Gestra (13)

13.
Der Wald umfing uns mit seiner Stille. Die Stille hatte mich immer fasziniert, an Wäldern, obwohl es eigentlich, keine Stille, sondern ständig ein Geräusch gab: Geraschel im Unterholz, das Knacken von Ästen, Vogelgeflatter, Gezwitscher, der Wind in den Blättern, trotzdem war im Wald eine große Ruhe. Eine Ruhe, in der irgendwann ein Affe das Nachdenken begonnen hatte. Das war ein besonderer Moment der Schöpfung gewesen, ein wundervoller hätte er nicht bei Atombomben, Krieg und Umweltzerstörung geendet.
Jez nahm einen Kompass heraus.
»Der Wald ist trapezförmig. Ich denke, wir können die Randbereiche auslassen, sonst hätte Sheriff Donavan, von der Straße aus, schon etwas entdeckt.«
»Ich fand auch, dass die Rauchsäule, aus dem Wald aufgestiegen ist.«
Jez stimmte zu.
»Richtig. Wir gehen jetzt noch zwanzig Schritt in den Wald. Dann bilden wir zwei Reihen und gehen möglichst dicht, immer von West nach Ost, den Wald in Bahnen ab, bis wir das nördliche Drittel erreicht haben.«
»Beeindruckende Idee.«
»Na! Eigentlich nur der Standard. Dann folge mir.«
Wir gingen die zwanzig Schritt in den Wald und begannen unsere Rasterfahndung, die in der Theorie und auf einem freien Acker, wesentlich passender war, als in einem Wald mit all seinen Hindernissen.
Die nächste Stunde drückten wir Zweige beiseite, um uns einen Weg durchs Unterholz zu bahnen, hinterließen leichte Tritte im Waldboden, die ebenso schnell verschwanden, wie ein Schuhabdruck sich im Moos gebildet hatte und schoben, die noch dünne Laubschicht, mit dem Fuß nach rechts und links, um auch kürzlich Bedecktes aufzustöbern.
Wir störten Rehe auf und trafen auf einen Waschbären, sonst geschah nichts.
Die schräg stehend Sonne schuf wundervoll Licht- und Schattenspiele, zwischen den Ästen und im Laub. Ich wäre am liebsten stehen geblieben und hätte Luft und Ruhe genossen. Aber Jez drängte vorwärts.
»In 10er Reihen wären wir schneller.« Rief ich ihr zu.
Sie reagierte nicht, als wolle sie mir sagen, dass es ihr ganz recht war, wenn wir erstmal nur zu zweit waren.
Wir hatten etwa die Hälfte des Waldes, vielleicht auch schon Zweidrittel durchpflückt, als Jez Handy plötzlich klingelte. Das Geräusch klang völlig unnatürlich, so als wäre innerhalb dieses Waldes die Zeit stehen geblieben und der Tsunami Digitalisierung nicht über die Menschheit hinweg gerast.
Jez ging ran.
»Jez, hier.«
Sie hörte zu. Damit ich mitbekam, um was es ging, gab sie dem Anrufer Antworten, die vermutlich nicht nötig waren.
»Ja Joe, ist auch hier. Wir sollen zum Revier kommen, Sheriff Donavan? Ja, in welcher Sache? Ach, das sagen sie uns. Okay. Wir bräuchten noch – also jetzt gleich. Ist in Ordnung, wir kommen.«
Sie beendete das Telefonat.
Auch, wenn ich schon eine Ahnung hatte, fragte ich: »Der Sheriff will uns sehen?«
»Ja.«
»Aber wir können die Suche noch abschließen?«
»Nein, er will uns gleichsehen. Es sei wichtig.«
»Aber.«
»Joe, ich will keinen Ärger.«
Das sah ich ein. Aber es gefiel mir nicht. Ich hätte gern weitergesucht. Etwas in diesem Wald war anders. Ich hatte das Gefühl, wir waren der Sache gerade nähergekommen. Mir war, als würde uns etwas beobachten. Noch nicht lange. Erst, seit das Handy geklingelt hatte. Etwas analysierte uns, wie ein Mensch durch ein Mikroskop Einzeller beobachtet. Etwas für das wir eher Nahrung, als Feind waren.

01/21 PGF

13.
The forest surrounded us with its silence. The silence had always fascinated me, in forests, although there was actually, no silence, but constantly a noise: rustling in the undergrowth, the cracking of branches, birds fluttering, chirping, the wind in the leaves, yet there was a great silence in the forest. A silence in which at some point a monkey had started thinking. That had been a special moment of creation, a wonderful one had it not ended with atomic bombs, war and environmental destruction.
Jez took out a compass.
„The forest is trapezoidal. I think we can leave out the edge areas, or Sheriff Donavan, from the road, would have spotted something by now.“
„I also found that the column of smoke, rose from the forest.“
Jez agreed.
„Right. Now we’ll go another twenty paces into the forest. Then we’ll form two lines and walk as close as possible, always from west to east, covering the forest in lanes until we reach the northern third.“
„Impressive idea.“
„Well! Actually, just the standard. Follow me then.“
We walked the twenty paces into the woods and began our grid search, which in theory and in an open field, was much more appropriate than in a forest with all its obstacles.
For the next hour we pushed aside branches to make our way through the undergrowth, leaving light footsteps in the forest floor that disappeared as quickly as a shoeprint formed in the moss, and, pushing the still-thin layer of leaves with our foot to the right and left to pick up even recently covered ground.
We disturbed deer and encountered a raccoon, nothing else happened.
The slanting sun created wonderful plays of light and shadow, among the branches and in the foliage. I would have loved to stop and enjoy the air and peace. But Jez urged forward.
„We’d be faster in rows of 10.“ I called out to her.
She didn’t respond, as if to tell me that it was just fine with her if there were only two of us for now.
We had plowed through about half of the forest, maybe two-thirds, when Jez’s cell phone suddenly rang. The noise sounded completely unnatural, as if time had stood still inside this forest and the tsunami of digitization had not swept over humanity.
Jez answered it.
„Jez, here.“
She listened. Making sure I caught what it was about, she gave the caller answers that probably weren’t necessary.
„Yeah Joe, is here too. You want us to come down to the station, Sheriff Donavan? Yes, on what matter? Oh, they’ll tell us. Okay. We’d still need – so right now. It’s okay, we’ll be there.“
She ended the phone call.
Even though I already had a hunch, I asked, „The sheriff wants to see us?“
„Yes.“
„But we can still complete the search?“
„No, he wants to see us right away. He said it was important.“
„But.“
„Joe, I don’t want any trouble.“
I could see that. But I didn’t like it. I would have liked to keep looking. Something in those woods was different. I felt like we had just gotten closer to something. I felt like something was watching us. Not for long. Only since the cell phone had rung. Something was analyzing us, like a person observing single-celled organisms through a microscope. Something for which we were more food than enemy.

01/21 PGF

3 Kommentare zu „Gestra (13)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.