Gestra (8)

8.
Jez ließ sich, am nächsten Tag, spät nachmittags im »Bufflehead« blicken und sie war, so mir nichts dir nichts, wieder da, dass ich mich einfach freute sie wiederzusehen.
Es war bis dahin, ein milder, sonniger Tag, als hätte sich der Herbst nun eingelebt, den Sommer erfolgreich verdrängt und sei sich seiner gewiss, dass der Winter noch eine Weile auf Abstand zu halten war.
»Hast du schon etwas vor?«
Mir schien die Frage fremd, denn, wenn ich ehrlich war, hatte ich gar nichts tun können, außer zu warten bis sie kam. Aber natürlich war sie vollkommen richtig.
»Bislang nicht. Muss im Internet mal nachsehen, was es hier an Attraktivitäten gibt. Hörte das »Starfield Observatory« soll einen Besuch wert sein.«
»Da«, sie strahlte mich an, »habe ich hervorragende Nachrichten. Du bekommst heute Abend, eine kleine Sondervorstellung, wenn du hilfst, die Veranstaltung morgen Abend vorzubereiten.«
»Das heißt?»
»Alle Getränke vorbereiten. Ich habe bislang ja nur das Wasser gebracht. Stühle und Bänke putzen, den Grill testen, das Schienensystem überprüfen – ach! Eine ganze Menge.«
»Ich bin dabei.«
»Ja, dann los.«
Wir fuhren raus zum Observatorium und Jez parkte an der gleichen Stelle, wie beim letzten Mal.
»So, im Kofferraum sind noch Säfte, Softdrinks und Milch. Vielleicht machen wir morgen Eggnog.«
»Ich nehme an alkoholfrei.«
»Du hast das Zeug zum Propheten.«
Die nächste Stunde verbrachte Jez damit, mich als Volontär auszunutzen. Aber ich würde lügen, wenn ich behauptete, es hätte mir nicht gutgetan. Es war das Beste, was ich in den letzten Monaten getan hatte: bei etwas mithelfen, was Wissen und Gemeinschaft von Menschen fördert. Das war ein tolles Gefühl.
Als wir alles so weit hatten, wie Jez wollte, sagte sie – und unterstrich es mit einer großen Bewegung ihrer Arme: »Nun ist es so weit zu sehen, ob das Schienensystem funktioniert. Wir schieben das Dach weg und, wenn alles gut klappt, erhältst du einen ersten kleinen Blick in die Weite des Alls.«
Ich weiß nicht, ob das so eine Sache aus früher Kindheit war oder eine archaische Sehnsucht, dass über uns zu begreifen, aber für einen Moment, fühlte ich eine tiefe Ehrfurcht, als dürfe ich, mit einer Zaubermacht, hinter den Schleier der Wirklichkeit sehen.
Jez löste die Arretierungen des Gebäudes und der obere Teil, ließ sich, nur mit etwas Anstrengung, vom Unterbau trennen, sodass es kurz aussah, als stünden zwei Häuser neben einander.
Die beiden Teleskope waren ordentlich groß, wobei das Meade deutlich größer war, als das von Zeiss.
Während Jez sich daran machte, einen Blick in den Kosmos vorzubereiten, sah ich mich, im ganz irdischen Umfeld um. Das war ein schöner Platz, einer, wie ihn Menschen schaffen, die lange gemeinsam am gleichen Ort leben und miteinander vertraut sind. Es war an bequeme Stühle gedacht, stabile Becher, der Kühlschrank war groß genug, damit niemand ein warmes Wasser trinken musste und es gab Karten und Würfel, für jene die gerade nicht die Sterne beobachten wollten.
»Joe.«
»Ja?«
»Bist du bereit?«
Ich war tatsächlich ein wenig aufgeregt und verdammt nüchtern.
»Ich kann es kaum abwarten.«
Sie trat einen Schritt zurück und meinte: »Man kann sich das mittlerweile auch auf dem Bildschirm ansehen, aber es ist viel authentischer mit den eigenen Augen.«
Ich lehnte mich vor und sah durch das Okular. Im ersten Moment sah ich nichts, was ich nicht in etwa so erwartet hätte, dafür sah ich, was mich auch früher schon abgeschreckt hatte: toten Raum. Das war nichts, nichts was dem Menschen eine Heimat sein konnte, leerer, kalter, toter Raum.
»Da fliegt so was großes, rundes mit grünen Köpfen drin. Das ist schon normal?« Spöttelte ich und erhielt einen Stoß mit dem Ellbogen.
