Gestra (19)

19.
Ich landete auf der Straße, auf der ich, nach meiner Nacht am Randstreifen, den Weg zum Observatorium entdeckt hatte. Der Feierabendverkehr, den ich vorher, vom Wald aus, gehört hatte, ebbte ab und ich lief gut zehn Minuten bis ein erstes Auto vorbeikam und weitere fünf, bis eines hielt, um mich mitzunehmen.
Der Fahrer wollte in die gleiche Richtung, in der Jez wohnte und er war offenkundig beruhigt, dass der Fremde den er mitnahm, mit der Grundschullehrerin seiner Tochter bekannt war.
»Die Kinder lieben sie«, meinte der Mann.
Jez war überrascht, als ich plötzlich vor ihrer Tür stand. Wir hatten zwar verabredet uns zu sehen, aber keine Uhrzeit ausgemacht.
Sie freute sich, dass ich da war, ich wusste nicht, ob es mir genauso ging.
Den ganzen Weg zu ihr, hatte ich formuliert und verworfen, wie ich sie bitten würde, mir zu helfen, das Ding im Wald näher zu untersuchen. Jetzt da ich vor ihr stand, hielt ich das für keine gute Idee. Mir war bewusst, dass ich Jez in Schwierigkeiten brachte, wenn ich sie bat mit in den Wald zu gehen. Andererseits brauchte ich ihr Wissen.
»Komm doch rein!« Sie lachte fröhlich. »Soll ich mich anziehen? Wollen wir ausgehen?«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Später vielleicht.«
Sie hatte nichts dagegen.
»Wie du willst. Warst du am Meer draußen?«
Ich verneinte, während wir uns setzten.
»Nein, ich habe mir die Gegend angesehen.«
»Kennebunk?«
»Ja – ja, im weitesten Sinn.« Ich entschloss mich, den Wald nicht zu erwähnen, weil ich alles erklären würde, wenn ich ihn erwähnte.
Jezebel merkte mir meine gedrückte Stimmung an, ließ mich aber in Ruhe. Sie schlug vor, etwas für uns zu kochen und es uns einfach gemütlich zu machen.
Dem stimmte ich zu.
Die nächste Stunde war zäh: Ich nippte an meinem Glas, stocherte in meinem Essen (obwohl es köstlich war) und schenkte Jez, anschließend auf dem Sofa, die Nähe, die sie suchte, lag aber bei ihr, als hätte sie mich dafür bezahlt.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus.
»Hast du vielleicht einen Whiskey hier?«
Sie bewegte sich von mir weg, als bereite sie sich vor, mir ins Gewissen zu reden. Aber ich bremste sie, ehe sie weit kam.
»Ich will keine Flasche, nur ein Glas. Und: Ja, ich hatte zu viel getrunken, als wir uns getroffen haben. Und ja, ich trinke vermutlich immer zu viel. Aber nein, ich bin kein Alkoholiker, sondern ein Genussäufer, der sein Leben im Griff hat.«
Sie betrachtete mich vorwurfsvoll.
»Meistens im Griff hat.« Ergänzte ich.
Damit ließ sie mich reden.
»Was ist los Joe? Du bist heute ganz anders.«
»Hast du einen Whiskey?«
»Ich kann nachsehen. Ich habe eine Flasche, die ich manchmal fürs Kochen verwende.«
Sie brachte eine Flasche schottischen Whiskey, die bis zur Hälfte leer war und sich als deutlich besser erwies, als ich vermutet hatte. Eher sanft, mit Aromen von Karamell bis Mandarine und Limette.
»Den verwendest du zum Kochen?«
»Ja, ist der gut?«
»Ganz ordentlich.«
Sie schenkte sich einen Mini-Schluck ein, nippte und schüttelte angewidert den Kopf.
»Nein, nichts für mich.«
Ich versuchte nicht, sie vom Gegenteil zu überzeugen.
»Du wolltest mir etwas erzählen?« Drängelte sie.
Ich hielt das Glas in den Händen, als würde es Wärme verströmen.
»Ich war heute noch mal im Wald.«
Sie schmunzelte.
»Das dachte ich mir.« Sie wartete, ehe sie fragte: »Hast du was gefunden?«
Ich nickte und leerte das Glas. Ich genoss, wie der Whiskey meine Speiseröhre hinabbrannte.
Sie setzte sich, auf dem Sofa in den Schneidersitz und schubste mich.
»Na! Dann erzähl schon.«
Ich erzählte ihr, von dem Blechhaufen und der Kennzeichnung und auch von dem Keimling, auch, wenn ich den, als nicht besonders erwähnenswert beschrieb. Dann zeigte ich ihr die beiden Bilder die ich gemacht hatte.
»Wir sollten das den anderen sagen; und Sheriff Donavan und diesem Agenten.« Meinte sie begeistert.
Der Meinung war ich nicht. Ich dachte an Wang und Mercer und eben Ryken.
Ich wandte mich ihr zu.
»Nein, dass denke ich nicht. Ich will erst dass du es siehst, ehe ich Ryken oder sonst jemand informiere.«
Das verstand sie nicht.
»Aber, wieso denn. Das ist doch spannend. Und wir haben Donavan versprochen«.
Ich nahm ihre Hand und ich wusste, dass ich ihr damit eine Zuneigung versprach, die nur diente sie gefügig zu machen.
»Dass können wir alles tun, wenn ich deine Meinung allein gehört habe. Wenn du dort warst, wirst du besser verstehen, was mich zögern lässt.«
»Aber ich bin keine Expertin. Wenn es sich um Satellitenteile handelt, habe ich kaum Ahnung. Da wäre Mike groß darin.«
»Dafür«, ich zog sie zu mir, »bist du verlässlich und das ist das Wichtigste, was ich jetzt brauche.«
Sie ließ sich in meine Arme sinken.
Wir diskutierten nicht weiter.

