Gestra (14)

14.

Das Sheriff-Büro lag im Zentrum von Kennebunk. Ein schnuckliges, kleines Backsteingebäude umrahmt von Grünflächen, davor mit einer Bank zum Sitzen, die im Schatten einer Linde stand. Gegenüber der Polizeistation befand sich die Feuerwache und ganz in der Nähe eine Kirche und ein Immobilienmakler.
Während wir auf den Eingang zuliefen wirkte Jez angespannt. Sie war es nicht gewohnt vorgeladen zu werden. Mit der Polizei Ärger zu haben, war nichts, was sie in ihrer Biografie beschrieben haben wollte.
Ich gewohnt mit solchem Schlamassel umzugehen und versuchte sie zu beruhigen.
»Wahrscheinlich ist ihm eingefallen, dass er noch ein Protokoll schreiben muss. Mehr ist es nicht.«
Sie wirkte nicht überzeugt.
»Nein, Donavan denkt an so etwas frühestens einen Monat später. Aber nicht am nächsten Tag. Irgendetwas hat ihn aufgescheucht.«
Wir betraten das Gebäude und ein junger Officer nahm uns in Empfang.
»Sie wollen zu Sheriff Donavan?«
»Ja, exakt.«
»Einfach geradeaus. Er ist in seinem Büro. Ich glaube, er wartete schon.«
Ich spürte wie Jez Anspannung von 7 auf 9 sprang.
Sie klopfte und der Sheriff reagierte sofort.
»Herein!«
Donavan war nicht allein. In einem Stuhl, nahe seinem Schreibtisch, saß ein elegant gekleideter Mittvierziger. Er stand auf als wir eintraten. Sein schwarzer Anzug saß perfekt auf seinem Athletenkörper, der vermutlich auf 10-Kampf trainiert war. Er lächelte ruhig, aufmerksam, kühl und sicher, uns in Verlegenheit bringen zu können.
Ich überlegte ob Mercer mich so schnell schon entdeckt hatte.
»Jez, danke, dass Sie so schnell gekommen sind und Sie, Mister?«
»Joe, einfach Joe, leicht zu merken, macht keine Umstände.«
Einen Moment standen wir uns unentschlossen gegenüber.
Dann begriff Donavan, dass es an ihm war zu reden.
»So. Ach ja, das ist Agent Ryken, von der Homeland. Er hat ein paar Fragen, zu dem Vorfall letzte Nacht.«
Ryken nickte und bedachte uns mit einem warnenden Blick, ab jetzt nur noch die Wahrheit zu sagen.
Jez geriet spürbar in Panik.
»Aber Sheriff«, sagte sie und hatte kaum Luft zum Reden, »wir wissen rein gar nichts. Wir wollten eigentlich nur einen Sternenexplosion im Sternbild Schwan beobachten. Nichts Großes, wissen Sie. Also«.
Sie versuchte sich zu sammeln.
»Trotzdem kommen Sie eben aus dem Wald, um mal nachzusehen, was da nichts Besonderes war …«
Ryken hatte das Wort ergriffen. Seine Stimme oszillierte, um die emotionale Null-Linie. Von hier aus konnte es nett oder cholerisch werden, darüber entschied der Gegenüber, mit seiner Aufrichtigkeit. Seine Worte unterstrich er, mit einem Blick auf unsere Schuhe, an denen noch Erde und Tannennadeln hafteten.
»Aber nein, das war nur«.
Jez Gesicht glühte vor Aufregung. Ihr Leben war Grundschüler unterrichten und sich für die Umwelt einsetzen und nicht von Homeland befragt werden.
»Also haben Sie wohl was gesehen?« Hakte Ryken nach.
Donavan lehnte zurück und schien, per Live-Demonstration, zu lernen, wie man ein Verhör führt.
