Gestra (12)

12.
Ich wurde wach, als es draußen schon taghell war. Ich zog mir Jeans, einen warmen Pullover und Stiefel an und machte mich auf den Weg zum »Mikes«, um dort zu frühstücken.
Mit Jez hatte ich nichts Festes verabredet, aber ich dachte mir, wenn wir uns, am Morgen sehen würden, dann sicher bei Mike.
Der wollte mich unbedingt zum Frühstück einladen, aber ich winkte ab.
»Vergiss es! Nein. Du weißt nicht, was ich alles weghaue. Das bekommst du in zehn Jahren nicht mehr eingenommen.«
Er machte ein entsetztes Gesicht.
»Da kennst du meinen Laden schlecht.«
… und lächelte …
»Aber – wie du willst! Der Kaffee jedenfalls geht auf mich.«
Damit war ich einverstanden.
»Nimm nur die großen Tassen.«
Er lachte.
»Schöne Scheiße gestern Abend.« Meinte er, während er meine Frühstückswünsche notierte. »Ich glaube, wir hatten Glück, dass nicht direkt auf uns niederging, was irgendwo in der Nähe aufgeschlagen ist.«
Ich hatte zu wenig Ahnung, um schon eine Meinung zu haben.
»Und was meinst du könnte runtergekommen sein?«
»Wenn es nichts militärisches oder Weltraumschrott war, dann ein ordentlicher Meteorit. Ich habe mich auf darauf gefreut, so etwas zu erleben, aber so habe ich es mir nicht vorgestellt.«
Ich lehnte mich in den bequemen Stuhl zurück, wie Mike sie bei seinen Tischen stehen hatte.
»Vielleicht haben, die da oben gedacht, wenn die da unten immer hochsehen, schicken wir ihnen mal eine Nachricht.«
»Dann war es aber eher Warnschuss, als ein Liebesbrief.«
Neue Gäste betraten das Café.
Mike begrüßte sie mit einer Handbewegung.
»Ich muss weitermachen.« Sagte er zu mir.
Ich ließ ihn ziehen.
Während ich auf mein Frühstück wartete, sah ich zum Fenster hinaus, wo der Herbst langsam die Bäume färbte. Ohne Fern- Heim- oder sonst ein -weh, dachte ich an Florida zurück und die Hitze. Das fehlte mir nicht. Hier oben, dass war eher meine Welt. Portland lag so weit im Norden, dass schon ein Stück Küste von Kanada östlich auf gleicher Höhe lag. Entsprechend rau war die Witterung und prägnant die Jahreszeiten. Ich glaubte nicht, dass mir vergönnt war lange in Kennebunk zu bleiben, aber diese Zeit würde ich genießen.
Die Tür zum Café ging auf und Jezebel sah herein. Sie entdeckte mich und schien sich darüber zu freuen.
Das war ein schönes, einfaches Gefühl, es glich nicht dem schicksalhaften, welches ich bei Beth empfunden hatte.
»Morgen.« Begrüßte sie mich.
»Guten Morgen. Zeit fürs Frühstück.«
»Nein, ich habe schon gegessen. Aber ich dachte mir, dass du hier bist.«
Wir schwiegen kurz.
»Und, wie geht es dir?«
Sie wackelte etwas mit dem Kopf, als wisse sie das selbst nicht genau.
»Etwas müde, noch etwas erschrocken und auch neugierig.«
Diese Mischung verstand ich gut.
»Du erinnerst dich noch an die Rauchsäule.«
Sie bejahte.
»Sollen wir uns in dem Wald mal ein bisschen umsehen?«
Das schien sie für einen brillanten Vorschlag zu halten.
»Sobald du satt bist.«
»Und koffeiniert.«
»Und das.«
Während ich frühstückte unterhielt sich Jez mit Mike, verpasste aber nicht den Moment, da ich den letzten Schluck Kaffee getrunken hatte.
»Gut wollen wir?«
Damit machten wir uns auf den Weg.
Sie parkte ihr Auto beim Observatorium, dass dank unserer nächtlichen Räumaktion schon wieder ganz gut aussah.
Der Parkplatz lag direkt an dem Waldstück, in den wir unsere Expedition starten wollten. Es war mir gestern noch ganz unscheinbar erschienen, eine zufällige Ansammlung vieler Bäume. Das hatte sich verändert. Der Wald wirkte geschlossen, wie ein Geschöpf, wie eine eingeschworene Armee, die sich an der Schlachtlinie postiert hat und ihr Geheimnis, ihr Banner nicht preisgeben wird.
»Sollen wir los?«
Jez, schien eine Veränderung ebenfalls wahrzunehmen.
»Ja, wobei ich mich frage, ob wir was finden können.«
Ich spürte, wie sie unbewusst einen Grund suchte, den Wald nicht zu betreten.
»Soll ich erstmal allein nachsehen?«
»Du hättest ja gar keine Ahnung auf was du achten musst.«
»Auf irgendetwas halt mit Tentakeln und großen Klauen.«
Sie schubste mich vorwärts.
»Wir sollten los, ehe deine Fantasie mit dir durchgeht.«

