wohin ich durch meinen letzten Freund kam, der sich, nachdem wir zwei Jahre geplant hatten, in den nächsten Jahren, eine Farm zu kaufen und als Selbstversorger zu leben, plötzlich für ein Leben in New York entschied. Während ich die Schönheit von Kennebunk entdeckte: klein, grün, schön. Ich will nicht mehr zurück in die Stadt, egal ob New York, Philadelphia oder Portland. Ich will ein einfaches, ein bescheidenes Leben, das der Umwelt nicht schadet und die Zukunft sichert.«
»Und du unterrichtest jetzt?«
»Ja, an der Elementary. Anfangs bin ich nur deshalb geblieben, als wir uns trennten. Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, meine Klasse aufzugeben. Nachdem das Schuljahr vorüber war, hatte ich Ken vergessen, neue Freunde gefunden und über eine Kollegin landete ich bei »Starfield Observatory« Das war als würden sich alle Teile zusammenfügen.«
»Auch die Sache mit dem Bio-Leben?«
»Ja.«
»Kann ich mir schwer vorstellen, also Sterne und Biofarm.«
»Erklär ich dir, wenn wir mal draußen, beim Observatorium sind.«
Sie schob den Teller von sich.
»Schaffst du nach was? Die Waffeln mit Himbeersauce haben mir den Rest gegeben.«
Ich warf einen Blick auf die Tischkarte, die neben mir lag.
»Was hältst du von einem Kaffee?«
»Eine kleine Tasse wäre okay.«
Ich hob die Hand und orderte zwei Kaffee, einmal klein, einmal groß, beide To-Go.
»Soll man eigentlich nicht.« Fiel mir plötzlich ein. »Wegen dem Abfall – oder?«`
»Bei Mike ist das okay. Die Becher sind Mehrweg und der hier«, sie zeigte auf den Strohhalm, »aus Papier, kein Plastik. Ich weiß schon, wo ich essen gehe.«
Ich nickte anerkennend.
Als wir unsere Becher hatten, zahlte ich für uns beide und wir gingen nach draußen, zu Jez Volvo.
Während ich mich anschnallte meine sie: »Ich finde wir sollten erst dein Auto holen. Heute Nachmittag wird das Meer etwas wilder. Ich finde es schön, am Strand zu gehen, wenn die Wellen tosen.«
Sie überraschte mich mit ihrer Offenheit, als wäre ich ein uralter Freund, mit dem man ganz selbstverständlich, auch nach Jahren ohne Kontakt, ganze Tage verbringt.
»Ich wage nicht zu widersprechen.«
Sie spitzte die Lippen zufrieden.
»Wie meine Kleinen, die wissen auch, wann sie besser auf mich hören.«
Wir fuhren die Strecke zurück, die der glich, die wir auf dem Herweg genommen hatten. Langsam machte ich mir Gedanken, wie sie wohl reagieren würden, wenn sie mein Auto, die leeren Flaschen, den Whiskey und alles andere sehen würde.
Entweder hatte ich es gut beschrieben oder sie kannte sich verdammt gut aus, jedenfalls fand sie auf Anhieb den Standstreifen, auf dem mein Wagen stand.
»Und fährst du mir nach?«
Sie schaltete den Motor nicht ab.
Ich zögerte.
»Das ist etwas schwierig. Ich – ich« raus damit! Rief ich mir zu.
»Ja?«
»Ich habe keinen Führerschein.«
»Du bist von Florida, ohne Führerschein?«
»Exakt.«
Sie schüttelte den Kopf und schaltete den Motor aus.
»Dann komm.«
Wir stiegen aus und gingen zu meinem Wagen. Sie sah schon durch die Scheiben die leeren Flaschen die darin lagen.
»Die hast du geleert?«
»Vermutlich.«
»Joe, du hast ein Problem!«
»Ahh – nein!«
»Doch, das hast du. Meine Eltern haben eine Brauerei. Ich habe schon früh gesehen, was aus dem wird der säuft und aus dem der gern ein Gläschen zum Essen trinkt. Weißt du, du stinkst nach Whiskey. Aber ich dachte, das sei die Dummheit einer Nacht. Aber das?«
Sie zeigte auf die Flaschen.
Ich schwieg bockig und fühlte mich ertappt.
Jez dachte nach.
»Also, mach die Tür auf. Wir räumen den Mist nach hinten, dann fahr ich dich zu der Tankstelle von der ich dir erzählt habe. Der Eigentümer wird dir den Wagen abkaufen und uns zurück zu meinem Wagen bringen.«
Sie sah mir streng in die Augen.
»Anschließend mach´ was du für richtig hältst. Wenn du dich tot saufen willst, mach das. Dein Problem. Aber ich biete dir an – ein letztes Mal – dir ein Zimmer zu suchen, wo du für ein paar Tage bleiben kannst.«
Ich brauchte einen Moment, um zu verstehen, warum ein wildfremder Mensch sich so ernsthaft mit mir auseinandersetzte. Was wollte sie? Wir kannten uns ja kaum. Aber in ihren Augen konnte ich es lesen: es gab eine Welt, es gab eine Idee davon, in der war kein Mensch dem anderen gleichgültig, egal wie nah oder fern sie sich standen.
Selbst mein Sarkasmus verstummte.
»Danke.«
Mehr brachte ich nicht hervor.