»Sir«, ich hob meinen Finger, »Sie kennen das bestimmt, wenn nachts irgendwo eine Tür klappert und man weiß sicher, dass es der Wind war, denn die klappert immer, im Oktober, wenn die Herbststürme kommen und trotzdem sieht man nach. Nicht, weil da etwas ist, sondern, weil man sicher wissen will, dass da nichts ist.«
Ryken war versucht mich zu ignorieren, um Jez besser in die Zange nehmen zu können. Aber er entschied sich dagegen.
»Joe? Richtig?«
»Ich sagte ja: leicht zu merken.«
»Sie sind nicht aus Kennebunk?«
»Nein, ich bin Tourist.«
»Das sagte Sheriff Donavan bereits. Aber es wird sie überraschen, ich konnte gar keinen festen Wohnsitz für Sie eruieren. Sheriff Donavan und ich waren so frei, in Ihrer Unterkunft ein paar Fingerabdrücke zu nehmen und abzugleichen.«
Ich blieb entspannt.
»Dann wissen Sie auch, dass ich Privatermittler bin und Bounty Hunter.«
»Sie haben Lizenzen, aber wie macht man das, ohne festen Wohnsitz und Büro.«
Jetzt wurde ich doch etwas nervös. Aber ich fing mich.
»Haben Sie meine Kontoauszüge gecheckt?«
Er sagte nein, aber ich wusste, dass hatte er längst getan.
»Sieht nicht ganz schlecht aus – oder?«
Ryken nickte widerwillig.
»Ja, Sie scheinen mal eine gute Auftragslage gehabt zu haben.«
»Sehen Sie und alles legal nachzuweisen. Deshalb reise ich durch unser schönes Land und, wenn ich denke: Wow! Das ist ja extrem schön! Dann kaufe ich mir ein Häuschen und verdiene noch ein paar mehr Dollar.«
Donavan sah uns zu, als hätte ich gerade einen Touch-Down verhindert und könne zum Gegenzug ansetzen.
Aber Ryken wollte es wissen.
»Und doch ist Kennebunk ein ruhiges Örtchen und kaum sind Sie da explodieren Bomben.«
Ich lachte.
Die drei anderen sahen mich an, als hätte ich kurzfristig den Verstand verloren.
»Eine Bombe«, erwiderte ich heiter, »Ihr von der Homeland habt echt Spaß. Wenn Sie meinen, da macht hier jemand Raketenübungen, dann fragen Sie nicht bei einer Grundschullehrerin und einem Touristen nach. Da kam was von oben, was da kam, machte ordentlich rumms, aber machte nicht mehr Schaden, als eine Druckwelle, was immer es war, es schlug im Wald ein. Vielleicht hätten wir es sogar gefunden, wenn Sie und der geschätzte Sheriff, uns nicht mit diesem netten Gespräch unterbrochen hätten. Wenn Sie nochmal, aus so belanglosen Gründen, meine Identität prüfen und meine Bürgerrechte ignorieren, schicke ich Ihnen die Dienstaufsicht! Verstanden?«
Ryken zuckte, aber er fiel nicht.
Das nun wiederum, machte mir Sorge. Ein überengagierter Beamter hätte sich den Fall zuteilen lassen und versucht etwas daraus zu machen, was seine Kariere fördert. Auf meine Reaktion hin, hätte er sich empört und sinnlos weitergebohrt. Aber Ryken blieb ruhig. So, als sei da wirklich etwas, dass er zu überprüfen hatte.
»Schön, dass wir zum Punkt kommen. Sie haben im Wald also nichts gefunden?«
»Nein.«
Ryken nickte zufrieden.
»Dann, denke ich, sollten wir uns das Gelände, doch mal alle zusammen ansehen.«

