Gestra (17)

17.

Wir frühstückten zusammen, als hätten wir eine schöne und unverbindliche Nacht miteinander verbracht, aber mir war klar, dass Jez nicht bereit war, es bei der einen zu belassen. Wäre Beth nicht gewesen, vielleicht hätte ich mich in Jezebel so verlieben können, wie sie es in mich gerade tat. Aber mein Herz war wie ausgetrunken. Man konnte immer noch Tropfen Liebe herauspressen und ich war mir selbst so gleichgültig, dass ich mich dagegen nicht wehrte, aber es waren magere Tropfen die keinen Durst auf Dauer stillten.
»Sehen wir uns heute?« Fragte sie, als ich mich bereit machte zu gehen.
Da sie mir nicht so glücklich und in sich ruhend schien, wie bei meiner Ankunft sagte ich ja. Das blieb mein Vorsatz, keinen Schaden hinterlassen zu haben, wenn ich mich verabschiedete.
Zu Fuß ging ich zurück zu meiner Unterkunft, entschlossen, die verpassten Stunden Schlaf der letzten Nacht nachzuholen.
Tatsächlich gelang es mir sogar, noch ein paar Stunden zu schlafen.
Ich hielt es aus bis zum Nachmittag. Dann machte ich mich auf den Weg hinaus zum Starfield. Zu Fuß hätte ich sicher, mehr als eine Stunde gebraucht und wäre erst in der Dämmerung angekommen, meine zweitliebste Variante. Aber ich fand eine Gelegenheit per Anhalter mitzufahren und so war ich nur zwanzig Minuten, nachdem ich meine Unterkunft verlassen hatte, schon kurz vor dem Observatorium.
Der Ort wirkte verlassen und ich erinnerte mich, wie ich eine Woche zuvor, ziemlich verkatert, aber eher neugierig, den Feldweg entlang gegangen war. Damals war es mir mehr oder weniger gleichgültig was mich erwartete, heute empfand ich Unbehagen, auch, weil die Tage ohne Whiskey, meine Achtsamkeit für mich selbst erhöht hatten.
Ich blieb stehen und sah den Wald an. Wie ein Chirurg, ehe er den Hautschnitt setzt, einen Moment innehält, wissend, dass er im nächsten Moment eine Körperverletzung begeht, die jeden anderen ins Gefängnis bringt, hielt auch ich inne, als müsse ich mich sammeln, für das was mich erwartete. Aber was sollte das schon sein?
Nur ganz grob konnte ich mich orientieren, wie weit ich den Wald mit Jez ausgekundschaftet hatte. Als ich etwa auf der Höhe war, auf der wir Donavans Anruf erhalten hatten, fing ich an, in meiner etwas chaotischen Variante, die Suche nach etwas Auffälligem fortzusetzen.
Irgendwie schaffte ich es, nicht mal im Ansatz, dabei so strukturiert vorzugehen, wie zusammen mit Jez. Ich lief mal ein Stück in die eine Richtung, dann in die andere. Ließ mich von zwei Bäumen, von einer geraden Linie abbringen und suchte ein Stück Waldboden mehrfach ab, weil ich meinte eine Lücke im Laubdach zu erkennen, die von einem einschlagenden Gegenstand hätte geschaffen sein können.
Zwischendurch machte ich mir Sorge, um die einsetzende Dämmerung, dann wieder schien mir mein Atem viel zu laut, als würde ich damit etwas auf mich aufmerksam machen, was mein heiseres Schnaufen imitieren und sich dann an mich heranschleichen würde.
Ich wollte im nächsten Moment, die Suche aufgeben. Ich war schon so nah der Straße, zwischen die, und das Observatorium, der kleine Wald eingeklemmt war, dass ich vorbeifahrende Autos hörte, als ich einen beinah kreisrunden, etwas verkohlten Flecken Erde in mitten einer Lichtung entdeckte. Keine Lichtung die durch den Aufschlag entstanden war, sondern eine Lichtung, die dafür gewachsen schien, etwas in sich aufzunehmen, was vom Himmel kam, um es zu verstecken und ganz für sich zu behalten.
»Okay, Joe«, sagte ich in die Stille, »ein kleiner Schritt für einen Menschen, ein großer blablabla …«
Erst sah ich nichts Besonderes. Es war eine Lichtung, wie Lichtungen eben sind: mit einem Stück Wiese, mit etwas umgefallenem Baumstamm der von Moos überwuchert war und langsam verrottete, ein paar niedere Baumsprösslinge, die sich entschieden hatten, die Lücke da oben wieder zu schließen und ein paar Findlinge, als hätte Gott die abgelegt, falls sich Elfen und Zwerge dort, für einen Plausch zusammensetzen wollten.
Ganz in der Nähe, von zwei solcher Felsen, aus grauem Granit, die aussahen, wie zwei gewaltige Hühnereier, von denen eines umgefallen ist und das andere aufrecht stand, fand ich endlich was ich gesucht hatte.

