Gestra (6)

6.
Die nächste halbe Stunde verdaute ich Jezebels nüchterne Analyse meiner aktuellen Situation und redete nur so viel, wie ich musste.
Sie fuhr, mit mir auf dem Beifahrersitz, meinen Wagen zu der Tankstelle, die sie erwähnt hatte, wo wir ihn Billy, dem Eigentümer, vorstellten.
Der sah sich den Wagen erst von außen an, überprüfte den Motorraum, dann den Innenraum und amüsierte sich, als er den Kofferraum öffnete über den Whiskey darin.
»Gibt es für die Kisten Jack Daniels Rabatt, wenn die drinbleiben?«
Und lachte laut los, als ich sagte: »Der ist eigentlich nicht«, und Jez mich unterbrach mit: »Der ist kostenlos dabei.«
Er schlug den Kofferraum zu und meinte: „Dann halte ich mich an Jezzi.«
Whiskey hin und her, er machte mir einen guten Preis und lud uns sogar noch zu einer Pizza bei sich ein, die erstklassisch schmeckte.
Als wir satt waren, brachte er uns mit dem Abschleppwagen zu Jez Wagen und klapperte dann davon.
»So, dass erste hätten wir.« Sagte Jez, während sie Billy nachsah.
Ich nahm an, sie sagte, dass, im gleichen Tonfall, wenn die Kinder das Alphabet zum ersten Mal fehlerfrei rezitiert hatten.
»Erst das Zimmer oder erst der Atlantik?«
Sie machte gar keine Pause, während sie mein Leben übernahm.
An der Leichtigkeit, mit der ihr das gelang, merkte ich, wie wenig von mir selbst, nach den letzten Wochen, übriggeblieben war.
Mit letzter Kraft zu Selbstbestimmung meinte ich: »Ich glaube, ich brauche jetzt ein bisschen Meeresluft.«
Sie inspizierte mich, offenbar zufrieden mit der Erschütterung »der Macht« und nickte meinen Wunsch ab.
»Ja, lass uns zum Meer fahren. Nach einem Zimmer für dich, sehen wir später.«
Während der Nachmittag zunehmend das Licht dämmte, fuhren wir die Strecke vom Vormittag ein drittes Mal, aber ich bereute die Entscheidung nicht.
Sie hatte mir nicht zu viel versprochen.
Als wir, die ersten Schritte, entlang der Brandung, die Küste hinauf spazierten, wurde mir bewusst, wie lange ich nicht mehr das Meer genossen hatte. Für viele waren vermutlich die weißen, geleckten Strände, die ich in Florida gesehen hatte, wesentlich anziehender, als die graue, kieselige und verfranzte Bucht, die wir entlangliefen. Aber für mich war das der richtige Ort. Der Himmel war weitgehend blau, nur einige Kumulus-Wolken zogen, in hohem Tempo vorbei. Das Meer darunter, eine graue, stürmische Weite, in der von fern, hohe Wellen heranrollten und sich dann gegen die Küste entluden, wirkte streng und feindselig. Die Buchten waren nicht gesäumt mit Palmen und kleinen Imbissständen, sondern das Inland ragte mit dürrem Gestrüpp soweit es konnte bis in die Gischt und entlang des Küstenabschnitts standen einige große, verlassene Herrenhäuser, aus denen das Leben schon fünf Jahrzehnte verschwunden war.
»Kommst du oft hier her?«
Ich musste die Stimme heben, um gegen den Wind anzukommen.
Jez hatte die Hände in den Taschen in ihrer Jacke vergraben und den Kragen hochgestellt.
»So oft ich kann. Im Sommer ist hier mehr los. Aber jetzt ist das Wasser kalt und die Touristen, die wir im Sommer ganz ordentlich haben, bleiben aus. Ich mag beides, also alles: das Frühjahr, den Sommer, Herbst und Winter. Das Meer ist ein weiterer Grund, weshalb ich hiergeblieben bin. Es macht meinen Kopf frei, wenn ich hier bin. Hast du lange in Florida gelebt?«
»Nein, nein, hat mir nicht besonders gefallen. Ich bin dort nur gelandet, weil ich einem Freund einen Gefallen getan habe.«
»Und davor?«
»Da war ich in Utah, in einem Ort namens Ogden. Der war auch schön.«
»Weshalb bist du nicht geblieben?«
Ich drehte den Kopf etwas zur Seite, als wolle ich mich gegen den Wind schützen.
»Wegen einer Frau.« Mutmaßte Jez.
»Auch. Es ist ein bisschen kompliziert. Wenn ich die letzten 24 Monate aufschreiben würde, dann wäre die Zeit in Florida, der unveröffentlichte Teil. Vielleicht auch besser so.«
»Aber dann weiß ja keiner, weshalb es dir in Kennebunk geht, wie es dir geht.«
»Denkst du ernsthaft Menschen verstehen einander?«
Sie hakte sich bei mir ein.
»Ja, wenn sie nüchtern sind und bleiben, verstehen sie sich. Nur, wenn sie sich betäuben mit Schnaps, Sex, Arbeit, Koks oder Religion, klappt das nicht mehr.«
»Du hast nicht auch noch Psychologie studiert?«
»Nein, aus mir spricht nur die Liebe des Herzens.«
Sie drückte sich an mich und ich genoss ihre Nähe.
»Du bist eine Romantikerin?«
»Klar. Wie soll man sonst leben. Die Deutschen haben einen Dichter. Er heißt Goethe.«
»Den kenne ich.«
»Der hat geschrieben: Wer nicht mehr liebt und nicht mehr irrt, der lasse sich begraben. Das finde ich sehr schön.«
»In der Kategorie irren habe ich einiges vorzuweisen.«
»Gehört auch dazu.«
Ich atmete durch, genoss die salzige Luft, Jezebels Nähe, das Gefühl, dass es in meinem Leben gerade kein Davor und Danach gab, dass in diesem Moment alles gut, alles richtig war.
»Vielleicht bleibe ich doch ein paar Tage in Kennebunk. Vielleicht ist das kein Fehler.«
Jez nickte.
»Schön. Dann zeige ich dir, wo du, nach dem Spaziergang, ein Zimmer finden kannst.«
Ich wollte fragen, ob dort eine Bar in der Nähe war, aber ich ließ es. Für den Moment nahm ich mir vor, die Dinge mal wieder etwas nüchterner zu betrachten.