»Komm schon! Was siehst du?«
»Sterne, viel näher als sonst, aber immer noch ohne Shopping Mall.«
Ich fühlte Jez, die näher kam.
»Du siehst das Sternbild Schwan. Versuche dir alle Sterne zu merken, die ihn bilden. Siehst du ihn?«
»Das was aussieht, wie ein gekrizeltes Kreuz?«
»Genau. Merke dir so viele davon wie möglich, für morgen.«
»Warum? Muss ich die morgen aufzählen?«
»Vielleicht.«
Ich lehnte mich zurück, weil mir die Haltung im Nacken wehtat und wäre beinah gegen Jez gestoßen.
Es war, als käme ich zurück auf die Erde und stünde neben einem heimlichen Sternenkind. Ihre Augen glänzten, wie es wohl für einen Menschen üblich war, der beinah täglich zwischen der Unendlichkeit des Meeres und der Sterne hin und her wechselte und das Staunen nicht verlor. Was für ein wundervoller Lebenshunger.
»Danke, Jez. Ich muss ja immer blöde Sprüche machen, aber es ist schön, in der unberührten Sternenwelt.«
Sie versorgte das Teleskop.
»Da täusche dich mal nicht. Selbst da oben, haben wir unsere Spuren hinterlassen.«
»Du meinst auf dem Mond.«
Sie boxte mich zärtlich mit dem Ellbogen.
»Du weißt nicht besonders viel.«
Nun, dachte ich, ich kenne einige Whiskey-Sorten, ich weiß, wie man einen Flüchtigen verprügelt, ohne, dass er das, bei der Kautionsverhandlung gegen einen verwenden kann und welche Kniffe den Ladys besondere Freude bereiten. Im rein wissenschaftlichen Sinn war das aber vermutlich nicht beeindruckend.
»Was sollte ich denn wissen?«
»Nun, du hast mich letztens gefragt, was Umweltschutz und Astronomie miteinander zu tun haben. Ich sage dir: immer mehr! Der Weltraummüll, der die Erde umkreist nimmt immer stärker zu. Mehr als eine halbe Million Objekte, größer, als die Fingerkuppe deines kleinen Fingers kreisen schon da oben. Die sind ein echtes Problem für die Raumfahrt.«
»Und, wie entsteht der? Werfen die Astronauten ihre Snickers-Packung aus dem Fenster?«
»Fast. Das beginnt mit missionsbedingten Objekten, wie Sprengbolzen, rührt von Zusammenstößen und von der ISS, deren Oberfläche, wie auf der Erde, durch Gebrauch Substanz verliert. Die USA haben mit dem Space Fence schon länger ein System, um die Entwicklung zu beobachten. Die Deutschen steigen gerade mit einem System namens Gestra ein, um sich ein eigenes Bild zu machen. Es ist ein eher schwaches System und trotzdem glaube ich, dass die Europäer schneller etwas aus ihren Beobachtungen ableiten, als wir. Bei uns bin ich nie sicher, ob wir den Müll da oben beobachten, weil uns der Müll Sorgen macht oder, ob irgendein paranoider CIA-Vorgesetzter Sorge hat, dass da oben jemand etwas in unserem Müll versteckt, was uns angreifen oder überwachen könnte.«
Ich war, was Sicherheitsthemen anging, berufsbedingt konservativ und meinte: »Das ist ihr Job. Ich meine, mit allem zu rechnen.«
»Das kann ja sein. Ich meine auch nicht irgendwelche Verschwörungsdinger. Mir geht es eher darum, dass sie ihre Zeit damit verschwenden Agenten zu spielen, während wir uns langsam Gedanken machen sollten, wie wir den Müll, den wir überall hinterlassen, wegräumen und die Schäden stoppen, von dem was wir schon angerichtet haben.«
»Ich glaube, du bist die erste Weltraum-Umwelt-Aktivistin die ich kennenlerne.«
»Das klingt fast, wie ein Kompliment.«
»Das ist es! Und ganz ehrlich, ich freue mich schon jetzt, auf morgen Abend.«
Sie wurde tatsächlich rot.
»Wir hätten ja auch noch heute Abend“, meinte sie und ich spürte, wie sie die Aufregung in ihrer Stimme unterdrückte.
»Den nicht zu vergessen. Auch, wenn ich ein lausiger Gesprächspartner, bei Wasser bin.«
»Dabei bleibt es.«
»Gut.«
Sie musterte mich streng.
»Hilf mir zusammenräumen.«
»Mach ich, Miss.«

