Gestra (18)

18.
Das Licht war schon so schwach, dass ich, wider Willen, sehr nah rangehen musste, um etwas genauer zu sehen, was da lag. Es war auch nicht nur eine Sache die es zu betrachten gab, sondern zwei, die mich beide, auf ganz unterschiedliche Art faszinierten. Sie befanden sich in einem etwa ein Meter großen, kreisrunden Brandfleck.
Da war zum einen ein Keimling, ungewöhnlich groß, ungewöhnlich schön, den ich eher im Frühling und in einem tropischen Dschungel erwartet hätte, als in Maine, während der Herbst einsetzt.
Und darunter, fast, wie ein futuristischer Blumentopf lag, was mich beinah noch mehr faszinierte, ein – mir fehlten die Worte – ein technisches Gerät, wie ich es nicht von irdischen Einsatzgebieten kannte, dass ich mir aber, von Menschen Hand gebaut vorstellen konnte und dass mich ganz entfernt, denn ihm fehlten Räder oder Ketten, an den Marsrover erinnerte, den ich Jahre zuvor in einer Doku gesehen hatte.
Einige Teile waren durch große Hitze, bis zur Unkenntlichkeit geschmolzen, andere verbogen und verdreht. Aber in der Mitte war ein Korpus, ein Rechteck von der Größe dreier Schuhkartons zu sehen, welcher das Zentrum, der Konstruktion bildete. Ich meinte, an einer Stelle eine Kombination aus Zahlen und Buchstaben zu erkennen, aber, es dämmerte schon stark. Als ich näher ran ging vernahm ich einen beißenden, stechenden Geruch, als sondere der Keimling eine Substanz aus, die mich abhalten sollte, ihm näher zu kommen. Ich hielt die Luft an, um mich davon nicht bremsen zu lassen, doch Gestank, schien nicht das einzige Verteidigungssystem. Die kleine Pflanze umgab ein Feld, eine Wärmeaura, die außen eher kühl, nach innen schnell an Hitze gewann. Meiner Backe erging es, als hätte ich mich zu schnell einer Herdplatte genähert.
Mit einem: »Scheiße nochmal!« Zog ich den Kopf rasch zurück.
Ich atmete durch.
Der Keimling und ich betrachteten uns. Also so kam es mir vor.
»Du kleiner Scheißkerl«, dachte ich. »Ich will doch gar nichts von dir. Ich will doch nur auf die Kiste sehen.«
Ich zückte mein Smartphone und aktivierte die Taschenlampe. Ich zielte schon auf den rechteckigen Metallkörper, als mein Oberkörper noch zurückgelehnt war, aber im nächsten Moment schnellte ich nach vorne, soweit es die Wärme zu ließ und machte zwei Fotos. Diesmal war ich schneller, als der Hitzeschild.
Ich öffnete die Galerie. Ich hatte was ich wollte. Zu lesen war auf der Metallplatte, auf der die Pflanze wuchs: »…osse5« und »NROL« dann was Unkenntliches und daneben »6«.
Ich entspannte mich. Okay, das waren Zahlen, gute menschliche Zahlen, sogar Buchstaben und nicht mal chinesische Schriftzeichen, gute, echte amerikanische Schrift. Ich war noch nie Patriot gewesen, aber in diesem Moment war ich es. Es war einfach nur ein Stück Schrott vom Himmel gefallen. Nicht mehr! Einfach altes, verglühendes Blech, dass uns über die Köpfe gerauscht war und etwas erschreckt hatte. Nun, das Meade war immer noch nicht repariert und eines der Kinder hatte sich von seinen Eltern schwören lassen, dass es nie mehr zum Observatorium mitmusste, aber so war Forschung, so war Wissenschaft: sie forderte Opfer, aber am Schluss brachte sie klare Erkenntnis.
Hier verfing sich mein Gedanke. Oder besser hier regte sich mein jahrelang trainierter Instinkt für Gefahren und Schwierigkeiten. Ich richtete meinen Blick wieder auf den Keimling. War er in der kurzen Zeit gewachsen? Und warum war er auf dem Blechhaufen? Es hätte ihn doch verbrennen müssen, als das Ding aufschlug. Das war es: der Keimling hätte darunter sein müssen und nicht darauf. Er musste nach dem Aufprall gewachsen sein. Aber so schnell?
Das Licht um mich war nun fast völlig verschwunden. Ich stand in diesem dunklen Wald, der verbeulten Blechbüchse und der Pflanze gegenüber und merkte, wie meine Entspannung stockte.
Ich würde das heute Abend nicht mehr auflösen können. Ich hatte Jez versprochen sie zu treffen. Es war besser zu gehen und morgen, bei Tageslicht nochmal zurück zu kommen. Sollte ich die Stelle markieren? Warum? Sollte der Keimling etwa weglaufen? Tatsächlich traute ich ihm das irgendwie zu, aber dann würde auch keine Markierung helfen. Nein, ich ging einfach nicht den Weg zurück, sondern vorwärts, nach unten zur Straße, dort konnte ich mir etwas merken und am Morgen, mit mehr Licht und Jez, den Platz von dort aus wiederfinden.
Ich stand auf. Ich war froh gehen zu dürfen. Ich hätte diese Nacht, nicht in diesem Wald verbringen mögen unter keinen Umständen.
Ich schüttelte mich und lief los. Mein Gang glich dem, den ich hatte, wenn ich mit meinem »Versetzung gefährdet«-Zeugnis, als Kind nach Hause gelaufen war. Und ähnlich lang, wie damals der Heimweg, erschien mir jetzt das Stück Weg bis zur Straße.