01/21 PGF

6.
For the next half hour, I digested Jezebel’s sober analysis of my current situation and talked only as much as I had to.
She drove my car, with me in the passenger seat, to the gas station she had mentioned, where we presented it to Billy, the owner.
He looked at the car first from the outside, checked the engine compartment, then the interior, and when he opened the trunk, was amused by the whiskey inside.
„Do I get a discount on those cases of Jack Daniels if they stay in there?“
And laughed out loud when I said, „It ain’t, actually,“ and Jez interrupted me with, „It comes free.“
He slammed the trunk shut and said, „I’ll stick with Jezzi then.“
Whiskey back and forth, he gave me a good deal and even invited us to have pizza at his place, which tasted top notch.
When we were full, he took us to Jez’s car in the tow truck and then rattled away.
„Well, that’s one.“ Jez said as she checked on Billy.
I assumed she was saying that, in the same tone of voice when the kids first recited the alphabet flawlessly.
„Room first or Atlantic first?“
She didn’t pause at all as she took over my life.
By the ease with which she managed it, I realized how little of myself, after the last few weeks, was left.
With the last of my strength to self-determination, I said, „I think I need some sea air right now.“
She inspected me, apparently satisfied with the shock of „the Force,“ and nodded off my request.
„Yes, let’s go to the sea. After a room for you, we’ll see later.“
As the afternoon increasingly dimmed the light, we drove the route of the morning a third time, but I did not regret the decision.
She had not promised me too much.
As we walked, the first steps, along the surf, up the coast, I realized how long it had been since I had enjoyed the sea. For many, the white, licked beaches I had seen in Florida were probably much more appealing than the gray, pebbly, frayed bay we were walking along. But for me, this was the place. The sky was mostly blue, with only a few cumulus clouds passing by, at high speed. The sea below, a gray, stormy expanse where, from afar, high waves rolled in and then unloaded against the shore, seemed stern and hostile. The bays were not lined with palm trees and small snack stands, but the inland towered with arid scrub as far as it could reach into the spray, and along the coastline stood a few large, abandoned mansions from which life had been gone for five decades.
„Do you come here often?“
I had to raise my voice to fight the wind.
Jez had her hands buried in the pockets inside her jacket and her collar turned up.
„As often as I can. It’s busier here in the summer. But now the water’s cold and the tourists we have pretty neatly in the summer stay away. I like both, so everything: spring, summer, fall and winter. The sea is another reason why I stayed here. It clears my head when I’m here. Did you live in Florida for a long time?“
„No, no, didn’t like it very much. I only ended up there because I was doing a favor for a friend.“
„And before that?“
„I was in Utah then, in a place called Ogden. That was nice, too.“
„Why didn’t you stay?“
I turned my head a little to the side, as if to shield myself from the wind.
„Because of a woman.“ Jez speculated.
„Also. It’s a little complicated. If I were to write down the last 24 months, the time in Florida, would be the unpublished part. Maybe better that way, too.“
„But then no one knows why you’re doing the way you’re doing in Kennebunk.“
„Do you seriously think people understand each other?“
She hooked up with me.
„Yes, when they’re sober and stay sober, they understand each other. It’s only when they numb themselves with booze, sex, work, coke, or religion that it doesn’t work anymore.“
„You didn’t study psychology as well?“
„No, only the love of the heart speaks from me.“
She pressed herself against me and I enjoyed her closeness.
„You’re a romantic?“
„Sure. How else can you live. The Germans have a poet. His name is Goethe.“
„I know him.“
„He wrote: ‚He who no longer loves and no longer errs, let him be buried.‘ I think that’s very beautiful.“
„I have a lot to show in the category of being wrong.“
„Belongs, too.“
I took a breath, enjoying the salty air, Jezebel’s closeness, the feeling that there was no before and after in my life right now, that in this moment everything was good, everything was right.
„Maybe I’ll stay in Kennebunk for a few days after all. Maybe that’s not a mistake.“
Jez nodded.
„Fine. Then I’ll show you where, after the walk, you can find a room.“
I wanted to ask if there was a bar nearby, but I didn’t. For now, I resolved to take a more sober look at things.

01/21 PGF

6 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.