01/21 PGF

17.

We had breakfast together as if we had spent a nice and noncommittal night together, but it was clear to me that Jez wasn’t ready to leave it at that one. If it hadn’t been for Beth, maybe I could have fallen in love with Jezebel the way she was falling in love with me right now. But my heart was drained. You could still squeeze out drops of love and I was so indifferent to myself that I didn’t fight it, but they were meager drops that didn’t quench any thirst for long.
„Will I see you today?“ She asked as I got ready to leave.
Since she didn’t seem as happy and at peace with herself as when I arrived, I said yes. That remained my resolution to leave no harm behind when I said goodbye.
On foot I walked back to my lodgings, determined to make up for the missed hours of sleep of the previous night.
In fact, I even managed to sleep a few more hours.
I held out until the afternoon. Then I made my way out to the Starfield. On foot it would have taken me more than an hour and I would have arrived at dusk, my second favorite option. But I found an opportunity to hitch a ride and so, just twenty minutes after leaving my lodgings, I was already just outside the observatory.
The place looked deserted and I remembered how I had walked along the dirt road a week before, rather hungover but rather curious. At that time I was more or less indifferent to what awaited me, today I felt uneasiness, also because the days without whiskey, had increased my attentiveness to myself.
I stopped and looked at the forest. Like a surgeon, before he makes the incision, pauses for a moment, knowing that in the next moment he will commit a bodily harm that will send everyone else to jail, I also paused, as if I needed to collect myself, for what awaited me. But what was that going to be?
I could only get a very rough idea of how far I had scouted out the forest with Jez. When I was about at the height where we had received Donavan’s call, I began, in my somewhat chaotic variant, to continue the search for something conspicuous.
Somehow I managed to not even begin to be as structured about it as I was together with Jez. I ran sometimes a piece in one direction, then in the other. I let myself be distracted from a straight line by two trees and searched a piece of forest floor several times, because I thought I could recognize a gap in the leaf canopy, which could have been created by an impacting object.
In between I was worried about the onset of dusk, then again my breath seemed much too loud, as if I would draw attention to something that would imitate my hoarse panting and then creep up on me.
I wanted in the next moment, to give up the search. I was already so close to the road, between which, and the observatory, the small forest was wedged, that I heard passing cars, when I discovered an almost circular, somewhat charred patch of earth in the middle of a clearing. Not a clearing that had been created by the impact, but a clearing that seemed grown to hold something that came from the sky, to hide it and keep it all to itself.
„Okay, Joe,“ I said into the silence, „one small step for a human, one big blah blah blah …“
At first I saw nothing in particular. It was a clearing, as clearings go: with a patch of meadow, with some fallen tree trunk overgrown with moss and slowly rotting, a few low tree saplings that had decided to close the gap up there again, and a few boulders, as if God had put them down, in case elves and dwarves wanted to sit there, together, for a chat.
Nearby, two such rocks, made of gray granite, which looked like two enormous chicken eggs, one of which fell over and the other stood upright, I finally found what I was looking for.

01/21 PGF

13 Kommentare zu „Gestra (17)

  1. Da bist du ja brillant um die Kurve gekommen, was die Gedanken bezüglich der ‚Vereinigung‘ anbelangt, sei’s drum. 🙂 Was mir jedoch aufstieß, war Folgendes: „Wäre Beth nicht gewesen, vielleicht hätte ich mich in Jezebel so verlieben können, wie sie es in mich gerade tat.“
    Das liest sich nach dem zweiten Komma ein wenig unperfekt….man ‚tut‘ sich nicht verlieben. :-/
    Ist aber nur meine Meinung. 🙂
    Ansonsten: Es bleibt spannend….!
    Liebe Grüße …. 🙋🏻‍♀️

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