01/21 PGF

12.
I woke up when it was already daylight outside. I put on jeans, a warm sweater and boots and made my way to „Mike’s“ to have breakfast there.
I didn’t have a firm date with Jez, but I figured if we were going to see each other, in the morning, it would be at „Mike’s“ for sure.
He insisted on inviting me to breakfast, but I waved him off.
„Forget it. No. You don’t know what I’m going to knock off. You won’t get that in ten years.“
He made a horrified face.
„You don’t know my store very well then.“
… and smiled …
„But – as you like! Anyway, the coffee’s on me.“
I agreed with that.
„Just take the big cups.“
He laughed.
„Nice shit last night.“ He commented as he noted my breakfast requests. „I think we were lucky that whatever hit somewhere nearby didn’t come down directly on us.“
I had too little idea to have an opinion yet.
„And what do you think might have come down?“
„If it wasn’t something military or space junk, it was a decent meteorite. I was looking forward to experiencing something like that, but this isn’t how I imagined it.“
I leaned back in the comfortable chair like Mike had by his tables.
„Maybe, they thought up there, if they’re always looking up down there, we’ll send them a message sometime.“
„Then it was more of a warning shot than a love note.“
New patrons entered the café.
Mike greeted them with a wave of his hand.
„I have to get going.“ He said to me.
I let him pull away.
While waiting for my breakfast, I looked out the window where autumn was slowly coloring the trees. With no long-distance-home-or-anything-else ache, I thought back to Florida and the heat. I didn’t miss that. Up here, that was more my world. Portland was so far north that there was already a piece of the coast of Canada to the east at the same altitude. The weather was correspondingly rough and the seasons concise. I didn’t think I would be granted to stay long in Kennebunk, but I would enjoy this time.
The door to the café opened and Jezebel looked in. She spotted me and seemed pleased to see me.
It was a nice, simple feeling; it didn’t resemble the fateful one I had felt with Beth.
„Morning.“ She greeted me.
„Good morning. Time for breakfast.“
„No, I’ve already eaten. But I figured you’d be here.“
We were silent for a moment.
„So, how are you?“
She wiggled her head a little, as if she didn’t really know herself.
„A little tired, still a little scared, and curious too.“
I understood this mixture well.
„You still remember the pillar of smoke.“
She affirmed.
„Shall we take a look around the forest?“
She seemed to think that was a brilliant suggestion.
„As soon as you’re full.“
„And caffeinated.“
„And that.“
While I ate breakfast, Jez chatted with Mike, but didn’t miss the moment as I took the last sip of coffee.
„Well shall we?“
With that, we headed out.
She parked her car at the observatory, which was already looking pretty good thanks to our nighttime clearing.
The parking lot was right next to the wooded area where we were going to start our expedition. It had seemed quite inconspicuous to me yesterday, a random collection of many trees. That had changed. The forest seemed closed, like a creature, like a sworn army posted on the battle line that will not reveal its secret, its banner.
„Shall we go?“
Jez, seemed to notice a change as well.
„Yes, though I wonder if we can find anything.“
I sensed her unconsciously looking for a reason not to enter the forest.
„Do you want me to look by myself first?“
„You wouldn’t have any idea what to look for.“
„On something just with tentacles and big claws.“
She nudged me forward.
„We should get going before your imagination runs away with you.“

01/21 PGF

4 Kommentare

  1. Spaß und gute Unterhaltung, auch heute.

    Zwei Sachen sind mir aufgefallen. Was zuerst?
    Nun gut, ich vermisse, dass ich eine Vorstellung davon bekommen könnte, wie es beim Observatorium nach dem „Vorfall“ aussieht. D.h. meine Fantasie ist nicht in der Lage, sich IRGEND ETWAS vorzustellen, weil keine Beschreibung stattfand. Gibt es eine verbrannte Fläche? Sind zusätzliche Spuren/Reste von irgend etwas vorzufinden gewesen? Aufräumarbeiten, na gut. Aber welcher Art? Wurde Schrott weg geräumt, der von einem Ufo, Flugzeuge oder einem Raumgefährt stammen könnte? Wurden Gesteinsbrocken gefunden, die da nicht hin gehören? Ist das Dach gar nicht beschädigt gewesen und konnte man das einfach wieder so zuschieben, obwohl es eine so große „Detonation“ gegeben haben muss, die im ganzen Ort sichtbar war? Irgendwas geht da für mich (noch) nicht zusammen. Ich als Leser werde da mit etwas wenig Info zurück gelassen und das lässt Fragen der Glaubwürdigkeit entstehen.

    Was mir dagegen sehr gefiel war diese Wendung: „Das war ein schönes, einfaches Gefühl, es glich nicht dem schicksalhaften, welches ich bei Beth empfunden hatte.“
    Das ist dann mal ein Detail, das sehr wichtig ist, die genaue Qualität beschreibt, die womöglich viele schon so gemacht haben, ohne sie so benennen zu können.

    Also ich bin gespannt aufs weitere… 😉

    Geruhsames Wochenende!

    Gefällt 3 Personen

    Antworten

    1. Danke für die Rückmeldungen.

      Zum „Bild der Zerstörung“ überlege ich mir ein kurze Ergänzung, bei der Überarbeitung. Da ausser „Umgefallenem“ nichts passiert ist, sah ich keinen Anlass zu weiteren Schilderungen.
      Zusammen gehen kann noch nicht alles, da noch nicht alles erzählt ist 😉

      Den zweiten Punkt finde ich spannend, da Beth ja eigentlich fehlt, schön dass man es trotzdem erfassen kann.

      Schönen Abend
      Peter

      Gefällt 1 Person

      Antworten

      1. Nicht passiert außer „Umgefallenem“? Aber es war nach meinem Eindruck eine so starke Detonation oder Explosion, dass da mehr hätte passieren müssen als dass einfach Dinge umfallen und man wieder aufräumen kann. Aber ja, die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt. Der Punkt geht an dich 😉

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.