Gestra (16)

16.

Wir standen vor dem Polizeirevier und Jez stand neben mir, als wäre sie beim Kiffen erwischt worden und würde bald von ihren Eltern abgeholt. Ich nahm ihre Niedergeschlagenheit, wie meine eigene wahr und deshalb dachte ich, für sie müsste auch das gleiche Gegenmittel hilfreich sein, wie für mich. Deshalb sagte ich, überzeugt dass es das Richtige sein müsse: »Wir warten bis morgen Früh und dann sehen wir uns den Rest des Waldes an. Irgendwas muss da sein, wenn Ryken«.
Sie sah mich an, als hätte ich sie geohrfeigt.
»Joe, ich gehe da nicht mehr hin?«
Das verstand ich nicht.
»Was ist mit dem Drittel, dass wir nicht untersucht haben?«
»Joe, ich will da nicht mehr hin. Soll Ryken es finden, wenn es etwas zu finden gibt. Ich war froh, als du gesagt hast, wir hätten alles untersucht. Ich dachte, du willst mich beschützen. Du willst mich retten, ehe wir immer tiefer in etwas hineingeraten«.
Sie brach ab und ich wusste sie dachte: Was vielleicht für dich üblich ist, aber nicht für mich.
Sie betrachtete mich ängstlich und zugleich vorwurfsvoll und ich dachte an das friedliche Kennebunk, an Jez und Ihre Kinder, an gemütliches Barbecue draußen beim Observatorium, ehe ich kam. Ich dachte an den Herbst, der die Stadt nun zeichnete. Wahrscheinlich planten die ersten schon Thanksgiving. Die Leute wurden nun gemütlich, zogen sich zurück in ihre hübschen Einfamilienhäuser und hofften, dass der Winter nicht zu hart werden würde. Was in diesem Bild störte, war ich.
»Wir sollten Essen gehen.«
»Was?«
»Wie neulich Abend, vorm Big Bang, nachdem wir das Observatorium vorbereitet hatten. Das war ein schöner Abend. Lass uns den Wald vergessen und den Herbst in Kennebunk genießen.«
Sie merkte, dass die Sache einen Haken hatte.
»Du willst abreisen, richtig?«
Ich log.
»Nein, ich bleibe noch ein paar Tage, aber die müssen wir ja nicht Homeland oder Starfield widmen. Eigentlich war es schön, einfach nur mit dir zu sein. Wir können am Meer spazieren und du kannst mich noch ein wenig umweltbewusster machen.«
Ich merkte, wie ich mich in etwas hineinredete, was nicht gut werden würde. Ich wollte ihr etwas Gutes tun. Ich wollte sie glücklich machen und deshalb sagte ich, was ich glaubte, dass sie glücklich machen würde. Aber es ist immer fatal, jemand glücklich zu machen, dass ist nicht besser, als ihm Heroin anzubieten.
Ihre Augen leuchteten. Sie hoffte. Sie dachte: Vielleicht bleibt er und ändert sich und wir haben es schön miteinander.
»Okay. Heute Abend um 8. Du suchst das Lokal aus.«
»Jep. Mit Vergnügen.«
Falsche Hoffnung wecken, war eine Einbahnstraße.
Ich entschied mich für das »Squaretoe´s«. Eine gute Wahl. Gute amerikanische Küche und eine freundliche Bedienung. Wir aßen Maine Hummer und tranken ein Glas kalifornischen Weißwein dazu. Jez entspannte sich nach und nach und wurde langsam wieder fröhlich. Ich war wie jemand, der beim Packen darauf achtet, dass sein Hotelzimmer so aussieht, als wäre er nie dagewesen. Ich wollte Jez in der Gemütsverfassung zurücklassen, in der sie mich aufgesammelt hatte und genauso lange, bis das erreicht war, würde ich bleiben.
Aber Entropie kennt kein Zurück.
Und so landete ich nicht, wie bei unserem letzten netten Abend, etwas Sex frustriert in meinem Hotelzimmer, sondern stemmte mich, in Jez Bett, leidenschaftlich über sie, während sie unter mir, mit jeder Bewegung ihres Beckens Befriedigung suchte. Nicht Befriedigung ihrer Lust, sondern ihrer Sehnsucht nach Liebe.
Aber ich konnte schlecht stoppen und: »Entschuldigung«, sagen, »mir fällt gerade auf, dass ich doch nicht so stark für dich empfinden, also von mir aus müssen wir nicht zu Ende machen.«

01/21 PGF

16.

We were standing in front of the police station and Jez was standing next to me, as if she had been caught smoking pot and would soon be picked up by her parents. I perceived her dejection as my own and therefore I thought that the same antidote would be helpful for her as for me. Therefore, convinced that it must be the right thing to do, I said, „We’ll wait until tomorrow morning and then we’ll go see the rest of the forest. There must be something there if Ryken.“
She looked at me as if I had slapped her.
„Joe, I’m not going back there?“
I didn’t understand.
„What about the third that we didn’t investigate?“
„Joe, I don’t want to go there anymore. Let Ryken find it if there’s something to find. I was glad when you said we’d investigated everything. I thought you were trying to protect me. You want to save me before we get deeper and deeper into something.“
She broke off and I knew she was thinking: What may be common for you, but not for me.
She looked at me anxiously and at the same time reproachfully and I thought of peaceful Kennebunk, of Jez and her children, of cozy barbecue out by the observatory before I came. I thought of the autumn that was now drawing the town. Probably the first ones were already planning Thanksgiving. People were getting cozy now, retreating to their pretty single-family homes and hoping winter wouldn’t be too harsh. What was disturbing in this picture was me.
„We should go out to dinner.“
„What?“
„Like the other night, before Big Bang, after we got the observatory ready. That was a nice evening. Let’s forget the woods and enjoy autumn in Kennebunk.“
She realized there was a catch to this.
„You want to leave, right?“
I lied.
„No, I’m staying a few more days, but it’s not like we have to devote them to Homeland or Starfield. Actually, it was nice just being with you. We can walk by the ocean and you can make me a little more environmentally conscious.“
I realized I was talking myself into something that wasn’t going to be good. I wanted to do something good for her. I wanted to make her happy, so I said what I thought would make her happy. But it’s always fatal to make someone happy, that’s no better than offering them heroin.
Her eyes lit up. She hoped. She thought: maybe he’ll stay and change and we’ll have a nice time together.
„Okay. Tonight at 8. You pick the place.“
„Yep. With pleasure.“
Raising false hopes was a one-way street.
I decided on „Squaretoe’s“. A good choice. Good American food and friendly service. We ate Maine lobster and had a glass of California white wine to go with it. Jez gradually relaxed and became cheerful again. I was like someone who, when packing, makes sure his hotel room looks like he was never there. I wanted to leave Jez in the frame of mind she had picked me up in, and just as long as it took to accomplish that, I would stay.
But entropy knows no turning back.
And so, instead of ending up in my hotel room frustrated without some sex, as I had been the last time we had had a nice evening, I found myself, in Jez’s bed, passionately thrusting over her as she sought satisfaction beneath me, with every movement of her pelvis. Not satisfaction of her lust, but of her longing for love.
But I could badly stop and say, „Excuse me, I just realized I don’t feel that strongly about you after all, so from my side we don’t have to finish.“

01/21 PGF

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