01/21 PGF

14.

The sheriff’s office was in the center of Kennebunk. A dinky little brick building framed by green space, with a bench to sit on in front, shaded by a linden tree. Across the street from the police station was the fire station and close by was a church and a real estate agent.
As we walked toward the entrance, Jez looked tense. She was not used to being summoned. Being in trouble with the police was not something she wanted described in her biography.
I used to deal with such mess and tried to reassure her.
„It probably occurred to him that he still had to write a protocol. That’s all it is.“
She didn’t seem convinced.
„No, Donavan doesn’t think of something like that until a month later at the earliest. But not the next day. Something spooked him.“
We entered the building and a young officer met us.
„You’re here to see Sheriff Donavan?“
„Yes, exactly.“
„Just straight ahead. He’s in his office. I think he was already waiting.“
I felt Jez’s tension jump from 7 to 9.
She knocked and the sheriff responded immediately.
„Come in!“
Donavan was not alone. In a chair, near his desk, sat a smartly dressed man in his mid-forties. He stood up as we entered. His black suit sat perfectly on his athlete’s body, which was probably trained to 10-fight. He smiled calmly, attentively, cool and sure to embarrass us.
I wondered if Mercer had spotted me so soon.
„Jez, thanks for coming so quickly, and you, mister?“
„Joe, just Joe, easy to remember, no trouble.“
For a moment we stood indecisively facing each other.
Then Donavan realized it was his turn to talk.
„So. Oh yes, this is Agent Ryken, from Homeland. He has a few questions, about the incident last night.“
Ryken nodded and gave us a warning look to tell only the truth from now on.
Jez was noticeably panicking.
„But Sheriff,“ she said, barely catching her breath to speak, „we don’t know anything at all. All we really wanted to do was watch a starburst in the constellation of Swan. Nothing big, you know. So.“
She tried to collect herself.
„Still, you just come out of the woods to take a look, which was nothing special there …“
Ryken had spoken up. His voice oscillated, around the emotional zero line. From here, it could become nice or choleric, it was decided by the counterpart, with his sincerity. He underlined his words, with a glance at our shoes, to which earth and pine needles still clung.
„But no, that was just“.
Jez face glowed with excitement. Her life was teaching elementary school students and advocating for the environment, not being questioned by Homeland.
„So I guess you saw something?“ Hooked Ryken.
Donavan sat back and seemed to be learning, via live demonstration, how to conduct an interrogation.
„Sir,“ I raised my finger, „I’m sure you know how it is when a door rattles somewhere at night and you know for sure it was the wind, because it always rattles, in October, when the fall storms come, and still you look. Not because there’s anything there, but because you want to know for sure there’s nothing there.“
Ryken was tempted to ignore me, to better heckle Jez. But he decided against it.
„Joe? Right?“
„I told you: easy to remember.“
„You’re not from Kennebunk?“
„No, I’m a tourist.“
„Sheriff Donavan already told me that. But you’ll be surprised to know I couldn’t elicit a permanent residence for you at all. Sheriff Donavan and I took the liberty of doing some fingerprinting and matching at your lodging.“
I remained relaxed.
„Then you also know that I’m a private investigator and a Bounty Hunter.“
„You have licenses, but how do you do that without a permanent residence and office.“
Now I was getting a little nervous after all. But I caught myself.
„Did you check my bank statements?“
He said no, but I knew he had already done that.
„Doesn’t look too bad – does it?“
Ryken nodded reluctantly.
„Yeah, you seem to have had a good order book at one time.“
„See, and all legal to prove. That’s why I travel around our beautiful country and, when I think, ‚Wow! This is extremely beautiful! Then I buy a cottage and make a few more dollars.“
Donavan watched us, as if I had just prevented a touchdown and could move to counter.
But Ryken wanted to know.
„And yet Kennebunk is a quiet little place and no sooner are you there than bombs go off.“
I laughed.
The other three looked at me as if I had momentarily lost my mind.
„A bomb,“ I replied cheerfully, „You guys at Homeland are really having fun. If you think there’s someone doing rocket drills here, don’t ask an elementary school teacher and a tourist. Something came from above, what came made a good rumble, but did no more damage than a blast wave, whatever it was, it hit the woods. We might even have found it if you and the esteemed sheriff, hadn’t interrupted us with that nice conversation. If you check my identity again, for such petty reasons, and ignore my civil rights, I’ll send you to Internal Affairs! Understood?“
Ryken flinched, but did not fall.
Now that, in turn, worried me. An over-committed officer would have had the case assigned to him and tried to make something out of it that would further his career. At my reaction, he would have become indignant and drilled on pointlessly. But Ryken remained calm. Like there was really something he needed to check out.
„I’m glad we’re getting to the point. So you didn’t find anything in the forest?“
„No.“
Ryken nodded with satisfaction.
„Then, I think we should check out the area, all together after all.“

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