01/21 PGF

5.
While we were eating breakfast, Jez told me that she was originally from Portland. Her parents owned a brewery in Portland and it was clear that she would never have to lift a finger to work because business was first class and they were solid.
Her dad, more than her mum had made it a point for her to find a job, whether it was volunteering or earning a master’s degree, to prove a raison d’être for the community.
After various attempts as a pastry chef, carpenter, harvester (on an organic farm), she had finally decided to go to college and was now, working as an elementary school teacher at Kennebunk Elementary.
„Where I came from my last boyfriend, who, after two years of us planning to buy a farm and live as self-supporters over the next few years, suddenly decided to live in New York. While I discovered the beauty of Kennebunk: small, green, beautiful. I don’t want to go back to the city, whether it’s New York, Philadelphia or Portland. I want a simple life, a humble life that doesn’t harm the environment and secures the future.“
„And you’re teaching now?“
„Yes, at Elementary. At first, the only reason I stayed was when we split up. I wouldn’t have had the heart to give up my class. After the school year was over, I forgot about Ken, made new friends, and through a colleague, I ended up at „Starfield Observatory“ It was like all the pieces fell into place.“
„Even the organic life thing?“
„Yeah.“
„I find that hard to imagine as stars and organic farming.“
„I’ll explain once we’re outside, at the observatory.“
She pushed the plate away from her.
„Can you manage after what? The waffles with raspberry sauce did me in.“
I glanced at the place card lying beside me.
„What do you think about a coffee?“
„A small cup would be fine.“
I raised my hand and ordered two coffees, one small, one large, both to-go.
„You’re not supposed to.“ I suddenly remembered. „Because of the waste – right?“`
„It’s okay at Mike’s. The cups are reusable and this one,“ she pointed to the straw, „is paper, no plastic. I already know where I’m going to eat.“
I nodded appreciatively.
Once we had our cups, I paid for both of us and we went outside, to Jez Volvo.
While I was buckling up she said, „I think we should get your car first. This afternoon the ocean is going to be a little wilder. I think it’s nice to walk on the beach when the waves are roaring.“
She surprised me with her openness, as if I were an ancient friend with whom one spends whole days as a matter of course, even after years without contact.
„I dare not disagree.“
She pursed her lips in satisfaction.
„Like my little ones, they know when they’d better listen to me, too.“
We drove back the way we had come on the way here. Slowly I worried about how they would react when they saw my car, empty bottles, whiskey and all.
Either I had described it well or she knew her way around pretty darn well, in any case she found the hard shoulder where my car was parked right away.
„And are you going to follow me?“
She didn’t turn off the engine.
I hesitated.
„That’s a little difficult. I – I“ get out of it! I shouted to myself.
„Yes?“
„I don’t have a driver’s license.“
„You’re from Florida, with no license?“
„Exactly.“
She shook her head and turned off the engine.
„Come on, then.“
We got out and walked to my car. She could already see through the windows the empty bottles that were inside.
„You emptied those?“
„I guess.“
„Joe, you’ve got a problem!“
„Ahh – no!“
„Yes, you do. My parents have a brewery. I saw early on what happens to the guy who drinks and the guy who likes a little glass with dinner. You know, you smell like whiskey. But I thought that was the stupidity of a night. But this?“
She pointed to the bottles.
I was petulantly silent, feeling caught.
Jez mused.
„So, open the door. We’ll clear this crap out back, then I’ll drive you to that gas station I told you about. The owner will buy the car from you and take us back to my car.“
She looked me sternly in the eye.
„After that, do what you think is right. If you want to drink yourself to death, do that. Your problem. But I’m offering – one last time – to find you a room to stay in for a few days.“
It took me a moment to understand why a complete stranger was so serious about me. What did she want? After all, we hardly knew each other. But in her eyes I could read it: there was a world, there was an idea of it, in which no person was indifferent to the other, no matter how close or far they were.
Even my sarcasm fell silent.
„Thank you.“
That was all I could bring myself to say.

01/21 PGF

4 Kommentare

    1. Da müsst ihr nur Corona abwarten, einen Flug nach Portland buchen und schwupps nach Kennebunk fahren, das Mikes gibt es tatsächlich und sieht wirklich nett aus. 🙂
      Hmm … jetzt weiss ich nicht – weil ich freu mich ja, dass du den Ältesten liest – aber die Lücke kannst du nicht ganz schließen, denn es gibt einen 2. Teil, der weder auf dem Blog noch sonst veröffentlicht ist.
      Ich wollte nach dem „live“ schreiben des Ältesten mal wieder das Schreiben im stillen Kämmerlein ausprobieren. 👨‍💻
      Bei den Themen: mache ich weiter mit Veröffentlichungen (und kann ich mir das leisten), schreibe ich nur auf dem Blog (und habe Schreiben und Arbeiten als Doppelbelastung) oder schreib ich meine Geschichten wieder für mich (und verzichte auf die Freude von Likes und Kommentaren) bin ich noch unentschlossen.
      Hei, jetzt bin ich fast so ehrlich wie Joe 😉
      Schönen Abend euch
      Peter

      Gefällt 3 Personen

      Antworten

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.