01/21 PGF

19.
I ended up on the road where, after my night on the shoulder, I had discovered the path to the observatory. The after-work traffic I had heard earlier, from the woods, died down and I walked for a good ten minutes until a first car came by and another five until one stopped to give me a ride.
The driver was headed in the same direction Jez lived and he was obviously reassured that the stranger he was giving a ride to was acquainted with his daughter’s elementary school teacher.
„The kids love her,“ the man commented.
Jez was surprised when I suddenly appeared at her door. We had arranged to see each other, but had not set a time.
She was happy that I was there, I didn’t know if I felt the same way.
All the way to her, I had formulated and discarded how I would ask her to help me investigate the thing in the woods more closely. Now that I was in front of her, I didn’t think that was a good idea. I was aware that I would get Jez into trouble if I asked her to go into the forest with me. On the other hand, I needed her knowledge.
„Come on in!“ She laughed happily. „Do you want me to get dressed? Do you want to go out?“
I shrugged.
„Later, maybe.“
She didn’t mind.
„Suit yourself. Have you been out by the sea?“
I replied in the negative as we sat down.
„No, I was checking out the neighborhood.“
„Kennebunk?“
„Yes – yes, in the broadest sense.“ I decided not to mention the forest because I would explain everything if I mentioned it.
Jezebel noticed my depressed mood, but left me alone. She suggested to cook something for us and just get comfortable.
I agreed to that.
The next hour was tough: I sipped my glass, poked at my food (though it was delicious) and gave Jez, afterwards on the sofa, the closeness she was looking for, but lay with her as if she had paid me for it.
At some point, I couldn’t take it anymore.
„Do you have any whiskey here?“
She moved away from me, as if preparing to speak into my conscience. But I slowed her down before she got far.
„I don’t want a bottle, just a glass. And, yes, I had too much to drink when we met. And yes, I probably always drink too much. But no, I’m not an alcoholic, I’m a pleasure drinker who has his life under control.“
She regarded me reproachfully.
„Mostly in control.“ I added.
With that she let me speak.
„What’s the matter Joe? You’re all different today.“
„You got any whiskey?“
„I can check. I have a bottle I use for cooking sometimes.“
She brought out a bottle of Scotch whiskey that was halfway empty and turned out to be much better than I had suspected. Rather smooth, with flavors ranging from caramel to tangerine and lime.
„You use that for cooking?“
„Yes, is it good?“
„Pretty decent.“
She poured herself a mini-sip, sipped, and shook her head in disgust.
„Nope, nothing for me.“
I didn’t try to convince her otherwise.
„You had something to tell me?“ She urged.
I held the glass in my hands as if it gave off warmth.
„I went to the woods again today.“
She smirked.
„I thought so.“ She waited before asking, „Did you find anything?“
I nodded and drained the glass. I enjoyed the way the whiskey burned down my esophagus.
She sat down, cross-legged on the sofa, and nudged me.
„Well, go ahead and tell me.“
I told her, about the tin pile and the marking and also about the sprout, even though I described that, as not particularly worth mentioning. Then I showed her the two pictures I had taken.
„We should tell the others; and Sheriff Donavan and that agent.“ She said enthusiastically.
I didn’t agree. I thought of Wang and Mercer and just Ryken.
I turned to her.
„No, I don’t think so. I want you to see it first before I inform Ryken or anyone else.“
She didn’t understand.
„But, why. It’s exciting, isn’t it? And we promised Donavan.“
I took her hand, and I knew I was promising her affection that only served to make her compliant.
„That we can do everything when I have heard your opinion alone. When you’ve been there, you’ll understand better what makes me hesitate.“
„But I’m not an expert. If it’s satellite parts, I have little idea. That’s where Mike would be big on.“
„For that,“ I pulled her to me, „you’re reliable, and that’s the most important thing I need right now.“
She let herself sink into my arms.
We didn’t discuss it any further.

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