01/21 PGF

18.
The light was already so weak that I had to get very close, against my will, to see a little more precisely what was lying there. It was also not only one thing to look at, but two, which fascinated me both, in quite different ways. They were in a circular burn spot about a meter across.
There was, first, a seedling, unusually large, unusually beautiful, that I would have expected to see in spring and in a tropical jungle, rather than in Maine as fall sets in.
And underneath, almost like a futuristic flowerpot, what fascinated me almost more, was a – I was at a loss for words – technical device, the likes of which I had not seen on Earth, but which I could imagine built by human hands, and which reminded me very distantly, for it lacked wheels or chains, of the Mars rover I had seen in a documentary years before.
Some parts were melted by great heat, beyond recognition, others bent and twisted. But in the middle there was a body, a rectangle the size of three shoe boxes, which formed the center of the construction. I thought I could see a combination of numbers and letters in one place, but, it was already dusk. When I went closer, I recogniced an acrid, pungent smell, as if the seedling was emitting a substance to keep me from getting closer to it. I held my breath to not let it slow me down, but stench, didn’t seem to be the only defense system. The small plant surrounded a field, an aura of warmth that was rather cool on the outside, quickly gaining heat on the inside. My cheek felt as if I had approached a hot plate too quickly.
With a, „Fuck it!“ I quickly pulled my head back.
I took a breath.
The sprout and I looked at each other. So that’s how it seemed to me.
„You little shit,“ I thought. „I don’t want anything from you. I just want to look at the box.“
I pulled out my smartphone and activated the flashlight. I was already aiming at the rectangular metal body while my upper body was still leaning back, but the next moment I sped forward as far as the heat would allow and took two photos. This time I was faster than the heat shield.
I opened the gallery. I had what I wanted. To read was on the metal plate on which the plant grew: „…osse5“ and „NROL“ then something unrecognizable and beside it „6“.
I relaxed. Okay, these were numbers, good human numbers, even letters and not even Chinese characters, good, real American writing. I had never been a patriot, but at that moment I was. It was just a piece of junk fallen from the sky. Nothing more. Just old, burning up sheet metal that had whizzed over our heads and scared us a little. Well, the Meade was still not repaired and one of the children had made his parents swear that he would never have to go to the observatory again, but that was research, that was science: it demanded sacrifices, but in the end it brought clear knowledge.
Here my thought got caught. Or rather, here my instinct for danger and difficulty, trained for years, stirred. I turned my gaze back to the seedling. Had it grown in the short time? And why was it on the tin pile? Surely it should have burned him when the thing hit. That was it: the seedling should have been under it, not on it. It had to have grown after the impact. But so quickly?
The light around me was now almost completely gone. I stood in that dark forest, facing the dented tin can and the plant, and realized how my relaxation faltered.
I would not be able to resolve this tonight. I had promised Jez I would meet her. It was better to leave and come back tomorrow, in daylight. Should I mark the spot? Why? Was the seedling supposed to run away? In fact, I kind of trusted him to do that, but then no marking would help either. No, I just didn’t go back the way I came, but forward, down to the road, there I could remember something and in the morning, with more light and Jez, find the place again from there.
I stood up. I was glad to be able to go. I would not have liked to spend this night, in this forest under any circumstances.
I shook myself and started walking. My gait was similar to the one I had when I walked home with my „transfer in jeopardy“ certificate as a child. And as long as the way home seemed to me then, now the piece of way up to the street seemed to me.

01/21 PGF

5 Kommentare zu „Gestra (18)

  1. Ich war sehr gespannt, was in diesem Teil der Geschichte kommen wird. Ich hatte keine Ahnung oder Vorstellung. Was du da aus dem Hut zauberst, wow… Da muss man erst mal drauf kommen. Denke, deswegen schreibst DU (und nicht ich) 😉 solches Stories 👍🏼

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