01/21 PGF

8.
Jez let herself be seen, the next day, late in the afternoon at the „Bufflehead“ and she was, so nothing to me, back that I was just happy to see her again.
It was by then, a mild, sunny day, as if autumn had now settled in, successfully supplanted summer and was certain of it, that winter was still a while away.
„Do you have any plans?“
To me the question seemed strange, for, if I were honest, I had not been able to do anything at all except wait until she came. But, of course, she was absolutely right.
„So far, no. Will have to check the Internet to see what attractions are here. Heard the Starfield Observatory is worth a visit.“
„There,“ she beamed at me, „I have excellent news. You get tonight, a little special performance, if you help set up for tomorrow night’s event.“
„Meaning?“
„Getting all the drinks ready. After all, I’ve only brought the water so far. Clean the chairs and benches, test the grill, check the track system – ah! A whole lot.“
„I’m on it.“
„Yeah, let’s do it.“
We drove out to the observatory and Jez parked in the same spot as last time.
„So, there are still juices, soft drinks and milk in the trunk. Maybe we’ll make eggnog tomorrow.“
„I’m assuming non-alcoholic.“
„You’ve got the makings of a prophet.“
Jez spent the next hour trying to exploit me as a volunteer. But I’d be lying if I said it didn’t do me good. It was the best thing I had done in months: helping out with something that promoted knowledge and community among people. That was a great feeling.
When we had everything as far as Jez wanted, she said – punctuating it with a big movement of her arms, „Now it’s time to see if the rail system works. We’ll push the roof away and, if all goes well, you’ll get your first little glimpse of the vastness of space.“
I don’t know if this was one of those things from early childhood or an archaic longing to grasp that about us, but for a moment, I felt a deep sense of awe, as if I were being allowed, with some magical power, to see behind the veil of reality.
Jez loosened the locks of the building and the upper part, only with some effort, could be separated from the substructure, so that it briefly looked as if two houses were standing next to each other.
The two telescopes were of decent size, the Meade being considerably larger than the Zeiss one.
While Jez set about preparing a view of the cosmos, I looked around, at the very terrestrial environment. It was a nice place, one like people create who live together in the same place for a long time and are familiar with each other. Comfortable chairs had been thought of, sturdy mugs, the refrigerator was large enough so that no one had to drink a hot drink of water, and there were cards and dice for those who didn’t want to watch the stars right now.
„Joe.“
„Yeah?“
„You ready?“
I was actually a little excited and pretty darn sober.
„I can’t wait.“
She took a step back and said, „You can watch it on the screen by now, but it’s much more authentic with your own eyes.“
I leaned forward and looked through the eyepiece. In the first moment I saw nothing that I would not have expected to see in the same way, but I saw what had put me off before: dead space. This was nothing, nothing that could be a home to man, empty, cold, dead space.
„There’s something big, round with green heads flying in it. That’s normal already?“ I scoffed and received a nudge with my elbow.
„Come on! What do you see?“
„Stars, much closer than usual, but still without a shopping mall.“
I felt Jez coming closer.
„You’re seeing the constellation Swan. Try to remember all the stars that make it up. Do you see it?“
„The one that looks like a crinkled cross?“
„That’s right. Memorize as many of them as you can for tomorrow.“
„Why? Do I have to list them tomorrow?“
„Maybe.“
I leaned back because the posture hurt my neck and almost bumped into Jez.
It was like coming back down to earth and standing next to a secret starlet. Her eyes shone, as they probably did for a person who switched back and forth between the infinity of the sea and the stars almost every day and never lost his sense of wonder. What a wonderful hunger for life.
„Thank you, Jez. I always have to say stupid things, but it’s beautiful, in the pristine star world.“
She supplied the telescope.
„Make no mistake about it. Even up there, we’ve left our mark.“
„You mean on the moon.“
She boxed me tenderly with her elbow.
„You don’t know very much.“
Well, I thought, I know a few varieties of whiskey, I know how to beat up a fugitive without letting him use that, against you at the bail hearing, and what tricks give the ladies special pleasure. In a purely scientific sense, though, it probably wasn’t impressive.
„What should I know?“
„Well, you asked me the other day what environmentalism and astronomy had to do with each other. I’ll tell you: more and more! The space debris orbiting the Earth is increasing at an ever-increasing rate. More than half a million objects, bigger than the tip of your little finger, are already circling up there. They’re a real problem for space travel.“
„So, how does that get created? Do the astronauts throw their Snickers pack out the window?“
„Almost. It starts with mission-related objects, like explosive bolts, stems from collisions and from the ISS, whose surface, like on Earth, loses substance through use. The U.S. has had a system in place for some time, called Space Fence, to keep track. The Germans are just getting on board with a system called Gestra to get their own picture. It’s a rather weak system, and yet I think the Europeans are quicker to derive something from their observations than we are. With us, I’m never sure if we’re watching the garbage up there because we’re worried about the garbage or, if some paranoid CIA supervisor is worried that someone up there is hiding something in our garbage that could attack or monitor us.“
I was professionally conservative when it came to security issues and said, „That’s their job. I mean, to expect anything.“
„That may be so. I don’t mean any conspiracy things either. I’m more concerned that they’re wasting their time playing agent when we should be starting to think about how to clean up the trash we’re leaving everywhere and stop the damage from what we’ve already done.“
„I think you’re the first space environmental activist I’ve met.“
„That almost sounds like a compliment.“
„It is! And honestly, I’m already looking forward to tomorrow night.“
She actually blushed.
„We’d still have tonight,“ she said, and I could feel her suppressing the excitement in her voice.
„Not to mention this one. Even if I am a lousy conversationalist, by water.“
„We’ll keep it that way.“
„Good.“
She eyed me sternly.
„Help me put it together.“
„Will do, miss.“

01/21 PGF

2 Kommentare zu „Gestra (8)

  1. Dein Montag ließ es zu, zu schreiben. Das ist fein!

    Ich fühlte mich erneut gut unterhalten, las sehr gerne die Fortsetzung, mit Aha-Effekt (daher der Titel).

    Genieß deinen Feierabend…
    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

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